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Afrika: neues Selbstbewusstsein

Enthusiasmus pur

18.2.2005 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Nein, das ist keine Märchenstunde: Was der Regisseur Thed Akatugba über den Boom in Nigeria berichtet, klingt phantastisch und kaum wahr. Kann es in Kenia schon mal 15 Jahre dauern, bis ein einziger Spielfilm auf Zelluloid fertig wird, wirft Nigeria jede Woche 50 neue Videos auf den Markt. Mit der digitalen Revolution stieg die wirtschaftliche und militärische Regionalmacht südlich der Sahara binnen kurzem nach Indien und den USA zur drittgrößten Filmnation auf. Nollywood in Lagos – konkurriert nicht mit den Millionen-Budgets von Bollywood-Filmen aus Bombay, sondern bricht mit Quantität alle Rekorde. Meint: 2.000 Low-Budget-Produktionen jährlich. Die Devise lautet: schnell und billig. Die B- und C-Movies sind in sieben Tagen abgedreht, fünf Tage Schnitt, Durchschnittskosten 15.000 – 40.000 Dollar. Veröffentlicht werden sie im VHS-Format und als “Homemovie“ konsumiert; nicht selten in lausiger Qualität, weil die Video-Piraterie wilde Blüten treibt.

Cash-Flow

Nigerianische Kaufleute und Kassetten-Vertriebe stecken gern Geld ins Video-Geschäft. Viele Tausende finden so Beschäftigung und auch Regisseure streichen satte Gewinne ein: Wie warme Semmeln gehen da 100.000 Kassetten an einem Morgen weg. Mit 150 Millionen Einwohnern ist Nigerias Absatzmarkt groß. Außerdem können die Nigerianer mit Hollywood eher herzlich wenig anfangen, sagt Produzent Don Pedro Obaseki: “Viele Nigerianer verstehen Filme wie `Matrix` nicht. Sie haben dagegen viele eigene Geschichten in der mündlichen Tradition unserer Geschichtenerzähler, den Griots, zu erzählen.“ Selbst in Bürgerkriegsgebieten herrscht Waffenruhe, weil auf einem der 45 TV-Kanäle die eigenen Stars erlebt werden wollen, eingesprochen in einer der vielen Landessprachen.

Nigerianische Soaps – häufig eine Mischung aus “Sex, Love and Crime“ - messen sich nicht an westlichen Standards. Die “einfachen“ Storys setzen auf “Sensationen“ und “mitreißende Emotionen“. Da sie sich ganz eigener Erzähltechniken bedienen, erschließen sie sich nicht ohne weiteres. Hierzulande allenfalls durchs Hörensagen bekannt, lässt sich über deren ideologischen Inhalt oder künstlerischen Wert wenig aussagen. Mehr als um die Präsenz im Westen mit einheimischer Qualität geht es den geschäftstüchtigen Produzenten um den Aufbau einer unabhängigen Industrie. Verständlich, denn bis heute sind Schwarzafrikas Produktionen von Auslandshilfe abhängig und von kolonialer Hinterlassenschaft gekennzeichnet.

Kolonialgeschichte aufarbeiten

Einer der ersten mit afrikanischen Mitteln realisierte Film ist "Borrom Sarret", 1963, des Senegalesen Ousmane Sembène. Das Anliegen der Regisseure der ersten Stunde wie Idrissa Quédraogo (Bukina Faso), Souleymane Cissé und Oumar Sissoko (Mali) oder Safi Faye war die “Dekolonisation der Leinwände“. Sie wollten das wahre Bild Afrikas projizieren, Rassismus und Klischees überwinden, wie in den Tarzanfilmen der 1940er-Jahre bis zu "Out of Africa", 1988, massenhaft reproduziert. So spielen in vielen Werken Befreiung, Kolonisation und ihre Folgen eine zentrale Rolle. Noch heute beherrscht die starke Filmförderung Frankreichs, unter anderem Fonds Sud, in den Ex-Kolonien und Sahelländern den Film. "Es ist bizarr“, findet der Südafrikaner Nashen Moodley, “die meisten afrikanischen Kunstfilme werden in Frankreich postproduziert und die Regisseure haben oft keine Filmrechte.“ Kanada, die Schweiz, Deutschland und Belgien teilen mit den Franzosen die Kosten der afrikanischen Produktionen.

