Vielleicht hat Charles Darwin geträumt. Vielleicht hat er auch eine Wendung zu kurz gedacht. Vielleicht hätte er dann schon damals erkannt, worauf seine Theorie hinauslaufen könnte, seine Theorie von den Stärksten, die allein überleben werden. Dann hätte er ihn nicht geträumt, diesen Alptraum, sondern ihn bereits denken können, den Alptraum, wie er sich nun auf der Leinwand entfaltet – und nicht nur da.
Nein, "Darwins Alptraum" ist kein Horror-Film, kein Splatter-Streifen und auch kein Slasher-Movie. "Darwins Alptraum" ist nur ein kleiner, billiger, von einem Österreicher gedrehter Dokumentarfilm. Aber trotzdem ist er wohlmöglich der härteste, anstrengendste, gruseligste, böseste Film, mit dem man in diesem Jahr einen Abend verbringen kann.
Nahrungskette mit Folgen
Über zwei Jahre hinweg flog Hubert Sauper insgesamt vier Mal für jeweils mehrere Monate nach Tansania an das Ufer des Viktoriasees. Denn dort, im größten tropischen See der Welt, spielt sich eine ökologische Katastrophe ab: Vor Jahrzehnten wurde dort der Nilbarsch ausgesetzt. Der Räuber traf auf keine natürlichen Feinde, vermehrte sich rasend und hat mittlerweile den gesamten See so gut wie leer gefressen. Andere Arten finden sich kaum noch in dem knapp 70.000 Quadratkilometer großen Gewässer.
Doch dieser biologische GAU war nur der Auslöser zu einer Entwicklung, die auch die Bevölkerung, die Gesellschaft, die Kultur der an den See angrenzenden Länder umwälzte. An den Ufern entstanden, zum Teil sogar gefördert mit Entwicklungshilfegeldern aus der Europäischen Union, riesige Fischfabriken, in denen die Barsche verarbeitet werden. Die besten Teile werden nach Europa ausgeflogen und landen als Viktoriabarschfilet in den Fischtheken unserer Supermärkte, während die Reste, die bei uns in den Müll wandern würden, die Grundlage einer florierenden Sub-Industrie geworden sind: Die Köpfe werden frittiert und von den Einheimischen verzehrt, die sich die Filets niemals leisten könnten. Die Schwänze werden getrocknet und zu Hühnerfutter zerrieben. Und selbst die Würmer, die in den schier endlosen Halden aus Fischgerippe eine hervorragende Lebensgrundlage finden, werden eingesammelt und weiterverwendet.
Durch das neue Wirtschaftswachstum verändern sich die Gesellschaften grundsätzlich: Aus unabhängigen Bauern und Fischern werden abhängige Arbeiter oder ihrer bisherigen Existenzgrundlage beraubte Arbeitslose. Die soziale Schere geht auseinander, die Unterschiede zwischen Reich und Arm werden größer, Kriminalität, Prostitution und AIDS-Infektionen nehmen zu. Kurz: Die Globalisierung reckt ihr hässliches Haupt. Irgendwann huscht die Kamera vorbei an den heruntergekommenen Hütten in den Slums und bleibt hängen an einer Coca-Cola-Werbung: "Life tastes good".
Vor allem aber trinkt Sauper Wodka mit den ukrainischen Piloten, die den Fisch nach Europa fliegen. Doch was bringen die Flugzeuge nach Afrika? Zwei Jahre dauerte es, erzählt Sauper im Interview, zwei Jahre, "in denen ich sehr viel Wodka trinken musste", bis er es wagte, den Piloten "diese existentielle Frage" zu stellen. Es ist diese Frage, die Sauper zu seinem dramaturgischen Faden erhebt. Die Antwort ist einfach, denn die Flugzeuge, mit denen auch Sauper und ein Team nach Tansania kamen, fliegen all das ein, was der Kontinent braucht: humanitäre Güter, industrielle Waren und – natürlich auch – Waffen, denn auf dem afrikanischen Kontinent werden Kriege geführt.
Die wertvollen Nahrungsmittel gehen in die Erste Welt, die im Gegenzug ihr Todeswerkzeug in die Dritte Welt exportiert - und auf dem Aktenschrank des Fabrikbesitzers steht ein Barsch aus Plastik, der auf Knopfdruck "Don't worry, be happy" singt. Natürlich ist es dieser Zynismus, der den in "Darwins Alptraum" beschriebenen Handel zur exemplarischen Illustration der Ausbeutung macht, wie sie die immer globaler werdende Wirtschaft befördert. Die Wahrheit aber bliebe dieselbe, auch wenn es andere Flugzeuge wären, die die Waffen hinein und den Fisch hinaus brächten. Längst ist Sauper deshalb auch nicht mehr nur ein Filmemacher, sondern ein Botschafter seiner Protagonisten geworden. Sein auf mehreren Festivals preisgekrönter Film ist nicht mehr nur ein Film, sondern mittlerweile "eine kontinuierliche politische Arbeit“. Um "Darwins Alptraum" herum entstehen laut Sauper Diskussionen und Aufmerksamkeit für das Thema: "Bewusstseinsbildung und Bewusstseinswandel" für die globalen Zusammenhänge und schlussendlich, so ist zu hoffen, neue politische, soziale und ökologische Verantwortung.
Dafür findet Sauper beeindruckende, apokalyptische Bilder. Wenn die Kamera der Verarbeitung des Fisches folgt, die endlosen Berge aus Gräten und Köpfen abfährt, die dampfenden Fettbäder, in denen die vergammelnden Reste frittiert werden. "Aber es geht nicht um eine Stadt in Tansania, es geht nicht um den blöden Fisch", sagt der Filmemacher. "Wir befinden uns an einem wahnsinnig gefährlichen Moment der Geschichte, weil die Weltwirtschaft ein derartiges erfolgreiches Konstrukt ist, aber gleichzeitig kein Hirn und kein Gewissen mehr hat, keine Moral, keine soziale Einstellung und keine politische Richtung, also überhaupt nichts Menschliches mehr an sich hat."
Mittlerweile hat der Viktoriabarsch seine eigenen Nahrungsgrundlagen so radikal ausgemerzt, dass er nun begonnen hat, die eigenen Artgenossen zu fressen. Der Fisch ist zum Kannibalen geworden. Ein sinnfälligeres Bild könnte es wohl kaum geben, um zu verdeutlichen, was "Darwins Alptraum" der Welt, dieser Gesellschaft, uns allen mitzuteilen hat.
(Darwin's Nightmare) Dokumentarfilm, Frankreich, Österreich, Belgien 2004, Buch und Regie: Hubert Sauper, OmU, Kinostart: 17. März 2005 bei Arsenal
Foto: Verleih
Thomas Winkler, 39, hat bis zu diesem Film auch schon mal ein Viktoriabarschfilet in die Pfanne gehauen.
Kommentare
Dein Kommentar