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Alles auf Zucker!

Eine Familie im Clinch

Kinostart: 6.1.2005 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jaeckie Zucker, nein, nicht Dschäckie, sondern Jäckie, wie man im Osten Berlins sagt, ist ein durchtriebenes Schlitzohr. Eine Spielernatur, die lügt und betrügt, wo es nur geht. 1947 als Jakob Zuckermann geboren, hat er mit seiner jüdischen Herkunft sowie Religion nichts am Hut. Jetzt ist er tot. Zumindest liegt er nach einem Herzinfarkt im Koma und es ist nicht klar, ob er daraus noch mal erwacht. Aus dieser prekären Situation heraus lässt er die Zuschauenden im Rückblick an der letzten Woche seines Lebens teilhaben, die auch seine schönste war, wie er sagt. Dabei war in dieser vergangenen Woche ganz schön die Kacke am Dampfen.

Acht Tage vor dem vermeintlich tödlichen Herzinfarkt hat Jaeckies Frau Marlene endgültig genug von Schulden und Chaos und schmeißt ihn raus. Zur selben Zeit steht sein Sohn Thomas, ein heillos stotternder, aber smarter Banker, mit Gerichtsvollzieher und Polizei vor der Tür - Jaeckie soll wegen der überfälligen Rückzahlung eines hohen Kredits in den Knast. Das kann er gerade noch so abwenden: Er schwört beim Leben seiner Mutter, das Geld in wenigen Tagen aufzutreiben, denn der Billard-Profi liebäugelt mit dem Sieg bei einem mit 100.000 Euro dotierten Billard-Turnier. Und Ironie des Schicksals: Es trifft ein Telegramm vom Tode seiner Mutter ein.

Alle kriegen ihr Fett ab

Nicht sehr verheißungsvoll für Jaeckie. Aber typisch für den jüdischen Humor. Der betrachtet nämlich dramatische, ausweglos erscheinende Ereignisse vorzugsweise aus humorvoller, ironischer Perspektive und macht sich liebevoll, aber schonungslos über menschliche Schwächen lustig. Wie bei Klezmer-Musik schwingt dabei immer ein Stück Melancholie mit. Diese Art von Humor kennzeichnet so auch etwa die Filme der US-Amerikaner Woody Allen und Mel Brooks, aber auch in Deutschland hat die jüdische Komödie Tradition: Ernst Lubitsch und Billy Wilder, zwei der begnadetsten Komödien-Macher aller Zeiten, begannen ihre außergewöhnlichen Karrieren in Berlin. Aber das war vor 1933. Siebzig Jahre später tritt Dani Levy mit seinem neuen Film "Alles auf Zucker!" - eine Komödie über eine jüdische Familie im Deutschland der Gegenwart - in ihre Fußstapfen.

Und so steht der Tod der Mutter folgerichtig erst am Anfang von Jaeckies Schlamassel: Denn bereits am nächsten Tag steht Jaeckies verhasster Bruder Samuel, ein orthodoxer Jude und erfolgreicher Geschäftsmann aus Frankfurt am Main, mitsamt seiner "Mischpoke" bei Jaeckie vor der Tür. Er möchte Mutters Beerdigung in Berliner Heimaterde beiwohnen und den letzten Willen der alten Dame erfüllen. Die verstorbene "Mamme" wünscht testamentarisch nämlich nicht nur die Einhaltung der Schiva, einer siebentägigen, ununterbrochenen Totenwache, sondern auch, dass sich ihre beiden, seit Jahrzehnten verstrittenen Söhne vor den Augen der Familie aussprechen und versöhnen - ansonsten geht ihr Erbe an die Jüdische Gemeinde in Berlin.

Ohne mich, denkt sich Jaeckie, der solche Familien-Spirenzchen gar nicht mag und ohnehin das Billard-Turnier gewinnen muss. Aber seine Noch-Ehefrau Marlene, die sich selbst flugs zum Schein zur Jüdin und die Wohnung zum koscheren Heim umfunktioniert hat, macht ihm unmissverständlich klar, dass die Erbschaft die wirklich allerletzte Chance für ihre Ehe ist. Jaeckie steckt in der Klemme und das familiäre Tohuwabohu nimmt seinen Lauf ...

