Alexander

Großer Feldherr, großer Regisseur, großer Film?

Kinostart: 23.12.2004 | Ernst Kramer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das Kino war 2004 voll mit großen geschichtlichen Bewegern, die alle ein sehr eigenes Profil verpasst bekamen:
Während Jesus das Folteropfer eines sadistischen Mel Gibson und König Arthur zum König der Selbstzweifel wurde, Hitler die Wiederauferstehung als freundlicher Parkinson-Opi und Achilles seinen surftauglichen Model-Körper feierte, bleibt Alexander der Große, inszeniert von Regie-Veteran Oliver Stone, ein unbeschriebenes Blatt: In drei zähen Stunden langt der große Eroberer schon mal ordentlich hin, entwickeln tut sich aber nichts.

Feldherr mit Föhnwelle

Die Geschichte ist schnell erzählt: Alexander ist das Kind des saufenden Hurenbolds Philip, König von Makedonien (Val Kilmer), und Olympias, dessen Groll hegender Noch-Ehefrau (Angelina Jolie). Befeuert vom starken Ehrgeiz seiner Mutter wird Alexander irgendwann Thronfolger, schlägt die Perser und erobert weite Teile Asiens bis nach Indien. Er nimmt sich eine Ehefrau aus den eroberten Gebieten, lieben tut er aber wohl am meisten Hephaistion, seinen treuen Gefolgsmann. Nach mehr als zehn Jahren Eroberungsfeldzugs geht es dann irgendwann nicht mehr weiter. Er kehrt nach Hause zurück, wo er recht bald stirbt.

Für seine Rolle als großer Feldherr muss Hauptdarsteller Colin Farrell allerdings noch ein bisschen üben: Bisher hat sich der gebürtige Ire vor allem mit der Darstellung von Einzelgängern zweifelhaften Charakters in die obere Liga Hollywoods gespielt: etwa als extralinker Gegenspieler des "Daredevil" oder als rotzfrecher Ermittler in "Minority Report". In "Alexander" trägt er jetzt eine beeindruckende 1980er-Metal-Föhnwelle und versprüht die Aura eines verärgerten Disco-Angebers, der gerade von einer Frau abgewiesen wurde. In den Pausen dazwischen verraten seine dunklen und verzweifelten Kulleraugen, dass er viel lieber wieder einen schmierigen kleinen Geschäftsmann wie in "Nicht auflegen!" spielen würde.
Antike Sprücheklopfer

Eine adäquate Darstellung des Alexander wäre allerdings ein Wunder bei den dramaturgischen Todsünden, die unentwegt die Toleranz selbst des anspruchslosesten Kinogängers herausfordern: Anthony Hopkins hält gleich zu Beginn in der Rolle des Ptolemaios eine nicht enden wollende Ansprache, von deren wolkiger Alexander-Anbetung und Wichtigtuerei man sich den ganzen Film über nicht erholt. Der hundsfaule und misslungene Versuch, Alexander durch die Worte Dritter zu einem Profil zu verhelfen, setzt sich bis weit in den Film fort, mit einer geballten Ladung platter Kalenderweisheiten, die die Bedeutung eines Lebens als großer Herrscher klarmachen sollen: Von "Den Wagenden hilft das Glück" über "Maßlosigkeit ist der Untergang der Menschheit!" bis "Es gibt keinen Ruhm ohne Leid zu erfahren!" - alles ist hier dabei. Mal spricht seine durchtriebene Mutter zu ihm, mal fährt es einem seiner Gefolgsleute aus dem Mund. Sogar vom anstrengenden Geschlechterkampf wussten die langweiligen Sprücheklopfer der Antike Bescheid: "Hüte dich vor den Frauen!", wird Alexander naseweis beschieden. Leider hält er sich nicht daran und entwickelt ödipale Leidenschaften gegenüber seiner Mutter, deren Verschlagenheit man unschwer an ihrer imposanten Schlangensammlung erkennen kann.

