Nein, das ist keine Märchenstunde: Was der Regisseur Thed Akatugba über den Boom in Nigeria berichtet, klingt phantastisch und kaum wahr. Kann es in Kenia schon mal 15 Jahre dauern, bis ein einziger Spielfilm auf Zelluloid fertig wird, wirft Nigeria jede Woche 50 neue Videos auf den Markt. Mit der digitalen Revolution stieg die wirtschaftliche und militärische Regionalmacht südlich der Sahara binnen kurzem nach Indien und den USA zur drittgrößten Filmnation auf. Nollywood in Lagos – konkurriert nicht mit den Millionen-Budgets von Bollywood-Filmen aus Bombay, sondern bricht mit Quantität alle Rekorde. Meint: 2.000 Low-Budget-Produktionen jährlich. Die Devise lautet: schnell und billig. Die B- und C-Movies sind in sieben Tagen abgedreht, fünf Tage Schnitt, Durchschnittskosten 15.000 – 40.000 Dollar. Veröffentlicht werden sie im VHS-Format und als “Homemovie“ konsumiert; nicht selten in lausiger Qualität, weil die Video-Piraterie wilde Blüten treibt.
Cash-Flow
Nigerianische Kaufleute und Kassetten-Vertriebe stecken gern Geld ins Video-Geschäft. Viele Tausende finden so Beschäftigung und auch Regisseure streichen satte Gewinne ein: Wie warme Semmeln gehen da 100.000 Kassetten an einem Morgen weg. Mit 150 Millionen Einwohnern ist Nigerias Absatzmarkt groß. Außerdem können die Nigerianer mit Hollywood eher herzlich wenig anfangen, sagt Produzent Don Pedro Obaseki: “Viele Nigerianer verstehen Filme wie `Matrix` nicht. Sie haben dagegen viele eigene Geschichten in der mündlichen Tradition unserer Geschichtenerzähler, den Griots, zu erzählen.“ Selbst in Bürgerkriegsgebieten herrscht Waffenruhe, weil auf einem der 45 TV-Kanäle die eigenen Stars erlebt werden wollen, eingesprochen in einer der vielen Landessprachen.
Nigerianische Soaps – häufig eine Mischung aus “Sex, Love and Crime“ - messen sich nicht an westlichen Standards. Die “einfachen“ Storys setzen auf “Sensationen“ und “mitreißende Emotionen“. Da sie sich ganz eigener Erzähltechniken bedienen, erschließen sie sich nicht ohne weiteres. Hierzulande allenfalls durchs Hörensagen bekannt, lässt sich über deren ideologischen Inhalt oder künstlerischen Wert wenig aussagen. Mehr als um die Präsenz im Westen mit einheimischer Qualität geht es den geschäftstüchtigen Produzenten um den Aufbau einer unabhängigen Industrie. Verständlich, denn bis heute sind Schwarzafrikas Produktionen von Auslandshilfe abhängig und von kolonialer Hinterlassenschaft gekennzeichnet.
Kolonialgeschichte aufarbeiten
Einer der ersten mit afrikanischen Mitteln realisierte Film ist "Borrom Sarret", 1963, des Senegalesen Ousmane Sembène. Das Anliegen der Regisseure der ersten Stunde wie Idrissa Quédraogo (Bukina Faso), Souleymane Cissé und Oumar Sissoko (Mali) oder Safi Faye war die “Dekolonisation der Leinwände“. Sie wollten das wahre Bild Afrikas projizieren, Rassismus und Klischees überwinden, wie in den Tarzanfilmen der 1940er-Jahre bis zu "Out of Africa", 1988, massenhaft reproduziert. So spielen in vielen Werken Befreiung, Kolonisation und ihre Folgen eine zentrale Rolle. Noch heute beherrscht die starke Filmförderung Frankreichs, unter anderem Fonds Sud, in den Ex-Kolonien und Sahelländern den Film. "Es ist bizarr“, findet der Südafrikaner Nashen Moodley, “die meisten afrikanischen Kunstfilme werden in Frankreich postproduziert und die Regisseure haben oft keine Filmrechte.“ Kanada, die Schweiz, Deutschland und Belgien teilen mit den Franzosen die Kosten der afrikanischen Produktionen.
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