Es war ein rasantes, schillerndes Leben "für die gute Sache". Und viel zu schnell vorbei. Als Olga Benario 1942 in der Gaskammer der "Heil- und Pflegeanstalt" Bernburg ermordet wurde, war sie gerade 34 Jahre alt. Eine deutsche Kommunistin und russische Agentin. Eine kühne Berufsrevolutionärin. Eine Jüdin. Eine, die nach ihrem tragischen Tod von den Kommunisten zur Märtyrerin verklärt und im Westen fast vergessen wurde. Olgas Lebenslinien zwischen München, Berlin, Moskau und Rio de Janeiro hat Galip Iyitanir in seiner Semi-Dokumentation "Olga Benario - Ein Leben für die Revolution" chronologisch nachgezeichnet. An einer erneuten Heldenstilisierung ist er nicht vorbeigekommen, hat aber ein fast vergessenes Stück Zeitgeschichte spannend und faktisch genau lebendig gemacht.
Kommunistischer Teenager
Olga Benario war eine echte Überfliegerin. Bereits mit frischen fünfzehn Jahren trifft die ebenso begabte wie eigensinnige Tochter eines wohlhabenden jüdischen Anwalts einen Entschluss, der fortan ihr Leben bestimmen wird: nämlich den, in die KJ (Kommunistische Jugend) einzutreten. Das geschieht im Jahr 1923. Die Kommunistische Partei, zur Jahreswende 1918/19 gegründet, steckt noch in den Kinderschuhen, die Inflation hat ihren Höchststand erreicht, Rechte und Linke proben den Aufstand gegen die Weimarer Republik. Mit einer Montage aus Spielszenen, Archiv-Material, Drehs an Originalschauplätzen und Interviews von Zeitzeugen, vor allem anhand der lebhaften und offenen Briefe Olgas, porträtiert Iyitanir die Epoche wirtschaftspolitischer Instabilität und sozialrevolutionärer Träume.
Im Herbst 1924 verliebt sich das junge Mädchen bei einer Bergwanderung in den Lehrer Otto Braun, der unter einem Pseudonym - 1924 ist die KP in Deutschland verboten - für kommunistische Zeitungen schreibt. Das Pärchen geht nach Berlin und Olga übernimmt, 18-jährig, die Propagandaleitung der KJ in dem "roten" Arbeiterbezirk Neukölln. Als Otto wegen Hochverrats eingebuchtet wird, befreit ihn Olga in einem spektakulären Coup, der 1928 weltweit für Schlagzeilen sorgt. Beide fliehen in die Sowjetunion. Dort avanciert die Benario zur Führerin der KIJ (Kommunistische Internationale Jugend), lernt mehrere Sprachen, Fallschirmspringen und Fliegen und ist in geheimen Missionen in Frankreich und England unterwegs.
Akribisch recherchiert, mit großer Faktengenauigkeit und Detailtreue hat der in Köln lebende türkische Regisseur Galip Iyitanir in seinem Debütfilm eine lang zurückliegende Zeit nachgezeichnet: die politischen Kämpfe der 1920er-Jahre, die Frühzeit der KP, die Machtergreifung der Nationalsozialisten, der Zweite Weltkrieg und der bei uns nahezu unbekannte Versuch, in Brasilien eine Revolte zu erzwingen. Auf historischer Ebene wirkt Iyitanir erfolgreich einer ideologischen Mythologisierung entgegen: Zeitzeugen berichten, dass die Revolution vor allem deswegen scheiterte, weil sie von den Revolutionären dilettantisch geplant und vom brasilianischen Volk nicht gewollt war.
Schade, dass es Iyitanir nicht gelungen ist, hinter die Fassade der idealen Genossin, zu der Olga Benario vor allem in der ehemaligen DDR stilisiert wurde, zu blicken. Die SED trieb in den 1950er-Jahren einen wahren Kult um die schöne Revoluzzerin: Über hundert Brigaden, Schulen, Fabriken und Straßen waren dort nach Olga Benario benannt. Vielleicht ist dies die eigentliche Tragik ihres abenteuerlichen Lebens: Während Luiz Carlos Prestes 1945 freigelassen wurde und bis ins hohe Alter unbehelligt lebte, blieb seiner lebenslustigen Weggefährtin nur der posthume Ruhm.
Olga Benario - Ein Leben für die Revolution, Dokumentarfilm, Deutschland 2004, Buch und Regie: Galip Iyitanir, mit Margrit Sartorius, Michael Putschli, Oliver Betke, Julian Boyd, Schwarzweiß und Farbe, Kinostart: 2. Dezember 2004 bei Neue Visionen
Foto: Verleih
Ula Brunner arbeitet als Fernsehjournalistin in Berlin.
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