Ein Porträt über Fidel Castro - da ist "Comandante" natürlich ein passender, wenngleich auch nicht gerade ein allzu einfallsreicher Titel. Ehrlicher aber wäre wohl - in Anlehnung an eine andere begnadete Selbstdarstellerin - "In Bed with Fidel" gewesen. Denn hier treffen sie aufeinander: Fidel Castro und Oliver Stone. Zwei der talentiertesten Selbstvermarkter des Planeten, auch wenn sie bislang in nahezu vollkommen getrennten Bereichen agierten, in der Politik der eine, im Film der andere.
Oliver Stone reiste 2002 im Auftrag des amerikanischen Pay-TV-Senders HBO nach Kuba, dachte sich einen Haufen Fragen aus und verbrachte drei Tage mit dem Maximo Lider. Nun reden sie, Stone in grellbunten Polohemden, Castro in todschicker grüner Uniform, über den Tod und das Leben, über Religion, Ruhm und Rasieren, über Drogen und Prostitution, über den Papst und die CIA, über Hemingway und
Allende, über Castros Bemühungen fit zu bleiben, und bestätigen sich schließlich gegenseitig, was Stone schon einmal in einem langen Film zu beweisen versuchte: dass es beim Attentat auf JF Kennedy eine breit angelegte Verschwörung gegeben haben muss. Man erfährt weiter, dass Castro "Gladiator" und "Titanic“ gesehen und nicht schlecht gefunden hat, dass er ein Fan ist von Sophia Loren, Brigitte Bardot und Charlie Chaplin. Vor allem erfährt man aber, dass Castro bei weitem nicht so selbstgefällig ist, wie man erwartet hätte, dass er nicht gerne über seine Frauengeschichten redet und sich in einem Mercedes Benz durch Havanna chauffieren lässt.
Zwar genießt es Stone sichtlich, neben Castro durch den Palast der Revolution und die Straßen von Havanna zu flanieren, aber hin und wieder bemüht er sich, hinter die perfekt sitzende Fassade vom Berufsrevolutionär und gütigen Landesvater vorzudringen. Er wagt es, Castro auf Schauprozesse und Pseudo-Wahlen anzusprechen. Er verwickelt ihn sogar in eine Diskussion über Diktatoren, die aber Castro aalglatt auskontert: "Ich gebe es zu, ich bin ein Diktator", sagt Castro und legt Stone jovial die Hand auf die Schulter, "mein eigener Diktator, ein Sklave des Volkes." Es ist der Moment, in dem sich Castro dann doch noch selbst entlarvt, auch wenn das vielleicht gar nicht Stones Absicht war. Das Schnittgewitter aus verschiedenen Perspektiven, versetzt mit Archivaufnahmen und alten Fotos, das Stone - wie von ihm gewohnt – wieder einmal handwerklich souverän veranstaltet, wäre dazu auf jeden Fall nicht notwendig gewesen: Die Macht und ihre Selbstgefälligkeit demaskieren sich dann doch am besten ganz von selbst. Auftraggeber HBO lehnte den Film trotzdem ab – wegen mangelnder kritischer Distanz.
Thomas Winkler
Comandante, Dokumentarfilm, Spanien, USA 2003, Buch und Regie: Oliver Stone, mit Fidel Castro, Oliver Stone, OmU, Kinostart: 13. Januar 2005 bei Alamode
Foto: Verleih
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