Der Held ist blond. Deutsche Helden sind immer blond. Und langhaarig. Also auch dieser: Günter Netzer, Fußballstar der 1970er. Nur hatte Netzer ursprünglich nicht einmal Haare auf dem Kopf, sondern nur eine Art schwarz lackierten, irgendwie gewellten Helm. Und sein Markenzeichen, das wallende Blondhaar, war gar nur eine Perücke, schnöde gestohlen aus einem Frisörsalon.
Mit dieser und einigen anderen Enthüllungen über einen der legendärsten deutschen Fußballspieler wartet "Aus der Tiefe des Raumes" auf. Denn folgt man dem Debütfilm des Münchner Regisseurs Gil Mehmert, war Günter Netzer mitnichten ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein Tipp-Kick-Männchen. Und diese Spielfigur wuchs sich im Jahre 1965 durch Unachtsamkeit seines frisch verliebten Besitzers, Verkettung einiger glücklicher Umstände sowie dank magischer Kraft unerforschter chemischer Reaktionen in einer Badewanne zum lebensgroßen Fußballer aus. Was immerhin die berüchtigte Lauffaulheit Netzers erklären würde und warum ausgerechnet der als elegant geltende Kicker auf dem Platz einen mitunter arg staksigen Eindruck machte.
Ach ja, damals ....
So trägt "Aus der Tiefe des Raumes" zwar denselben Titel wie die Autobiografie Günter Netzers, erzählt aber - natürlich – nur die halbe Wahrheit. Ein Märchen habe er gedreht, sagt der Regisseur, ein Märchen für Erwachsene. Ein Märchen, möchte man hinzufügen, das amüsant und witzig ist und das nicht nur, weil ein gewisser Hans Hubert Vogts - genannt "Berti" - zum Zimmernachbarn des mutierten Tipp-Kick-Männchens wird. Sondern vor allem, weil es nicht nur den Look, sondern auch den Zeitgeist der in den 1960er-Jahren zwar noch recht jungen, aber ziemlich vermufften Bundesrepublik liebevoll und ohne großen Aufwand rekonstruiert: Mofa-Fahrten, Petticoats und Schlager aus dem Radio. Selbst die Musik der Sixties - auch weil man sich die Rechte an Originalsongs nicht hätte leisten können – wird im Film von damals garantiert nicht existenten Beat-Bands neu erschaffen, die Namen tragen wie The Dukes, The Wigs oder Gerry and The Bow-Men.
Denn so hintergründig und ironisch Mehmerts Film auch sein mag, ohne den verklärten Blick auf den Helden Günter Netzer und auf das, wofür er einst in Deutschland stand, wäre "Aus der Tiefe des Raumes" kaum mehr geworden als eine gut gelungene, wenn auch weitgehend belanglose Fingerübung eines Regisseurs, der bislang vornehmlich fürs Theater gearbeitet hat. Schließlich mag der real existierende Günter Netzer momentan als so genannter Fachmann bei ARD-Übertragungen von Länderspielen geradezu penetrant jene Tugenden predigen, die als typisch deutsch gelten und an denen der Fußball des Nationalteams auch zukünftig genesen soll. Der Günter Netzer aber, der sich einst ins kollektive Gedächtnis Deutschlands einbrannte, jener langhaarige Netzer im Ferrari, der keine Party ausließ, der Netzer, der eine ästhetisch spielende deutsche Nationalmannschaft 1972 zum historischen 3:1-Sieg gegen England in Wembley führte, dieser Netzer, der sich im Pokal-Endspiel 1973 gegen den Willen von Trainer Hennes Weisweiler selbst einwechselte, um das entscheidende Tor zu schießen, jener Netzer, der später für Real Madrid kickte - der steht vor allem für eine Vision: die von einem besseren Deutschland, einem weniger peinlichen Deutschland, das auch im Ausland vorzeigbar ist.
Im Spiel der Mönchengladbacher Borussia der 1970er-Jahre und der deutschen Europameister-Elf von 1972 - personifiziert im Fußballstar Netzer, dessen Füße mit Schuhgröße 47 in beiden Teams als zentrale Schaltstelle fungierten - verbanden sich zum ersten und bislang auch letzten Mal Qualitäten wie Effektivität und Gründlichkeit mit einer im deutschen Fußball sonst schmerzlich vermissten Kreativität und Risikobereitschaft. Davon, das weiß, wer die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen verfolgt, gibt es heutzutage nicht nur im Fußball angeblich viel zu wenig.
Vielleicht ist so zu erklären, dass aus einem kleinen Film plötzlich ein viel beachteter wird und dass ausgerechnet jetzt Günter Netzer in seiner siegerflorumrankten Gestalt wieder geboren wird als das, was bis heute sein Mythos geblieben ist: nicht nur ein Zauberer am Ball zu sein, sondern auch einer, der den Mief aus den spießigen 1960ern bläst und aus dem Streber Deutschland für einen kurzen, glorreichen Moment einen weltläufigen, ebenso eleganten wie erfolgreichen Lebemann macht. Wenn selbst aus einem Tipp-Kick-Männchen ein Weltstar werden kann, dann ist doch alles möglich. Daran, Deutschland, darfst du wieder glauben.
Aus der Tiefe des Raums, Deutschland 2003, Buch und Regie: Gil Mehmert, mit Arndt Schwering-Sohnrey, Eckhard Preuß, Mira Bartuschek, Sandra S. Leonhard, Christoph Maria Herbst, Karl Korte, Kinostart: 16. Dezember 2004 bei Timebandits
Foto: Verleih
Thomas Winkler, Schuhgröße 45, beendete seine Fußball-Karriere in der D-Jugend und spielt heute noch Tipp-Kick mit seinen Töchtern.
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