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Nomade des Krieges: War Photographer

Dokumentarfilm über James Nachtwey

Kinostart: 10.7.2002 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Sie stehen dicht an der Front, trotzen tödlichen Gefahren und kennen alle Gesichter menschlichen Elends: Kriegsfotografen, Männer wie James Nachtwey. Seit über zwanzig Jahren zeigen seine Bilder nichts als Tod, Terror, Armut und unermessliches Leid. Ob im Kosovo, in Palästina oder Ruanda - stets war und ist der Amerikaner zur Stelle, um jenen "Augenblick der Wahrheit" zu finden, der seine Fotografien so einzigartig macht.


Unermüdlich folgt der 54-Jährige den Blutspuren rund um die Welt, zählt zu den Besten seiner Zunft und bleibt dennoch rätselhaft. Braucht er die Gefahr, um sich seiner eigenen Existenz zu vergewissern? Ist er ein Adrenalin-Junkie? Ein unverbesserlicher Idealist? Wie viel Grauen verkraftet ein Mensch, wann stumpft er ab?

Fragen, Vorurteile. Der Schweizer Filmemacher Christian Frei wollte es genauer wissen. Seit er im April 1997 im "Stern" auf Nachtweys Bilder gestoßen war, ließen sie ihn nicht mehr los. Waren sie kühlem Kalkül entsprungen, das Werk eines abgebrühten Zynikers? Nichts dergleichen. Je intensiver sich Frei mit Nachtwey beschäftigte, desto klarer trat ihm ein grüblerischer Einzelgänger entgegen, der lieber mit einer Tarnkappe unterwegs wäre als mit einem Kamerateam. Nach langer Überzeugungsarbeit jedoch und mit einer speziell angefertigten Mikrokamera war Nachtwey schließlich zu einem Porträt bereit. Zwei Jahre sollte es dauern und die Crew von den Krisengebieten Kosovo über Jakarta nach Ramallah bis zu den ätzenden Dämpfen einer Schwefelmine in Ost-Java führen.

Sich den Menschen mit Respekt nähern

"Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst du nicht nah genug dran", das hat Robert Capa einmal gesagt - dessen weltberühmte Kriegsfotografien einst auch für Nachtwey neue Maßstäbe setzten. Capas Zitat wurde auch zu Nachtweys Wahlspruch und hat ihm beinahe heldenhafte Überwindungen abverlangt. Eine Ahnung davon vermittelt "War Photographer" gleich in den ersten Sequenzen: Die Kamera schweift über eine zerstörte Stadt, irgendwo im Kosovo. Vorsichtig tastet sich Nachtwey an eine Gruppe Trauender heran. Ihre Verzweiflung inmitten von Schutt und Asche - daneben der adrette Amerikaner mit ordentlich gescheiteltem Haar, sauberem Hemd und Jeans mit Bügelfalte, wie er die Szene mit seiner Kamera penetriert. Leise geschieht das, mit einem untrüglichen Gespür für den richtigen Abstand. "Normale Umgangsformen gibt es nicht im Krieg", sagt Nachtwey dazu, "um von den Menschen akzeptiert zu werden, muss man sich ihnen mit Respekt nähern". Er wird nicht verjagt, sondern heran gewunken, um Zeuge zu sein - Botschafter für ein Weltgewissen, das immer wieder neu lernen muss, genau hinzuschauen.

Sich bei "War Photographer" nicht abzuwenden, fällt schwer - trotz seiner mutigen Ambition. Denn Nachtwey hat eine Mikrokamera an seinen Fotoapparat montiert, so dass der Zuschauer streckenweise seine Blicke teilt: Platziert im rechten Auge des Fotografen, strömt dann das Grauen ungefiltert herein. Der Zuschauer folgt Nachtweys Bewegungen, lauscht seinem Atem, registriert Bruchteile von Gefühlen und dann das Klicken des Auslösers.

Man wird konfrontiert mit ausgemergelten, verstümmelten Körpern, ist dabei, wenn Nachtwey ein ausgehobenes Massengrab inspiziert, mit Tränengas kämpft und sich bei Kugelhagel in Deckung wirft. Und in Jakarta wird er zusammen mit dem Mob einem Flüchtenden hinterher rennen, der 20 Minuten später bestialisch ermordet wird. Vergeblich drängt sich der Fotograf dazwischen, beschwört die Rasenden - und klickt die letzten Sekunden der erbarmungslosen Menschenhatz. Wie hält man das aus?

Alles steckt in den Bildern

Frei fragt Nachtweys Kollegen bei CNN, Reuters, "Geo" und beim "Stern". "Er braucht den Kick, das Abenteuer, den Adrenalinspiegel und die Todesangst, um sich wirklich lebendig zu fühlen," sagt der Mann vom "Stern", und eine Freundin meint, dass James nie über das Erlebte erzählen könne. Alles stecke eben in seinen Bildern. Auch vor der Kamera vermag sich der introvertierte Mann kaum mitzuteilen. Bevor er jedoch 1985 bei der weltberühmten Fotoagentur Magnum Mitglied wird, schreibt Nachtwey einen Aufsatz über den Sinn seiner Arbeit: "Könnte ein jeder Mensch auch nur ein einziges Mal mit eigenen Augen sehen, was Phosphor aus dem Gesicht eines Kindes macht oder wie ein verirrter Granatsplitter dem Nebenmann das Bein abreißt, dann müssten endlich alle einsehen, dass kein Konflikt dieser Welt es rechtfertigt, einem Menschen so etwas anzutun, geschweige denn Millionen Menschen. Aber es sieht eben nicht jeder mit eigenen Augen, und deshalb gehen Fotografen an die Front: um Bilder zu machen, die wahrhaftig genug sind, die beschönigenden Darstellungen der Massenmedien zu korrigieren und die Menschen aufzurütteln aus ihrer Gleichgültigkeit; um anzuklagen und durch die Kraft dieser Anklage noch mehr Kläger zu mobilisieren."

Gelten diese Sätze immer noch? Hat sich ihre Gewichtung verschoben, dient der idealistische Ansatz inzwischen als Rechtfertigung, dass Nachtwey aus dem monochromen Grauen nicht mehr heraustreten kann? "War Photographer" gibt keine eindeutigen Antworten, sensibilisiert jedoch für die richtigen Fragen und entlässt den Zuschauer schwankend zwischen Bewunderung und Verständnislosigkeit.

(War Photographer) Dokumentarfilm, Schweiz 2001, Buch und Regie: Christian Frei, mit James Nachtwey, Musik von Eleni Karaindrou, Arvo Pärt und David Darling, Kinostart: 11. Juli 2002 bei Kool Filmdistribution

Foto: Verleih

Cristina Moles Kaupp spricht fließend Alemannisch und wohnt trotzdem seit 1983 in Berlin. Sie war Musikredakteurin und liebt alten Punk und elektronische Musik. Inzwischen malt sie dazu auch Bilder.


www.war-photographer.com
Website zum Film (englisch, deutsch)
www.koolfilm.de/warphoto/warphoto.html
Infos zum Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.kinofenster.de
Ein Gespräch mit Christian Frei zu seinem Film in der Juli-Ausgabe von Kinofenster
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database
www.movieline.de
Mehr über den Film bei MovieLine

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