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Sophie Scholl - Die letzten Tage

Mythos? Märtyrerin? Mensch?

Kinostart: 24.2.2005 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose", hingerichtet am 22. Februar 1943. Vielleicht muss man sich auf das Wichtigste beschränken, um diesem Mythos richtig zu begegnen, ihm nicht völlig zu verfallen: Wegen ein paar tausend Flugblättern wurden sie und ihr Bruder Hans am 18. Februar 1943 festgenommen. Der Aufruf richtete sich an ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen und gegen die Willkürherrschaft der Nationalsozialisten. Die Festnahme erfolgte durch den Hausmeister der Münchner Universität, wo sie die Flugblätter verteilten, ein mieser kleiner Spitzel wie viele andere auch. Nach vier Tagen Verhör wurde Sophie, Hans und ihrem Freund Christoph Probst vor dem Volksgerichtshof der Prozess gemacht. Als das Todesurteil verkündet war, sagte sie zu den Anwesenden: "Bald werdet ihr hier stehen, wo wir jetzt stehen!" Die Angst der Nazis vor diesen Studenten war so groß, dass die Urteile noch am selben Tag vollstreckt wurden. Sophie Scholl starb unter der Guillotine. Sie war 21 Jahre alt. Die Gefängniswärter sagten später, noch nie hätten sie jemanden so mutig in den Tod gehen sehen.

Kammerspiel des Todes

Der Regisseur Marc Rothemund und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer haben sich beschränkt: auf die Person Sophie Scholl und ihre letzten Tage von der Verhaftung bis zum bitteren Ende unter dem Fallbeil. Im Mittelpunkt stehen die täglichen und nächtlichen Verhöre durch den Gestapo-Beamten Robert Mohr. Das Drehbuch basiert im Wesentlichen auf erst seit kurzem zugänglichen Dokumenten, insbesondere auf Vernehmungsprotokollen, die bis 1990 in den Archiven des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit geschlummert hatten. Das ist ziemlich graues Material, und genauso grau und trist hat Rothemund seinen Film gestaltet. Sophie und Mohr sitzen sich in einem kahlen, abgedunkelten Raum gegenüber, die Kamera bewegt sich kaum, verharrt oft minutenlang auf den Gesichtern der Kontrahenten. Doch auch diese extrem reduzierte Regie kann es nicht verhindern, dass die Geschichte überwältigt. Der Mythos wirkt im Gegenteil umso heftiger, weil - fast - jedes Wort davon wahr ist.

Sophie Scholl muss während der Verhöre mehrmals ihre Strategie ändern. Zunnächst streitet sie alles ab. Als ihr Mohr erdrückende Beweise und ein Geständnis ihres Bruders vorlegt, gibt auch sie ihre Beteiligung zu. Sie erklärt, sie sei stolz auf ihren Widerstand und weiß, dass sie damit ihr Leben hingibt. Denn in Kriegszeiten - und kurz nach der deutschen Niederlage in Stalingrad - ist der Flugblattaufruf zu Ungehorsam und Sabotage "Hochverrat". Von nun an geht es nur noch darum, andere Mitglieder der "Weißen Rose" - im weiteren Umfeld an die 80 Personen - aus der Sache herauszuhalten. In einem philosophischen Gespräch legt sie Mohr auch die Gründe ihres Handelns dar. Ihre politischen und religiösen Überzeugungen, Grundlage ihres menschlichen Gewissens, ließen ihr keine andere Wahl als den Widerstand. Der kühle Beamte ist schließlich selbst so erschüttert, dass er Sophie ein geheimes Angebot macht: Wenn sie ihren weltanschaulichen "Fehler" der Form halber bekennt, kann sie ihren Kopf retten. Sie lehnt ab.

Von Opfern und Tätern

Märtyrer zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu jeder Sekunde über die symbolische Wirkung ihres Tuns im Klaren sind. Sophie Scholl wusste, dass ihr Schicksal Bedeutung hatte für die wenigen, die sich dem NS-Terror widersetzten, aber auch für die vielen, die still hielten. Selten war wohl jemand so allein wie Sophie Scholl in diesen Tagen im Wittelsbacher Palais. Ihre Darstellerin Julia Jentsch kann diesen übermenschlichen Mut nur so erklären, dass Sophie durch den Druck in ihre historische Rolle gewachsen sei. Das darzustellen, dazu allerdings gibt ihr gerade Rothemunds Film wenig Gelegenheit. Jentschs Verdienst ist es, diese spärlichen Freiräume optimal genutzt zu haben. Am besten zeigt sich ihr Charakter wohl in dem, was man Sophies Tränenpolitik nennen könnte. Sobald sie allein ist, bricht es aus ihr heraus. Sie weint, brüllt, schreit - und vergießt im Voraus die Tränen, die Mohr nicht sehen soll. Julia Jentsch, daran wird sich in naher Zukunft nichts ändern, ist Sophie Scholl. Ihr fester Gesichtsausdruck, der kontrollierte Tonfall und die streng gekämmten Haare mit der berühmten Spange machen die 26-jährige Theaterschauspielerin zur perfekten Verkörperung. Dafür erhielt sie bei der Premiere auf der Berlinale 2005 nicht nur großen Beifall, sondern auch den Silbernen Bären als beste Schauspielerin.

Und die anderen? Wichtige Mitglieder der "Weißen Rose" wie Willi Graf oder Alexander Schmorell sieht man hier nur in der ersten Szene, beim Flugblattdrucken. Sie wurden 1943 in einem zweiten Prozess ebenfalls zum Tode verurteilt. Ein älterer Film über die Widerständler, Michael Verhoevens leicht romantischer Jugendfilm "Die Weiße Rose" (1982), konnte die Dynamik innerhalb der Gruppe besser ausleuchten. Sophie Scholl ist auch hier nicht die Randfigur, die sie bis zu ihrer Verhaftung wohl war. Aber Rothemund geht, indem er sich ganz auf ihre "letzten Tage" beschränkt, viel weiter. Man kann von einer unangenehmen Personalisierung von Geschichte sprechen, die spätestens seit "Der Untergang" einen Trend des deutschen Vergangenheitskinos widerspiegelt. Ob Hitlers letzte Tage oder Sophies Untergang, das Muster ist dasselbe: Historische Strukturen fallen der Faszination über "bedeutende" Persönlichkeiten zum Opfer. Andererseits liefert "Sophie Scholl - Die letzten Tage" ein wichtiges Gegengift zum Film "Der Untergang". Die Rollen von Opfern und Tätern werden wieder grade gerückt. Dass Märtyrer nicht geboren, sondern gemacht werden, zeigt Rothemund allerdings nur in Ansätzen. Der Mythos bleibt.

Sophie Scholl – Die letzten Tage, Deutschland 2004, Regie: Marc Rothemund, Buch: Fred Breinersdorfer, mit Julia Jentsch, Fabian Hinrichs, Alexander Held, Johanna Gastdorf, André Hennicke, Florian Stetter, Johannes Suhm, Maximilian Brückner, Jörg Hube, Petra Kelling, Franz Staber, Kinostart: 24. Februar 2005 bei X-Verleih

Foto: Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



www.sophiescholl-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.bpb.de
Filmheft "Sophie Scholl - Die letzten Tage" von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

www.kinofenster.de
Online-Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit Filmkritik und Hintergrundinfos

www.gegen-diktatur.de
Informationen zu "Die Weiße Rose", ein Internetprojekt der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

www.weisse-rose-stiftung.de
Homepage der Weiße-Rose-Stiftung in München




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