Zwischen Sozialimus und Marktwirtschaft - Jüdische Leben in Deutschland

Das Judentum tauchte in den vergangenen Jahrzehnten im deutschen Film nur aus einem geschichtlichen Blickwinkel, meist in der Aufarbeitung des Holocausts, auf. Dass der gebürtige Schweizer Levy selbst jüdischer Abstammung ist, hat die in Deutschland eher schwierige Angelegenheit, eine Komödie über das Jüdischsein hierzulande und heutzutage zu drehen und dabei ungezwungen und politisch unkorrekt mit Vorurteilen und Klischees wie Geldgier und Scheinheiligkeit zu jonglieren, sicherlich erleichtert. Denn auch knapp sechzig Jahre nach dem Holocaust sind die Berührungsängste zwischen nichtjüdischen und jüdischen Deutschen noch groß. Levy verfolgt mit seinem Film erklärtermaßen das Ziel, die Deutschen zu einer bestimmten Realität, nämlich der Verbindung von deutscher und jüdischer Kultur, zurückzuführen und das Judentum aus der historischen Versenkung zu holen.

Dennoch ist das Jüdischsein in Levys Film keine spürbar didaktische Maßnahme, sondern eine beiläufige Selbstverständlichkeit, wie es das auch im deutschen Alltag wieder sein sollte. So lässt der Autor und Regisseur den Holocaust auch nur ganz an Rande auftauchen (denn die "Mamme" hat ihn ja erlebt) und konzentriert sich ansonsten viel mehr auf die unterschiedlichen Entwicklungen nach der Teilung Deutschlands diesseits und jenseits der Mauer und das schwierige Zusammenfinden der beiden Teile nach der Wiedervereinigung: Jaeckie, Ex-DDR-Bürger und überzeugter Sozialist, und der erzkonservative und scheinbar wohlhabende Kapitalist Samuel, der sich am Neuen Markt verspekuliert hat und finanziell genauso am Ende wie sein Bruder ist, sind dabei Prototypen der aktuellen Situation in Deutschland.

In der Szene, in der Marlene Jaeckies Betrügereien vor der Familie preisgibt, offenbart sich dann auch das Drama eines Mannes, der aus tiefer Not heraus handelt. Jaeckie ist der typische Wendeverlierer: In der DDR, wo ihn seine Mutter und Samuel kurz vor dem Mauerbau zurückließen, war er ein erfolgreicher Sportreporter. Durch die Wiedervereinigung verlor er seine Identität und war gezwungen, sich mit Glücksspiel, Billard und als Geschäftsführer eines Etablissements namens "Club der Mitte" über die Runden zu bringen. Diese Szene ist Knackpunkt des Films: Als Jaeckie zugibt, wie sehr er in der Krise steckt, öffnen sich die Herzen seiner Verwandten für ihn und füreinander und es hat ein Ende mit der allgemeinen Verlogenheit.

Trotz Tragik, Hintergründigkeit und manch haarsträubender Konstellation (vor allem zwischen den Kindern von Jaeckie und Samuel) ist Levys Film in erster Linie eine herzerfrischende und spaßige Angelegenheit, die aus dem Zusammenprall der verschiedenen Lebensanschauungen, rotzig-rauhbeinigem Berliner Humor und verschmitztem, jüdischen Witz ihr komisches Potenzial bezieht. Gestützt wird der Film von einem außergewöhnlich Dialog-starken, wortwitzigen Drehbuch sowie einem großartig besetzten und spielfreudigen Schauspieler-Ensemble: Henry Hübchen als charmantes Arschloch Jaeckie, Hannelore Elsner als Marlene, prollig berlinernd und bauernschlau, Udo Samel als sturer, aber selbstironischer Samuel, und und und ...

Ob Jaeckie am Ende überlebt und wie die Sache mit der Erbschaft ausgeht, ob sie gar nur ein riesiger Schuldenberg ist, sei hier nicht verraten. Es lohnt sich auf jeden Fall der Weg ins Kino, um das herauszufinden. Und nebenbei hat man dann auch eine der besten deutschen Komödien seit langem gesehen.

Alles auf Zucker!, Deutschland 2004, Regie: Dani Levy, Buch: Dani Levy, Holger Franke, mit Henry Hübchen, Hannelore Elsner, Udo Samel, Golda Tencer, Steffen Groth, Anja Franke, Sebastian Blomberg, Elena Uhlig, Inga Busch, Kinostart: 6. Januar 2005 bei X-Verleih

Foto: Verleih

Stefanie Zobl ist freie Journalistin in Berlin.



www.zucker-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.bpb.de
Filmheft zu "Alles auf Zucker!" von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

www.kinofenster.de
Themenausgabe Jüdische Lebenswelten heute in Mitteleuropa




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