Die besten Boxfilme waren im Herzen immer auch Pulp-Fiction-Stories, billige Geschichten wie aus einem Groschenroman. Mark Robsons "Der Champion" (1948) zum Beispiel. Kirk Douglas spielte darin einen kleinen schmutzigen Jungen, der sich über Nacht mit nicht minder schmutzigen Tricks durch den Korruptionssumpf boxte und seine Karriere am Ende mit dem Leben bezahlt. Oder John Hustons "Fat City" (1971), in dem zwei Boxer in einem Gym am Ende der Welt um etwas soziales Ansehen ringen. Komplexe soziale Verhältnisse auf den kleinsten Nenner runterbrechen: Der Boxfilm, in seiner klassischen Form ein tendenziell eher linkes Genre, war immer dann am überzeugendsten, wenn er diese fiese, dreckige Subkultur ohne romantische Floskeln darstellte.
Back to the Roots
Clint Eastwoods "Million Dollar Baby" hat gute Chancen in dieses Pantheon des Boxfilms aufgenommen zu werden, obwohl seine “liberale” Gesinnung nicht mit einer genuin linken Haltung verwechselt werden sollte. Eastwood nimmt nur die Wurzeln des Boxfilms so ernst wie schon lange kein Regisseur mehr. Grünlich-braun schimmert die heruntergekommene Boxhalle, die "Hit Pit Gym", irgendwo in den Außenbezirken von Los Angeles. Kein Ort, an dem man sich für eine große Zukunft wappnet; ganz im Gegenteil sind hier schon einige große Karrieren geendet. Wie die von Eddie "Iron Scrap" Dupris (Morgan Freeman). Einst ein viel versprechender Boxer, stand er kurz kurz vor dem großen Durchbruch, bis er in seinem wichtigsten Kampf nicht aufpasste und ein Auge verlor. Jetzt schrubbt er im "Hit Pit" den Boden und kümmert sich um verstopfte Toiletten.
Frankie Dunn, gespielt von Eastwood selbst, ist eine Figur geschnitzt aus echtem Pulp-Fiction-Holz. Seine Stimme ist rauh und kratzig, und kein Wort zuviel presst er durch seine Zähne. "Tough ain't enough! - Stark sein ist nicht genug!” ist sein Lieblingsspruch. Einst war Frankie der beste "Cut Man" der Branche, der Mann am Ringrand, der sich um die gröbsten Wunden der Boxer kümmert, der den Blutsturz mit allen erdenklichen Mitteln zum Stoppen bringt, bevor der Ringrichter den Kampf abbricht. Einmal sehen wir Eastwood bei der Arbeit zu, und die Kamera zoomt direkt hinein in die Wunde, in das dampfende Fleisch. So müssen echte Box-Geschichten aussehen: keine Subtilitäten, den Gegenüber immer in Reichweite halten, mit dem Wissen der Straße ausgerüstet. "Boxen ist ein unnatürlicher Akt", sagt Freeman aus dem Off, so wie es sich für jedes Hardboiled-B-Movie gehört, "denn alles passiert rückwärts. Manchmal ist der beste Punch ein Schritt zurück. Doch wenn du dich zu weit zurückziehst, fightest du plötzlich gar nicht mehr."
Mann mit Vergangenheit, Mädchen mit Hoffnung
Irgendwann steht wie aus heiterem Himmel eine junge Frau in Frankies "Hit Pit Gym". Viel hat sie nicht mitgebracht. Ihren kargen Unterhalt verdient sich Maggie (Hilary Swank) mit Kellnern, und das Abendbrot kratzt sie sich von den halb leeren Tellern ihrer Gäste zusammen. Alles, was sie hat, ist Hoffnung, aber davon immerhin jede Menge: "Wenn Sie mich trainieren, Sir, kann ich es schaffen, ich weiß es!" Frankie nennt sie "Girlie", Maggie sagt zu ihm "Boss". Sie sind ein ungleiches Duo, aber er nimmt sich ihrer - zunächst widerwillig ("Ich trainiere keine Mädchen!") - an, zeigt ihr die kleinen Tricks, die aus einer guten Fighterin eine hervorragende Boxerin machen. Zur Entspannung liest er Yeats (auf Gälisch!), denn natürlich ist Boxen eine intellektuelle Beschäftigung. Wer das nicht kapiert hat, wird es im Ring sowieso zu nichts bringen.
