Aviator

Der amerikanische Ikarus

Kinostart: 20.1.2005 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Sein Spitzname: World's Greatest Womanizer. Seine Hobbys: Frauen, Kino und Flugzeuge. Sein Ende: tragisch. Kaum eine amerikanische Biographie wird so oft mit dem "American Dream" – und noch mehr: mit dessen Scheitern – in Verbindung gebracht wie die von Howard Hughes, diesem mythischen Über-Menschen (oder doch besser Über-Amerikaner?), wie ihn sich Hollywood in seiner "Goldenen Ära" nicht besser hätte ausdenken können.

Bereits Ende der 1930er-Jahre hatte Orson Welles überlegt, einen Film über Hughes zu drehen. Er entschied sich dagegen und machte stattdessen für das unabhängige Filmstudio RKO einen Film über den Großverleger Hurst: "Citizen Kane". 1948 kaufte Howard Hughes RKO schließlich auf. Hughes und Welles sollten sich nie persönlich kennen lernen. Sicher aber hätten sich die beiden Exzentriker prächtig verstanden.

Groß, größer, größenwahnsinnig

Martin Scorseses "Aviator", die filmische Annäherung an das Leben des großen und größenwahnsinnigen Howard Hughes (zu unser aller Unglauben verkörpert von Leonardo DiCaprio), dringt nicht einmal bis in die 1950er-Jahre vor und verzichtet damit auf den vielleicht spannendsten Abschnitt seines Lebens, in dem er sich zunehmend von der Öffentlichkeit isolierte. Scorsese kann sich scheinbar weniger für die Figur Hughes erwärmen als vielmehr für dessen ausschweifenden Lebensstil: Hughes, Howard, geb 1905, gestorben 1976. Sohn eines texanischen Millionärs, mit 18 Jahren Vollwaise und Alleinerbe eines beträchtlichen Vermögens. 1930 produzierte er mit dem Fliegerfilm "Hell's Angels" den ersten BLAM (big loud action movie) der Tonfilm-Geschichte. Zwischen 1935 und 1938 gründete Hughes eine eigene Flugzeugbau-Gesellschaft, designte und crashte diverse Prototypen und brach mehrere Geschwindigkeitsrekorde. 1943 entwickelte er für Jane Russell den ersten Push-Up-BH, der im Western (!) "Geächtet" prominent zum Einsatz kam. Zu seinen weiteren Affären und Beziehungen gehörten unter anderem Jean Harlow, Katharine Hepburn, Bette Davis, Olivia de Havilland, Ava Gardner sowie unzählige Starlets. Hughes größte - ingenieurstechnische - Errungenschaft jedoch war die "Hercules", das damals größte Frachtflugzeug, dessen Entwicklung ihn mehrmals haarscharf am Bankrott vorbeischlittern ließ. Doch die "Hercules" erhob sich nur einmal vom Erdboden. Und hier – mit einem vermeintlichen Triumph durch die Technik - endet "Aviator" dann auch. Für Scorsese bleibt Hughes Leben eine Erfolgsgeschichte.

Teilweise (oder ganz) unterschlagen werden: Hughes zweite Karriere als Filmproduzent mit seinem Freund Preston Sturges und später als Chef von RKO. Hughes Abdriften in die Paranoia bis hin zu einem voll entwickelten Anti-Kommunismus. Gleichzeitig bewahrte er jedoch Nicholas Ray (" ... denn sie wissen nicht was sie tun", 1955 mit James Dean) vor McCarthys Schwarzer Liste. Und Scorsese spart auch dessen einsames Ende aus: Die letzten 20 Jahre verbrachte Hughes in einer Art selbst errichteten Quarantäne. Als er gefunden wurde, muss der Anblick seines Leichnams bizarr gewesen sein: Seine Haare waren eine zottelige Mähne, seine Fingernägel schmutzige Krallen.
Dem Mythos erlegen?

Wie man sieht: Es ist eigentlich kaum möglich, einen Film über Howard Hughes in den Sand zu setzen. Dennoch hinterlässt "Aviator" auch im Anbetracht einer derzeitigen Flut von Biopics einen etwas faden Beigeschmack. Sicher vor allem deshalb, weil der Regisseur eben nicht irgendein dahergelaufener Jungspund ist, sondern Martin Scorsese. Und von dem nimmt man, berechtigt oder unberechtigt, immer noch an, dass er etwas mehr zu sagen hat als eine haltlose Glorifizierung von Glamour, Reichtum und großen Jungs mit ihren exorbitanten Luxus-Spielzeugen (Frauen) und ihren fliegenden Kisten. Immerhin hat Martin Scorsese mit Filmen wie "Wie ein wilder Stier", "Good Fellas" oder "Casino" mal für ein Kino gestanden, das jeden Mythos gnadenlos auseinander nimmt und dessen dunkle Seiten nach außen kehrt.

"Aviator" jedoch ist ein "Eye Candy". Ein Film ohne Makel, was angesichts von Hughes Lebensende wie blanker Hohn erscheinen muss. In der Popularmythologie Amerikas gilt Hughes bis heute als die Nemesis des amerikanischen Traums: einer der so hoch(tourig) geflogen ist, dass sein Absturz unvermeidlich wurde. Dieser Crash, der das Ende vom Aufstieg Hughes besiegelte, wird in "Aviator" von Scorsese symbolhaft inszeniert: Er landet sein Flugzeug mitten in den Luxus-Anwesen von Beverly Hills. Scorsese schien kurzzeitig geschwankt zu haben, den Bruchpiloten Hughes als böses Omen oder als millionenschweren Abenteurer zu nehmen. Er entschied sich für Letzteres. Die schweren Persönlichkeitsstörungen Hughes, seine obsessiven Anwandlungen (Agoraphobie, Waschzwang, Keimphobie etc.) sind nicht mehr als weitere Facetten eines geborenen Exzentrikers. Erst als Leonardo DiCaprio, der in seinen wahnhaften Anwandlungen die persönliche Tragik Hughes wirklich glaubhaft verkörpert, sich im Kinovorführraum einschließt und wochenlang nur in Milchflaschen pinkelt, bekommt das Publikum eine Ahnung davon, welche Fallhöhe der amerikanische Traum tatsächlich hat.

Das alles muss man sich zu den Filmbildern weitestgehend hinzudenken. Die sind – zugegebenermaßen – dann am überzeugendsten, wenn "Aviator" hemmungslos im Hollywood-Glamour der 1930er-Jahre schwelgt (Jude Law hat ein schmieriges Cameo als Errol Flynn). Martin Scorsese ist als Film-Buff bekannt, doch seine Verehrung für Hollywoods goldenes Jahrzehnt offenbart hier nicht mehr als pure Oberflächenreize. Die Tatsache, dass diese Reize kaputten Figuren wie Hughes jahrelang als Schutzwall dienten, hätte einen weit interessanteren Scorsese-Film ergeben.

(The Aviator) USA 2004, Regie: Martin Scorsese, Buch: John Logan, mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, John C. Reilly, Alec Baldwin, Kate Beckinsale, Jude Law, Gwen Stefani, Ian Holm, Kinostart: 20. Januar 2005 bei Buena Vista

Foto: Verleih

Andreas Busche schreibt für und über die Kulturindustrie und bildet sich zum Filmrestaurator fort.


www.theaviatormovie.com
Website zum Film (englisch)

www.movie.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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