Ist ja klar, dass selbst einer Führerfigur wie Alexander bei soviel aufgezwungener Lebensweisheit irgendwann der Kopf brummt. Sein Charakter bleibt erstaunlich schwammig, seine Kraft und Motivation als Eroberer merkwürdig unerklärt. Auch der als Freiheitskampf deklarierte, politische Grund für die Eroberung Persiens kann kaum befriedigen. Oliver Stone hat seiner Hauptfigur einfach zu viele Herzen eingepflanzt: Alexander zeigt wenig Barmherzigkeit und lässt foltern, hat einen Ödipuskomplex, ist homosexuell, schätzt aber doch wieder einen fairen Kampf, zeigt Gnade und so weiter. Aus diesen an sich interessanten moralischen Konflikten macht Stone nichts, sondern verfährt, wie man leider schon häufiger bei ihm beobachten konnte: Seine Figuren, seien es Präsidenten ("Nixon", 1995), Massenmörder ("Natural Born Killers", 1994) oder Soldaten ("Platoon", 1986) sind neben ihrer meist aufdringlich zur Schau gestellten Exzesse oft zum Schlechten in der Lage. Aber anstatt den Zuschauer zu verführen, ihn auf abschüssige Wege mitzureißen, die aus Leidenschaft und Obsession gemacht sind, kippt Stone nachträglich einen Schwall billiger Moral über die Geschehnisse, was den Zuschauer unbefriedigt und unmündig zurückbleiben lässt. Kann sein, dass am bestialischen Tötungswillen des Mickey Knox in "Natural Born Killers" die Eltern und die Medien schuld sind. Aber das muss uns nicht extra ein weiser alter Indianer vorkauen. Und wer will sich schon von einem tattergreisigen Anthony Hopkins erklären lassen, dass Alexander die eroberten Städte "befreit" und nicht etwa, was näher liegt, unterworfen und gebrandschatzt hat?

Durchhalten heißt die Parole


Hält der geneigte Zuschauer aber zwei Stunden durch, schlägt dieses monströse Wischiwaschi von einem Film endlich andere, fokussiertere Töne an, die sich um die Versuchungen und Anmaßungen eines Herrschers drehen: Als Alexander wieder mal eine seiner Ansprachen hält, nach der sonst immer alle jubeln und fröhlich ins Gemetzel ziehen, wird es wider Erwarten ganz still: Verhalten melden sich alte Kampfgetreue zu Wort, sie wollten dann doch lieber nach Hause. Und Alexander, bisher immer ein Freund seiner Untertanen, brüllt sie plötzlich alle nieder, kündigt das unbedingte Weiterziehen an, zur Not allein mit den dazu gewonnenen asiatischen Kriegern – ein klarer Fall von Verhärtung und Verblendung ist dieser ansonsten so butterweich profillose Alexander geworden. Die Widerspenstigen lässt er töten, und ab geht es, weiter nach Indien hinein, angetrieben von der einzigen glaubwürdigen Emotion des ganzen Films: Trotz aus verletzter Eitelkeit.

Und plötzlich kommt auch Bewegung in die Bilder: Konnte man vorher nicht sicher sein, was Alexander an den kargen, unwirtlichen Gebieten seines Feldzugs denn gelegen sein könnte, kommen er und seine Gefolgsleute nun in den Genuss der geheimnisvollen dunkelgrünen Wälder Indiens. Obwohl genau hier für Alexander erst mal Sense ist mit Erobern, strahlt dieses Grün große Hoffnung aus – und ein fähiger Regisseur ist plötzlich wieder in Bestform: Im fiebrigen Blutrausch wird angekämpft gegen das Unbesiegbare, gegen die Fratze der eigenen Dämonen, während der Himmel in psychedelischen Farben verläuft. Sinnlichkeit und Leidenschaft, vorher plattgewalzt von hohlem Pathos und aufdringlichen Computer-Grafiken, brechen sich - zumindest für einige kurze Momente - Bahn.

Alle Welt redet über den Boom großer antiker Männer im Hollywoodkino der letzten Zeit. Möglich, dass damit versucht wird, die Sehnsucht nach einer starken Hand, nach einem antiken George W. Bush zu befriedigen. Stone selber weist Bezüge zur USA-Politik der letzten Zeit zurück. Bedenkt man die fadenscheinigen Begründungen für die antiken wie die modernen Feldzüge und die offenbare Charakterschwäche der beiden Männer, die ihre größte Motivation aus verletztem Stolz ziehen, ergeben sich jedoch mehr Analogien als erwartet. Unterhaltsamer wird "Alexander" deswegen trotzdem nicht. Eher im Gegenteil.

Alexander, USA, Großbritannien, Deutschland, Niederlande 2004, Regie: Oliver Stone, Buch: Oliver Stone, Christopher Kyle, Laeta Kalogridis, mit Colin Farrell, Angelina Jolie, Val Kilmer, Anthony Hopkins, Rosario Dawson, Jared Leto, Christopher Plummer, Kinostart: 23. Dezember 2004 bei Constantin

Foto: Verleih

Ernst Kramer ist freier Autor in Berlin, spielt Gitarre bei "The Up Escalator" und komponiert Filmmusik.


http://alexanderthemovie.warnerbros.com
Website zum Film (englisch)

www.alexander-special.film.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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