Das Modell Nollywood ist bedingt nachahmungswert, zu unterschiedlich sind die Produktionsbedingungen und Qualitätsansprüche. Zum Beispiel in Südafrika: Die Filmkunst wird dort kaum gefördert, weil Inlandsprodukte keine Kasse versprechen. Daher blieb die Produktion auf drei Spielfilme im Jahr beschränkt; erhöhte sich aber 2004 aufgrund von Staatszuschüssen sogar auf 36 Filme. Finanziert werden sie über Auslandstöpfe, einheimische Sender oder Pay-TV. Ein Berlinale-Gewinner wie “U-Carmen eKhayetisha“, der die Bizet-Oper adaptiert und in die Townships verpflanzt, hat in Südafrika keine Chance. Kinos gibt es dort fast nur in exklusiven Shopping-Malls, wo Hollywood-Filme laufen und die Eintritte für die meisten Südafrikaner zu hoch sind. Die größten inländischen Vertriebsfirmen sind Agenten amerikanischer Firmen, weshalb Produkte Made in Africa keinen Verleih finden. Das erklärt, warum afrikanische Filme außer auf Festivals selbst von Afrikanern kaum gesehen werden. Bei den Strategien der Distribution und Vermarktung ist Erfindungsgeist gefordert, meint Lucinda Englehart. Kino auf Rädern ist in den Townships beliebt, andererseits will das Publikum für Vorführungen nicht zahlen. Englehart will “Carmen“ jetzt in die Community-Centren, Kirchen und auf installierte Leinwände in den Townships bringen. Die Zuschauer sollen den Kartenpreis dann selbst festlegen.

Diesseits von Afrika

Zeichnet sich in Südafrika langsam ein Aufbruch ab, ist die Lage anderswo noch desolat. In Kenia gibt es im ganzen Land gerade mal zehn Kinos, auch im Fernsehen dominiert westliche Importware und in Senegal kommt pro Jahr höchstens ein Zelluloidfilm heraus. Festivals auf dem Kontinent sind oft die einzigen Plattformen für Vorführung und Vermarktung. Neben dem größten, 1969 gegründeten “Festival Panafricain du Cinéma de Ouagadougou“ ,FESPACO, in Bukina Faso gibt es sie in Südafrika, Zimbabwe, Nairobi, in Benin, Kamerun und dem Senegal. Die Festivals bieten auch Workshops zur Filmpraxis an: unverzichtbar für Länder ohne eigene Filmhochschulen, weshalb Regisseure meist in Europa ausgebildet wurden. Zur Belebung der Filmkunst und -wirtschaft Afrikas soll jetzt der auf der Berlinale gegründete “World Cinema Fund“ beitragen. 2004 von der Kulturstiftung des Bundes und den Berliner Filmfestspielen ins Leben gerufen, wird er Kooperationen deutscher Produzenten mit Regisseuren und Produzenten in Afrika und anderen wenig beachteten Weltregionen fördern. Der Jahresetat beträgt 500.000 Euro. Das ist eine gute Nachricht, zumal auf diesem Wege auch mehr afrikanische Filme nach Europa kommen.

Susanne Gupta bemüht sich gerade, ihren eigenen Film zu vertreiben. Wie das geht, wird sie in einem ihrer nächsten Texte verraten.

Foto: "Berlinale Talent Campus" / Fluter TV Workshop


www.artmatters.info
African Cine Week, Kenia

www.sithengi.co.za
Cape Town World Cinema Festival, Südafrika

www.cca.ukzn.ac.za
Durban International Film Festival, Südafrika

www.senegal-info.de/film.htm
Film im Senegal

www.ziff.or.tz
Zanzibar International Film Festival (ZIFF)

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