The Motorcycle Diaries

Die Reise des jungen Ché

Kinostart: 28.10.2004 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der 80-jährige Alberto Granado, ungebeugter Weggefährte des Pop- und Politidols Ché Guevara, sitzt in seinem Haus auf Kuba und erinnert sich an damals, als er nichts anbrennen ließ: "1952 war ich 29 Jahre alt und Ernesto (der spätere Chè) war 23 Jahre jung. Wie die meisten Argentinier zu dieser Zeit wussten wir mehr über die Griechen und die Phönizier als über die Inka und Lateinamerika. Wir wussten kaum, wo der Macchu Picchu lag."

Also nichts wie los! Rauf auf den Bock und rein in den Rock, denken sich der Biochemiker Alberto und der Medizinstudent Ernesto, die sehr viel mehr als das gemeinsame Interesse an Krankheit und Gesundheit der Menschen vereint. Neun Monate gurken die beiden auf ihrem schrottigen Motorrad namens "La Poderosa", die "Allmächtige", die bald ihren Geist aufgeben wird, durch den südamerikanischen Kontinent, bis sie in der peruanischen Leprastation San Pablo am Amazonas endlich vorerst ihr Ziel erreicht haben.

Die Straße wird ihr Zuhause. Mühsam schieben die beiden nach dem Zusammenbruch der "Allmächtigen" Fuß vor Fuß in eine unbekannte Zukunft, die zunehmend bedrohlicher, düsterer und auswegsloser erscheint - je mehr sie erfahren von den Menschen und ihren Lebensgeschichten am Rande aller Wege, die nach nirgendwo führen, es sei denn in Armut und Ausbeutung. Ernesto reift, glaubt man dem an Chés Tagebuchaufzeichnungen und Albertos Erinnerungen angelegten Film, auf dieser Reise zum Überzeugungstäter: Ernesto Guevara Serna verlässt nicht nur sein bürgerliches Zuhause. Das Schicksal der Ausgestoßenen und Unterdrückten des südamerikanischen Kontinents, die Ungerechtigkeit der Welt lassen ihn fortan nicht mehr los.
Vom Bürgersöhnchen zum Kämpfer

Ende der 50er-Jahre wird sich der Arzt gemeinsam mit Fidel Castro und über achtzig Guerillakämpfern einen jahrelangen Guerillakampf gegen das Regime des kubanischen Diktators Fulgencio Batista y Zaldívar liefern. Am 1. Januar 1959 siegen die Rebellen, was Ché den Ehrentitel "von Geburt kubanischer Staatsbürger" einträgt. Er wird Chef-Ideologe der neuen Regierung und Leiter der Nationalbank von Kuba. Anfang der 60er-Jahre verfasst er seine (in Ostberlin und in linkslastigen Studentenzirkeln) viel zitierte Schrift "Der Partisanenkrieg": Aus der Analyse der ökonomischen Situation und der der Klassenkräfte zieht Guevara den Schluss, dass es für Lateinamerika nur den Weg des bewaffneten Kampfes gibt, der mit dem Guerillakrieg beginnen muss. Doch Kuba und seine von der UdSSR gesteuerte Regierung wird dem Freiheitskämpfer zunehmend zu eng. Er reist nach Asien und Afrika, derweil Castro einen angeblichen Abschiedsbrief Chés an das kubanische Volk verliest. 1966 beginnt er im bolivianischen Dschungel mit dem Aufbau eines Guerillalagers; auf seinen Kopf wird eine Prämie ausgesetzt. 1967 wird er erschossen.

Um seinen Tod und seine Leiche rankte sich über 30 Jahre lang die Mythenbildung, dass "El Ché" doch nicht tot sei - bis 1997 sein Skelett als echt identifiziert wurde. Ché wurde zu einem Vorbild, das bis heute einen schier unverwüstlichen Devotionalienhandel nach sich zieht: Uhren, Feuerzeuge, Bier, T-Shirts, Boxershorts, Schlüsselanhänger und andere Produkte mit dem Konterfei des Comandante verkaufen sich immer noch wie warme Semmeln.

