Krieg und Frieden

29.9.2004 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der damalige amerikanische Verteidigungsminister Robert S. McNamara (das “S” steht, kein blöder Witz, für “Strange”) war Mitte der 60er-Jahre, als bereits knapp 200.000 amerikanische Soldaten in Vietnam stationiert waren, einer der meistgehassten Männer Amerikas. Ein arroganter Karrierist und brillanter Stratege, über den es hieß, er sei eine “IBM-Maschine auf Beinen”. McNamara, von John F. Kennedy ins Verteidigungsministerium berufen und nach dessen Ermordung vom nachfolgenden Lyndon B. Johnson übernommen, galt gemeinhin als “Architekt” des Vietnamkrieges - derjenige, der die Infrastruktur des Krieges soweit ausbaute, dass nach seiner Entlassung 1967 Johnson den Truppennachschub dramatisch vorantreiben konnte.

Die diese Woche in den deutschen Kinos startende Dokumentation “Fog of War” von Errol Morris versucht sich am schwierigen Unterfangen, das Leben dieses höchst umstrittenen Mannes und damit auch die allgemeine Rezeption des Vietnam-Krieges neu zu beleuchten. 1995 veröffentlichte McNamara seine Memoiren “In Retrospect”, die Regisseur Errol Morris als Grundlage für sein Filmprojekt dienten. Schon in seiner Biographie hatte McNamara seine Rolle im Vietnam-Krieg und seine gesamte politische Karriere ungewohnt kritisch hinterfragt. Morris geht mit “Fog of War” noch einen Schritt weiter. “11 Lektionen aus dem Leben des Robert S. McNamara” ist sein Film untertitelt. Was können nachfolgende Generationen, und Morris besteht darauf, dass diese Fragestellung nicht explizit auf die aktuelle US-Regierung gemünzt ist, von Robert McNamara lernen?

Das Grauen verantwortet


McNamara also gilt als der Mann, der den Truppenaufmarsch in Vietnam noch zu Kennedys Zeiten vorantrieb. Außerdem ist er derjenige, der die drei zentralen militärischen Operationen befehligte, die die ersten großen Vernichtungswellen über Vietnam zur Folge hatten: die “Operation Rolling Thunder” im März 1965, später die Napalmteppiche und schliesslich die Agent-Orange-Einsätze.

In “Fog of War” bringt McNamara noch eine weitere Kriegsaktion ins Gespräch, die bisher nicht allzu bekannt war: die Brandbomben-Einsätze über Tokyo unter dem Kommando von General Curtis E. LeMay, bei denen innerhalb einer Nacht 100.000 Menschen starben. Und hier ringt sich McNamara ein bemerkenswertes Eingeständnis ab: Hätten die USA den Zweiten Weltkrieg verloren, sagt McNamara, wären er und LeMay ganz sicher der Kriegsverbrechen verurteilt worden. Schon kurz darauf in Vietnam habe er das Prinzip der “Proportionalität der Mittel” befürwortet. Die Bomber, entwickelt für eine Einsatzhöhe von 10.000 Fuß, wurden auf halbe Höhe geflogen, um die Schäden zu präzisieren. “Fog of War” zeigt McNamara noch immer als kompromisslosen Kriegsstrategen.
Kriegsstratege auf dem Prüfstand

Als onkelhafter Geschichtenerzähler taugt McNamara nicht gerade. Einem Mann, der den Krieg als ein reines Schicksalsgebilde versteht, eine Art Naturphänomen - und nicht als einen von Menschenhand geschaffenen Zustand - will man die Lektion für’s Leben nicht so recht abkaufen. McNamaras Winden um ein eindeutiges Zugeständnis von politischer Verantwortung – und damit moralischer Schuld – war auch der Hauptgrund, warum “Fog of War” in der US-Presse extrem kritisch aufgenommen wurde. Die linke Wochenzeitung Nation veröffentlichte eine vernichtende Kritik mit dem Hinweis, dass McNamara von Morris mit Samthandschuhen angefasst worden sei. Der erzähle dieselben Lügen, die er bereits seit 30 Jahren mit Krokodilstränen in den Augen von sich gebe.

Telefongespräche, geheime

Eine objektive Wahrheit über die Person McNamara wird kein Film je liefern können. Morris hat zumindest die politischen Fakten noch einmal gewendet: Erst im letzten Jahr wurden mitgeschnittene Telefongespräche zwischen McNamara und Kennedy beziehungsweise Johnson veröffentlicht, auf die auch Morris im Film zurückgreift. Die Gespräche relativieren zumindest das Bild von McNamara als führenden Kriegstreiber. Sowohl Kennedy als auch Johnson befürworteten den Einmarsch in Vietnam, während McNamara eher als Stimme der Vernunft erscheint. Auf diese Aufnahmen baut Morris seine einzige nachvollziehbare Argumentation um “Fog of War” auf, und sie verleiht dem Film letztlich doch eine Relevanz, die bis zur Regierung Bush Jr. reicht.

Die entscheidende Frage, die die Biographie eines Mannes wie McNamara aufwirft, ist die der politischen Verantwortung gegenüber einem Präsidenten, der um jeden Preis in den Krieg ziehen will. “Welche Schritte", fragte Morris in einem Brief an das Magazin ”Nation”, “unternimmt ein Kabinettsmitglied, das mit der Politik des Präsidenten nicht einverstanden ist? Wendet es sich an den Kongress? An die Öffentlichkeit? Oder sollte er versuchen, die Regierungspolitik von innen heraus zu verändern?”

In die Annalen der Geschichte wird McNamara als skrupelloser Machtmensch eingehen, der stets seine eigenen Vorteil suchte und auch noch glaubte, seine Fehler rückblickend als Teil eines Lernprozesses verkaufen zu können. Zwei Tatsachen sprechen für dieses Urteil: Anfang der Sechziger verließ McNamara seinen hoch bezahlten Posten als Ford-Direktor, um als armer Schlucker in die Politik zu gehen. Und nach seinem unfreiwilligen Ausscheiden aus dem Johnson-Kabinett hat er sich niemals öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen. McNamaras politische Vision erweist sich als äußerst beschränkt. “Fog of War” ist ein lehrreicher Film über diese Beschränkungen, gerade weil McNamara sie so eloquent verkauft.

Andreas Busche schreibt über und für die Kulturindustrie.

Foto: "The Fog of War" / © Movienet Film



www.movienetfilm.de/
Website des Filmverleihs: Hier gibt es umfangreiches Material zum Film.

www.orangemountainmusic.com/

Auf dieser Website gibt es die Filmmusik.

www.sonyclassics.com/fogofwar/
Amerikanische Website des Films

www.whitehouse.gov
Website des amerikanischen Regierungssitzes

www.americanpresident.org
Website, die die amerikanischen Präsidenten auflistet.




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