
Während "Der Untergang" die Hitler-Historien-Welle in Kino und Fernsehen weiterrollen lässt, widmet sich Volker Schlöndorffs "Der neunte Tag" ebenfalls der Nazizeit, allerdings einem ganz anderen Kapitel. 1942 bekommt der luxemburgische Abbé Henri Kremer eine “Beurlaubung“ vom KZ – schier unglaublich, denn Konzentrationslager hieß, dass ein Leben nicht mehr viel wert war.
Das historische Vorbild für die fiktive Figur des Henri Kremer ist Abbé Jean Bernard (1907-1994), der zwei Jahre lang im KZ Dachau überlebte. Anfang 1942 wurde er anlässlich des Todes seiner Mutter für zehn Tage “beurlaubt“ – für Schlöndorffs Film wurden daraus die symbolträchtigeren neun Tage. Im Sommer 1942 wurde Jean Bernard erneut “probeweise“ entlassen und musste nicht mehr nach Dachau zurückkehren. Seine Aufzeichnungen über die Zeit im KZ veröffentlichte er ab 1945 zunächst als Feuilleton-Folgen in der Tageszeitung “Luxemburger Wort“, der er als Direktor nach der Befreiung des Landes im September 1944 vorstand. Mit einer verstörend unpathetischen Sprache schreibt Jean Bernard vom Leben und Sterben im KZ. Dass er seine Erinnerungen an das Grauen mit wenig zeitlichem Abstand zum Erlebten verfasst hat, verbindet sein Buch “Pfarrerblock 25487“ mit Literatur von Überlebenden wie Nico Rosts “Goethe in Dachau“, Primo Levis “Ist das ein Mensch?“ oder auch Wladyslaw Szpilmans “Das wunderbare Überleben“, der Vorlage für Polanskis “Der Pianist“.
Was ist Widerstand?
Was in den Tagen seines “Urlaubs“ geschah, beschreibt Jean Bernard nur in wenigen Sätzen. Der Film “Der neunte Tag“ verhandelt die Fragen und Versuchungen, denen sich Priester im Nationalsozialismus stellen mussten. Widerstand von Seiten der Kirchen - gab es den überhaupt? Bezogen die Kirchenvertreter Position und in welcher Form? Oder waren es nur Einzelne, die Widerstand leisteten? Und galt ihr Protest eher den eigenen Einschränkungen in der Religionsausübung oder Gewaltherrschaft und Judenverfolgung?
Fest steht, dass beide großen christlichen Kirchen sich in der Zeit des Nationalsozialismus nicht eben mit Ruhm bekleckert haben. Ziel nationalsozialistischer Kirchenpolitik war, die Kirche aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen, damit der Nationalsozialismus selbst eine quasi-religiöse Stellung einnehmen konnte. Das gelang weit gehend; es gab nie einen geschlossenen Widerstand der Kirchen gegen die Nazis. Die evangelische Kirche spaltete sich über die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in gleichgeschaltete “Deutsche Christen“ und die “Bekennende Kirche“, die als Organisation jedoch ebenfalls keinen politischen Widerstand leistete. Dieser Kampf wurde von einzelnen Theologen wie Martin Niemöller oder Dietrich Bonhoeffer geführt.
Arrangement mit dem Regime
Die katholische Kirche stand dem Nationalsozialismus vor 1933 deutlich ablehnend gegenüber; bereits in der Kaiserzeit befand sie sich zur Wahrung ihrer religiösen Autonomie in Opposition zum Staat. Umso erstaunlicher, dass sie sich direkt nach der Machtübergabe an Hitler mit dem so genannten Reichskonkordat mundtot machen ließ. Das zwischen Papst Pius XI. (1857-1939) und dem Deutschen Reich unterzeichnete Abkommen ist auch auf der gemeinsamen Basis der Ablehnung des Kommunismus zu sehen. Die katholische Kirche erhoffte sich dadurch zusätzlich Schutz vor der Gleichschaltung. Und die Nazis mussten sich damit keine Sorgen mehr machen, dass etwa Hirtenbriefe das Widerstandspotential der katholischen Bevölkerung wecken könnten.
