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Das 'Fassbinder-Paket' im Kino

Zum 20. Todestag von RWF

5.6.2002 | Gisela Schmalz | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Auf die Fragen nach dem bekanntesten deutschen Filmemacher der Nachkriegszeit würde fast jeder internationale Cineast den Namen Fassbinder nennen. Rainer Werner Fassbinder wollte für den Film werden, was William Shakespeare für das Theater war. Und er arbeitete wie besessen daran, es zu Weltruhm zu bringen. RWF wusste, dass er dazu zunächst einmal Hollywood erobern musste.


33 Spielfilme und vier Fernsehserien, bestehend aus insgesamt 23 Episoden, schuf RWF als Autor und Regisseur. Hierbei war er nicht selten auch sein eigener Produzent und sein eigener Schauspieler. Zudem schrieb und inszenierte RWF 30 Theaterstücke und 4 Hörspiele. In 12 Filmen anderer Regisseure wirkte er als Schauspieler mit, darunter waren 4 Hauptrollen. Seine Produktionszeit beschränkte sich auf nur 13 Jahre. Den ersten Langfilm "Liebe ist kälter als der Tod" drehte er 1969 im Alter von 24 Jahren. An seinem letzten Film "Querelle", den er selbst nicht mehr fertig stellen konnte, arbeitete er im Alter von 37. Shakespeare hingegen wurde 52 Jahre alt.

Keine Trennung zwischen Arbeiten und Leben

Fassbinder ist sicher nicht nur der produktivste, sondern auch der intelligenteste und unbequemste Regisseur des deutschsprachigen Kinos. Er lebte wie er arbeitete: kompromisslos, schnell und immer an der Grenze der Erschöpfung. RWF zog keine Trennungslinie zwischen Arbeiten und Leben. Sein Drehbuch-Material fand er in seiner Umgebung, in der Familie, im Freundeskreis, in Liebesbeziehungen, in seiner WG. Seine Kollegen waren seine Mutter, seine Freunde, seine Lover, seine Mitbewohner. Fast jedem seiner engsten Mitarbeiter schrieb er mindestens eine Hauptrolle, die ihn auf der Leinwand unsterblich machen sollte.

Fassbinder wollte Stars. Da er sie jedoch für seine oft niedrig budgetierten Filme nicht bekam, schuf er sich seine Stars selbst. Hanna Schygulla, Irm Herrmann, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Kurt Raab, Harry Baer, Peer Raben, Volker Spengler, Günther Kaufmann wurden durch ihren Freund zu Leinwandstars. Fassbinder machte Filme über Beziehungen, Macht- und Ohnmachtverhältnisse, Abhängigkeiten, Einsamkeit, Anerkennungsstreben, das Ringen um Liebe, Todessehnsucht, die Kunst, das Filmemachen und die bürgerliche deutsche Gesellschaft, insbesondere die Verhältnisse der Nachkriegszeit. Bevorzugtes Genre des Douglas-Sirk-Verehrers Fassbinder war das Melodram.

Fünf Filme im "Fassbinder-Paket"

Zum Gedenken an Fassbinders 20. Todestag starten Anfang Juni fünf seiner Filme im Kino. Einer davon ist eine Komödie ("Die dritte Generation"). Vier davon sind Melodramen ("Martha", "Lili Marleen", "Lola" und "Die Sehnsucht der Veronika Voss"). Sie geben Fassbinders illusionslose Sicht auf das Beziehungsleben und auf das deutsche Bürgertum wieder.

Die Komödie "Die dritte Generation" von 1978 beschreibt die dritte Generation von Terroristen in Deutschland. Hier verfallen die Terroristen (Volker Spengler, Bulle Ogier, Hanna Schygulla, Harry Baer) dem blinden Aktionismus, statt Idealen oder politischen Maximen zu folgen. Sie paktieren mit dem Vertreter eines internationalen Elektrokonzerns (Eddie Constantine), der den Absatz von Fahndungscomputern steigern will. Der Vertreter finanziert die Terroristengruppe und plant deren Attentate, darunter das seiner eigenen Entführung. So können die Terroristen auf engstem Raum zusammenleben (ähnlich wie Fassbinder und seine WG), Terror machen, und der Konzern setzt seine Computer ab. Dann aber endet ein Verbrechen im blutigen Desaster.


"Martha" von 1973 erzählt die Geschichte einer Bibliothekarin (Margit Carstensen), die sich in einen selbstsicheren, charmanten Ingenieur (Karlheinz Böhm) verliebt und heiratet. Aber der Ehemann entpuppt sich als Zwangscharakter. Er kontrolliert und erzieht Martha, bis diese sich durch eine Affäre mit einem Kollegen aus der Enge der Ehe zu befreien versucht. Dabei passiert ein schrecklicher Autounfall. RWF kommentierte sein Filmsujet mit den Worten: "Die meisten Männer können nur nicht so perfekt unterdrücken, wie die Frauen es gerne hätten."

Schielen nach Hollywood

Die Filme, die vor Fassbinders letztem Film entstanden, "Lili Marleen", 1980, "Lola", 1981, und "Die Sehnsucht der Veronika Voss", 1981/82, deuten in ihrer Machart bereits an, was in "Querelle" offensichtlich wird: dass Fassbinder nach Hollywood schielte, dass er internationale Filme mit internationaler Besetzung und in großem Dekor drehen wollte. Den Hauptdarstellerinnen der Filme Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech gab Fassbinder hier Rollen, um die Hollywoodschauspielerinnen sich reißen würden, und er inszenierte und fotografierte sie wie Hollywoodstars.