An seiner Yeats-Lektüre hat Frankie vielleicht auch seinen Fatalismus geschärft. Vielleicht liegt es aber auch an den ungeöffneten Briefen, die sich abends, wenn er nach Hause kommt, auf seiner Türschwelle stapeln. Seit zwanzig Jahren hat er nichts mehr von seiner Tochter gehört, und genauso lange treibt es Frankie schon in die Kirche. Jemand wie er, sagt der Priester einmal zu ihm, der keine Messe verpasst, muss schon einen ganz gewaltigen Brocken Vergangenheit zu bewältigen haben. Frankie ist ein Verlorener. Maggie eine Heimatlose, eine aus dem Trailerpark. Dahin, sagt sie Frankie, will sie nie wieder zurück. Also muss er sie mitnehmen – wenn es sein muss, ganz nach oben.
Freemans kernige Off-Kommentare lassen Eastwoods Film wie eine ledergebundene Box-Bibel klingen. So viel Raum, so viel Zeit nehmen sich nicht mehr viele Regisseure. Wenn formale Ökonomie ein Merkmal guter Pulp Fiction ist, dann ist Eastwood ein Zen-Meister dieses Minimalismus'. Klischees ja, aber bitte keine Rührseligkeiten. Der Soundtrack, wie schon in "Mystic River" von Eastwood selbst geschrieben, ist sparsam und drängt sich kaum auf. Hier ein paar klapprige Bluegrass-Akkorde, hin und wieder einige klagende Piano-Figuren. Die Vater-Tochter-Geschichte entwickelt sich reibungslos, doch seine Vorhersehbarkeit reicht "Million Dollar Baby" nie zum Nachteil, weil Eastwood einen seltenen Humanismus an den Tag legt. Dieser Humansimus allerdings bedarf auch einmal einer genaueren Untersuchung. Denn am Ende wird "Million Dollar Baby" kein Siegerfilm sein. Und über Verlierer richtet in Amerika immer noch eine andere moralische Instanz als über die Gewinner.
Man darf über "Million Dollar Baby" nicht zu viel verraten: Der ganze Film dreht sich um einen entscheidenden Angelpunkt, an dem urplötzlich eine andere Wertediskussion als bloß die um eine schnörkellose Pulp-Fiction-Moral in Gang gesetzt wird. Irgendwann zerfällt der Film in zwei Teile. Es ist ein schmerzhafter Bruch, doch er wirft auch ein neues Licht auf die erste Hälfte von "Million Dollar Baby", der Siegerfilm-Hälfte, und auf Eastwoods humanistisches Weltbild an sich. Eastwoods trockener Pessimismus, der fast jeden seiner Filme seit "Erbarmungslos" (1992) zusammenhält, ist ein seltenes Gut im Hollywood-Film der Gegenwart, noch seltener sogar als seine zutiefst empfundene Ablehnung für traditionelle Institutionen wie Kirche und Gesetz.
Unter solch einem Aspekt muss man "Million Dollar Baby" (als Ganzes, nicht als Summe zweier vermeintlich gegensätzlicher Teile) betrachten. Der Mensch als den gesellschaftlichen Institutionen enrfremdetes Individuum, ganz auf sich allein und sein Urteilsvermögen gestellt. Welche moralischen Ansprüche sollen für ihn da Gültigkeit haben? “Nach "Mystic River" bewegt sich Eastwood mit "Million Dollar Baby" (ähnlich auch wie in seinen Spaghetti-Western der 1960er- und 1970er-Jahren), erneut auf dem schmalen Grat zwischen einem fast darwinistischen Verständnis von sozialem Gemeinwesen und einer extremen Ausformung von Humanismus. Humanismus als Form letzter Gnade.
Million Dollar Baby, USA 2004, Regie:Clint Eastwood, Buch: Paul Haggis, F.X.Toole, mit Clint Eastwood, Hilary Swank, Morgan Freeman, Jay Baruchel, Mike Colter, Lucia Rijker, Brian O’Byrne, Anthony Mackie, Margo Martindale, Riki Lindhome, Michael Peña , Kinostart: 24. März 2005 bei Kinowelt
Foto: Verleih
Andreas Busche schreibt für und über die Kulturindustrie und macht zurzeit eine Ausbildung zum Filmrestaurator.
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