Tatsächlich waren die auch in “Der neunte Tag“ gezeigten “Vergünstigungen“ für katholische Geistliche eine Farce. Das Konkordat machte es kritischen Katholiken vielmehr fast unmöglich, ihre Ablehnung offen zum Ausdruck zu bringen. Dennoch stellten sich einzelne Geistliche wie der Berliner Bischof Konrad Graf Preysing den Nazis entgegen. Pius XI. übte als Oberhaupt der Katholischen Kirche 1937 mit der Enzyklika “Mit brennender Sorge“ deutliche Kritik am NS-Regime und dessen Kirchenpolitik, ohne allerdings auf die Judenverfolgung einzugehen.
Aufarbeitung tut Not
Der Nachfolge-Papst Pius XII. (1876-1958) ist bis heute besonders umstritten. Er war bereits Mitverfasser der Enzyklika, weshalb es zunächst verwundert, dass er nach seiner Wahl 1939 seine einflussreiche Position nicht nutzte, um seine Schäflein zum Widerstand aufzurufen oder zumindest über die Judenverfolgung aufzuklären. Stattdessen verhielt sich Pius XII. “neutral“, er schwieg zu den Deportationen von katholischen Juden aus Rom 1943 und erhob auch nach der Veröffentlichung von fotografischen Beweisen aus Vernichtungslagern 1944 keinen Protest. Im Film äußert der SS-Mann Gebhardt im Januar 1942 die Sorge, der Papst wolle sich “demnächst zur Judenfrage äußern“. Diese Sorge war rückblickend leider unbegründet. Doch im Film entsteht daraus der Handlungsdruck für die Nazis: Das “Herausbrechen“ des “kleinen Steins“ Luxemburg soll die Mauer der Kirche zum Einsturz bringen.
Kirche im Kerker
Der Bischof des Großherzogtums Luxemburg, einem Land mit überwiegend katholischer Bevölkerung, belässt es in “Der neunte Tag“ beim passiven und stummen Widerstand. Der für seine antiliberale Haltung bekannte Joseph Philippe äußert die Angst, sonst nur Schlimmeres auszulösen. Sein Beispiel soll Pius XII. als Argument für seine Zurückhaltung gedient haben: 1942 hat der Bischof von Utrecht einen Hirtenbrief mit einer klaren Verurteilung der Deportationen von Juden von allen Kanzeln verlesen lassen. Daraufhin haben die Deutschen auch alle zum Katholizismus konvertierten Juden in den Niederlanden deportiert, die bislang geschützt waren. War es also tatsächlich richtiger, nichts zu tun?
Halsstarrigkeit ohne Ende
Auch über 60 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft sind viele Fragen offen. Der Vatikan weigert sich bis heute, der Forschung bestimmte Akten über Papst Pius XII. zur Verfügung zu stellen. So ist zwar die Geschichte des christlichen Widerstands gut dokumentiert. Und zunehmend auch die Geschichte jener Geistlichen, die sich voller Begeisterung in den Dienst der Nazis gestellt haben. Aber immer noch besteht das Bild des mit einer Mitschuld an der Judenverfolgung belasteten Heiligen Stuhls, das der Dramatiker Rolf Hochhuth schon in den 1960er-Jahren mit seinem Stück “Der Stellvertreter“ entwarf. Dessen Held, Kurt Gerstein, war im richtigen Leben ein SS-Mann, der den Papst zum Eingreifen gegen die Judenmorde bewegen wollte. Filme wie “Der neunte Tag“ zeigen, dass die Zeit der Auseinandersetzung mit den Schatten der Geschichte noch lange nicht beendet ist.
Ingrid Arnold ist freie Journalistin und wurde mal katholisch getauft.
Foto: Verleih
Wolfgang Benz: Kirchen - Selbstbehauptung und Opposition, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung (Heft 243), Bonn 2004 (Online-Version unter www.bpb.de)
Jean Bernard: Pfarrerblock 25487. Dachau 1941-21, Luxemburg 2004 (www.morusverlag.de)
Georg Denzler: Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich, Zürich 2003
Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Der Neunte Tag, Filmheft von Herbert Heinzelmann, Bonn 2004 (als PDF unter www.bpb.de/publikationen/filmhefte)
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