Ein Motorrad-Trip als Initiationsreise

Das alles lässt der Film "The Motorcycle Diaries - Die Reise des jungen Ché" jedoch aus. Er konzentriert sich auf die Reise der beiden Freunde, in der sie erstmals mit Armut, sozialer Ungerechtigkeit und Ausbeutung konfrontiert werden. Verkörpert wird der junge Revoluzzer in spe, der im wirklichen Leben auch noch richtig gut aussah, durch den Newcomer des mexikanischen Films: Gael García Bernal, der in "Amores Perros" (2000), "Y tu mamá también" (2001) und zurzeit in Almodovars "La mala educación" brilliert. Und Gael García Bernals Schönheit fasziniert auf der Leinwand selbst dann noch, wenn der Schauspieler keuchend einen Asthmaanfall simuliert.

Doch bei allem Roadmovie- und sonstigem Charme - es gibt ein Aber: "The Motorcycle Diaries" kämpft wie fast alle Biopics mit einer manchmal beliebig wirkenden nacherzählenden Episdodenkette. Warum die Reise die beiden schließlich nach diversen Senorita-Eroberungs-Contests und allerlei netter kleiner Geschichten ausgerechnet in die Leprakolonie führt, davon erfährt man so gut wie nichts - nur, dass der zukünftige Ché ein echt guter Mensch gewesen sein muss. Und dass auch ein zukünftiger Revolutionsführer ganz menschliche Bedürfnisse hat. Dennoch: Der Film will nicht agitieren und stellt Ernesto Guervara als einen ganz normalen jungen Mann mit ganz normalen Bedürfnissen vor. Einer, der eben spürt, dass viele Menschen Hilfe brauchen und er diese Hilfe geben kann - so die emotionale Grundüberzeugung.

50 Jahre später – und nichts passiert?

Zwei Jahre beschäftigten den Regisseur Walter Salles die Recherchen zu seinem neuen Film nach "Central Station" (1998) und "Hinter der Sonne" (2002). Die Route führte das Team zu über 30 Originalschauplätzen: Buenos Aires und Bariloche in Argentinien, durch die gleißende chilenische Atacama-Wüste in die Sommerfrische von Valparaiso, in eine Mine im Hochgebirge der Anden, ins peruanische Iquito und auf den Macchu Picchu. Über Lima erreichte das Filmteam - genau wie die beiden Helden Ernesto und Alberto - schließlich ihr Endziel: die Leprastation San Pablo im Urwald des Amazonas-Gebietes. Die Temperaturen reichten von weit unter null Grad in den Anden bis zu über 45 Grad im tropischen Regenwald. Der Regisseur Walter Salles: "Mein erster Eindruck, als ich ihren Spuren folgte, war, dass die sozialen Probleme, die 1952 Ernestos und Albertos Aufmerksamkeit erregt hatten, auch heute noch existierten. Was im Tagebuch vermittelt wird, konnte ich noch während meiner Reise spüren. (...) Das hat seinen Grund vielleicht darin, dass sich die politischen und sozialen Realitäten der lateinamerikanischen Kultur von den 50er-Jahren bis heute nicht wesentlich verändert haben."

Die Reise prägte laut Che Guevaras Sohn Camilo nicht nur das soziale Bewusstsein seines Vaters entscheidend: "Dies ist die Geschichte, bevor mein Vater der 'Ché' wurde. 'Ché', das sagt man in Argentinien: 'He, hör mal!' oder 'Pass auf!'"

(Diarios de motocicleta) USA, Deutschland, Großbritannien 2004, Regie: Walter Salles, Buch: Jose Rivera nach den Büchern von Ché Guevara und Alberto Granado, mit Gael García Bernal, Rodrigo de la Serna, Mía Maestro, Mercedes Morán, Jorge Chiarella, Susana Lanteri, Kinostart: 28. Oktober 2004 bei Constantin

Foto: Verleih

Silke Kettelhake ist fluter.de-Redakteurin.


www.motorcyclediariesmovie.com
Website zum Film (englisch und spanisch)

www.che.film.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.dhm.de
Kurzbiografie von Che Guevara auf den Websites des Deutschen Historischen Museums




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