"Lili Marleen" beruht auf einem Abschnitt der Autobiografie von Lale Andersen. Der Film erzählt die Geschichte der tragischen Liebe der deutschen Sängerin Wilkie (Hanna Schygulla) zu dem jüdischen Musiker Robert (Giancarlo Giannini) im 2. Weltkrieg. Ihr Drama, immer wieder voneinander Abschied nehmen zu müssen, spiegelt Wilkies Lied wider: "Vor der Kaserne, vor dem großen Tor ...", das zum Hit der Frontsoldaten wird und sie zum Star macht. Der Erfolg des Liedes zeigt, dass Wilkies und Roberts nur eine unter vielen unmöglichen Lieben zur Zeit des Krieges ist. Als Wilkie und Robert sich unter Lebensgefahr in Berlin wiedertreffen, wird Robert von der Gestapo verhaftet und Wilkie bekommt Auftrittsverbot. Das Ende des Krieges bringt den beiden nicht das erhoffte Happy End.

Trilogie zur deutschen Nachkriegsgeschichte

Für "Lola" orientierte RWF sich an Heinrich Manns Buch "Professor Unrat" und an Josef von Sternbergs Film "Der blaue Engel". Bei RWF wird aus der Story der Edelnutte Lola ein Drama zu Wirtschaftswunderzeiten. "Lola" spielt in einer deutschen Kleinstadt in den 50er-Jahren. Der neue, idealistische Baudezernent (Armin Müller-Stahl) tritt seinen Job mit dem Plan an, den Filz in dem Städtchen auszumerzen. Aber er verliebt sich ausgerechnet in die prominenteste Hure der Stadt, Lola (Barbara Sukowa). So geht er von seinem Leitbild ab und arrangiert sich mit den verschlagenen Stadtbewohnern.

"Die Sehnsucht der Veronika Voss" vollendet Fassbinders Trilogie zur deutschen Nachkriegsgeschichte, zu der auch "Lola" und "Die Ehe der Maria Braun" von 1978 zählen. Der letzte abgeschlossene Film von Fassbinder ist auch und vor allem ein Film über die Todessehnsucht. Die Vorlage lieferte die Biografie der Schauspielerin Sybille Schmitz, die im "Dritten Reich" zum Ufa-Star aufgestiegen war, aber nach 1945 kaum noch Rollen erhielt. 1955 starb Schmitz im Alter von 46 an einer Überdosis Tabletten. Der Film handelt von der Faszination eines Sportreportes (Hilmar Thate) für die noch immer schöne, aber zerbrechliche und morphiumsüchtige Schauspielerin Veronika Voss (Rosel Zech), die in rätselhafter Abhängigkeit von ihrer Nervenärztin (Annemarie Düringer) lebt.

Es lebe Rainer Werner Fassbinder

Fassbinder ließ seine letzte große Frauenfigur Veronika Voss an einer Überdosis Schlaftabletten sterben. Damit nahm er seinen eigenen Tod und sogar die Art seines Todes auf erschreckende Weise vorweg. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1982 starb Fassbinder in seiner Münchener Wohnung, wahrscheinlich an einer Überdosis Kokain. RWF hatte "Querelle" noch nicht fertig gestellt und außerdem noch einige recht konkrete Filmpläne. So wollte er Pitigrillis "Kokain", Georges Batailles "Le bleu du ciel" oder die Geschichte von Rosa Luxemburg mit Jane Fonda in der Titelrolle verfilmen.

Diese Projekte sollten Fassbinder seinem Ziel näher bringen, ein internationaler, das hieß für ihn, ein US-Regiestar zu werden. Selbst Fassbinder litt bereits an diesem Hollywood-Komplex, den heute jeder zweite deutsche Regisseur hat. Doch im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen hier hat RWF Filme von überregionaler und zeitloser Geltung geschaffen. Wie die Werke Shakespeares haben Fassbinder-Filme heute nichts an Brisanz eingebüßt. Denn sie stellen die wichtigen Fragen, die über Leben, Liebe und Tod. Seine Fragen verpackte Fassbinder in Storys, die ergreifen, amüsieren, verstören, ärgern. Immer noch.

Fotos RWF, "Martha": Kinowelt Filmverleih

Gisela Schmalz arbeitet als freie Autorin für Web, Film und Fernsehen und als Schauspielerin.



weiterlesen:
Töteborg, Michael: Rainer Werner Fassbinder (ab Juni 2002)
Eckhardt, Bernd: Rainer Werner Fassbinder
Baer, Harry: Schlafen kann ich, wenn ich tot bin
Rainer Werner Fassbinder: Die Anarchie der Phantasie

www.3sat.de
Zum 20. Todestag zeigen auch viele Fernsehsender Filme von RWF,
3sat bietet zudem ein Online-Special.

http://theaterfestival.bpb.de
Während des diesjährigen 5. Theaterfestivals Politik im Freien Theater in Hamburg sind einige Sonderveranstaltungen zu Fassbinder geplant: Unter dem Titel "Der Antiteatermacher Fassbinder" erinnert das Neue Cinema vom 23. Oktober bis 1. November mit einer Fotoausstellung, mit Lesungen (unter anderem von Irm Hermann), einer Filmnacht, Diskussionen und szenischen Aktionen an den Künstler, Theaterarbeiter und Menschen RWF.

www.imdb.de
Filmografie von RWF in der Internet Movie Database

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