
Nana A. T. Rebhan: Wie kam der Produzent Bernd Eichinger gerade auf Sie als Regisseur?
Oliver Hirschbiegel: Er dachte sich wohl, da ist jemand, der 100 Prozent handwerklich fit ist, um ein so energetisches Projekt zu stemmen.
N. R.: Was hat Sie daran gereizt?
O. H.: Gereizt hat mich am Anfang überhaupt nichts; es hat mich eher abgeschreckt. Ich hatte große Zweifel, ob das gehen kann: die Figur des Hitler darzustellen. Ich hatte auch Zweifel, ob es für mich gut sei, mich zwei Jahre lang mit dieser Materie zu beschäftigen. Wenn man Regie macht, muss man da hineintauchen, da gibt es keinen anderen Weg. Man hat hier mit Menschen zu tun, mit denen man in seinen schlimmsten Träumen nichts zu tun hat. Diese ganze Welt steht für alles, was ich zutiefst verabscheue. Dann habe ich irgendwann realisiert, dass es eine historische Aufgabe ist, diesen Film jetzt zu machen, in Deutschland, aus Deutschland heraus, als deutscher Regisseur.
N. R.: Schwierig, der Umgang mit diesem Part der deutschen Geschichte?
O. H.: Das meine ich mit historischem Auftrag: Die Zeit, konditioniert mit diesem Thema umzugehen, ist vorbei. Das tun wir jetzt seit 60 Jahren. Die Zeit, in der man so getan hat, als hätte man lauter Wahnsinnige, Dämonen, die ein Volk in den Abgrund gerissen haben, die ist vorbei, denn so ist es nicht gewesen.
Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Entweder wir sagen: "Ich will damit nichts zu tun haben, - this was then and this is now", oder wir sagen: "Wir als deutsche Nation, als Volk stellen uns unserer Geschichte.“ Wir versuchen herauszufinden, was war denn vorher? Was ist jetzt? Was bedeuten wir in der Welt? Was ist in der Zukunft? Oder sind wir nur tolle Autobauer oder was?
Wir haben ein großes Problem zu sagen, wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein. Das ist das Schrecklichste, was einem Volk passieren kann, dass es Hemmungen hat zu sagen: "Ich bin stolz darauf, Bürger meines Landes zu sein."
Die Idee dieses Film ist - und so sieht es Bernd (Eichinger) glaube ich auch - dass man eine Stafette verteilt. Dies ist der erste Ansatz, der in eine andere Richtung geht. Da ist jeder aufgerufen, seine Arbeit zu tun.
N. R.: Wie genau sind die Dialoge recherchiert?
O. H.: Die sind sehr genau recherchiert. Es gibt Aufzeichnungen aus unterschiedlichen Quellen und die vergleicht man. Wenn sich das deckt, dann weiß man, wie das gewesen sein muss. Bernd hat sich beim Schreiben einige Freiheiten genommen, aber sehr wenige. Bei allem, bei dem es um die Substanz geht - etwa das, was Hitler sagt - das ist O-Ton. Die Hauptquellen waren dabei Fest, Speer, Traudl Junge und andere.
N. R.: Hatten Sie Angst vor einer derart prominenten Besetzung?
O. H.: Angst haben alle. Gerade die guten Schauspieler haben Angst. Ich habe auch Angst, jeden Morgen, wenn ich zum Set gehe. Wenn aber allen klar ist, "dass jeder die Hosen runterlässt", dann kann man sehr gut und kameradschaftlich arbeiten. Ich arbeite nur mit Schauspielern, die mir sympathisch sind und zu denen ich eine Verbindung aufbauen kann. Das war in diesem Fall auch so. Bruno (Ganz) und ich haben uns exzeptionell gut verstanden - das kann man schon mit Freundschaft beschreiben.
N. R.: Wollten Sie von Anfang an die Rolle des Adolf Hitler mit Bruno Ganz besetzen?
O. H.: Ja, aber es gab noch ein paar andere Besetzungsideen. Als ich ihn dann im Hitlerkostüm aus der Garderobe kommen sah, da rutschte mir das Herz in die Hose. Ich hoffte sehr, ihn für die Rolle gewinnen zu können. Ohne ihn wäre der Film nichts geworden.
N. R.: Wie war denn die Zusammenarbeit mit Bernd Eichinger während der Dreharbeiten?
O. H.: Ich habe vor dem Dreh gehört, er sei dickköpfig und unbeweglich in seinen Haltungen; ich habe ihn aber nicht persönlich gekannt. Das Gegenteil war der Fall. Ich habe noch nie mit einem Produzenten eine so partnerschaftliche und kameradschaftliche Zusammenarbeit gehabt wie mit Bernd Eichinger. Ich kann leider nichts Sensationelleres erzählen. Es war ein Glücksfall. Wir haben dieselbe Sprache gesprochen und sind da im Blindflug durchgegangen. Zum Beispiel: Ich habe nie Muster geschaut und ihn gebeten, mich anzurufen, wenn ihm irgendwas auffällt.
N. R.: Wird es weitere gemeinsame Projekte geben?
O. H.: Ja, darauf haben wir uns das Wort gegeben. Das wäre auch dumm, wenn wir es nicht wieder tun. In diesem Fall war es ja ganz besonders, weil auch das Buch von ihm ist. Er hat einfach gesagt, "Das machen wir jetzt" und dazu gehört eine Menge Chuzpe. Der Film ist somit sowohl mein Baby als auch sein Baby. Und - das muss ich noch sagen: Der beste Drehbuchautor, mit dem ich je zusammengearbeitet habe, heißt Bernd Eichinger.
N. R.: Wie deutsch ist Ihr Film?
O. H.: Der ist so deutsch, wie er nur deutsch sein kann. Darauf bin ich auch sehr stolz. Was ich versucht habe, ist, diese schwerblütige Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Tod und dem eigenen Untergang darzustellen. Denn dies zeichnet diese Periode aus und ist gleichzeitig symptomatisch für unser Volk über Jahrhunderte. Diese Sehnsucht nach dem Tod. Das hat was wahnsinnig Schweres und Zähes, und daraus resultiert eine Angst der Deutschen vor dem Leben. Vor der Vielfältigkeit des Lebens, dem Pluralismus, der ständigen Bewegung, den immerneuen Farben. Ich sehe das bei Wagner, bei Hoffmann und bei vielen anderen deutschen Dichtern und Schreibern, auch bei den Philosophen. Ich glaube auch, dass nur Deutsche so etwas machen können, denn das ist unser Ding.
Nana A.T. Rebhan arbeitet für ARTE und andere.
Foto: "Oliver Hirschbiegel" / © Constantin Film 2004
www.untergang.film.de/
Website zum Film
www.bpb.de
Informationen zur politischen Bildung
www.fritz-bauer-institut.de/
Website des Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust
www.jg-berlin.org
Informationen zum Judentum
www.shoa.de
Website einer Initiative, deren Ziel die Auseinandersetzung mit den Schrecken des Holocaust und ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart ist.
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