Kultstatus: Blow Up

Models, Murder, Mystery

Kinostart: 1.9.2004 | Kirsten Schulz | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Mädchen sind für den Fotografen Thomas vor allem bessere Kleiderständer. Sie sollen gut aussehen und das machen, was er will: Kaugummi raus, Arme heben und senken, lächeln - und keine Ansprüche stellen. "Ich warte schon seit einer Stunde", wehleidet die junge Frau, als Thomas zur Fotosession erscheint. "Das ist gut", entgegnet er knapp. Der Fummel, den sie anhat, zeigt mehr Haut, als er verdeckt. Was folgt, ist eine der vielen legendären Szenen aus dem Film "Blow up" von Michelangelo Antonioni: Thomas beginnt das Covergirl, das berühmte 60er-Jahre-Topmodel Veruschka von Lehndorff, zu fotografieren und gerät dabei in einen Rausch. Wie er sie zu neuen Posen animiert, sie anheizt, ihr mit der Kamera auf die Pelle rückt, sie besteigt, küsst und dabei immer wieder auf den Auslöser drückt: Das ist Sex. Und es sagt viel über Thomas und seine Branche aus, wie er sich - als er seine Bilder im Kasten hat - wortlos erhebt und sie auf dem Boden liegend zurücklässt - als wäre dieser intime Moment nichts gewesen.

Menschen interessieren Thomas (der damals 24-jährige David Hemmings in der Rolle seines Lebens) nur als Motiv. Er benutzt sie - die Mannequins genauso wie die ausgemergelten Obdachlosen im Nachtasyl oder das Liebespaar im Park, das er heimlich fotografiert, bis ihn die Frau dabei bemerkt und empört die Herausgabe des Films von ihm fordert (was er natürlich nicht tut). Später wird Thomas auf eben diesen Aufnahmen Indizien für einen Mord entdecken. Er vergrößert Details, eins ums andre Mal. Doch dann verschwinden die Bilder, ebenso wie die Leiche, die er zuvor tatsächlich im Park gefunden hatte ...
Zeitreise in die Sixties

"Blow up" von Michelangelo Antonioni spielt im Swinging London der 60er, in der Szene der Modemacher, Fotografen und Künstler. Es war der erste im Ausland produzierte Film des italienischen Regisseurs, der zweite in Farbe (und was für Farben!). Antonioni, damals bereits 54 Jahre alt, wandte sich darin einer Generation zu, die sich mitten im Aufbruch befand und lautstark gesellschaftliche Konventionen in Frage stellte. In Antonionis knallbuntem London toben Hippies im Jeep durch die Stadt, Partypeople wähnen sich zugedröhnt in Paris und ein wütender Musiker zertrümmert vor einem regungslosen Publikum seine Gitarre. Dazu der Soundtrack von Herbie Hancock und viel Sixties-Ambiente zum Sattsehen.

Pop, Kunst, Mode, Partys, Drogen, Sex und schöne Menschen, das ist die Welt, in der sich Thomas bewegt. Die Mode der 60er - der neue androgyne Stil, vorgegeben von Twiggy, dem schlaksigen Mädchen mit den Bambiaugen. Der Minirock von Mary Quant, der unerhört viel Bein zeigt. Peggy Moffit mit ihren fettschwarz umrandeten Augen (im Film eines der Fotomodelle), eine der ersten Mannequins, die sich oben ohne zeigt. Die Klassenschranken brechen auf. David Bailey, der ungehobelte, aber gut aussehende Typ aus dem Londoner Arbeiterviertel East End, macht mit Straßenaufnahmen und Porträts auf sich aufmerksam und arbeitet später für das Modemagazin Vogue. Thomas scheint Bailey nachempfunden, David Hemmings nannte in einem BBC-Interview jedoch David Hamilton als persönliches Vorbild für seine Rolle.

Thomas ist das männliche Pendant zum It-Girl: jung, cool, hip - und unendlich gelangweilt. "Ich gehe weg aus London", gesteht er seinem Verleger Ron beim Lunch in einem Nobelrestaurant. "London gibt mir nichts mehr. Ich habe diese blöden Schnepfen satt. Ach, hätte ich nur Geld. Dann wäre ich frei." - "Frei wie der?", entgegnet Ron und zeigt auf das Bild eines Penners. Thomas ist Teil eines Systems, das er zutiefst verachtet. Die Modewelt steht in "Blow up" eben nicht nur für das Neue. Sie ist auch eine künstliche, durch und durch inszenierte Welt. Ein Markt, in dem der schöne Schein, die richtige Pose zählt. Thomas reagiert darauf mit Zynismus. Hinter seiner Kaltschnäuzigkeit verbirgt sich jedoch sein Verlorensein in der Welt der Schönen, Erfolgreichen und Oberflächlichen. Antonioni zeigt die Kraft, die von der jungen Pop-Generation ausgeht, aber er erliegt nicht ihrem Charme. Immer wieder inszeniert er in "Blow up" seltsame Szenen des Stillstands und der Entfremdung, in denen Menschen sich wie Seelenlose verhalten.

Das Rätsel der Bilder

Es geht in "Blow up" also nur vordergründig um Mode. Und auch der Krimiplot ist nur dazu da, anderen, tiefer gehenden Fragen nachzugehen. Die Vergrößerungen, die Thomas von seinen Schnappschüssen aus dem Park macht, werden mit jedem Mal grobkörniger. Konturen lösen sich auf. Ist das dort ein Gesicht? Ein Revolver? Oder nur eine Lichtreflexion? Seine Abzüge gleichen abstrakten Gemälden. Ausgerechnet Thomas, der Modefotograf, beginnt an der glatten Oberfläche seiner Fotos zu kratzen. Als verberge sich dahinter eine Wahrheit über die abgebildete Realität. Und immer weniger traut er dabei seinen Augen. "Was ist passiert?", fragt ihn eine Freundin, der er von seiner Entdeckung erzählt. "Ich weiß es nicht", sagt Thomas. "Ich habe es nicht gesehen."

Wie Antonioni der Beziehung zwischen Original und Abbild, zwischen Wirklichkeit und Einbildung in "Blow up" nachforscht, ist spannend bis zur letzten Minute. Am Schluss - Thomas ist in den Park zurückgekehrt und hat Pantomimen einen imaginären Tennisball zugeworfen - hört man erst leise, dann immer deutlicher den Aufprall des Balles, den es nicht gibt. Hören und sehen wir nur das, was wir wollen? Fast scheint es, als hätte sich Thomas für das Spiel mit der Illusion, für eine Welt voller Künstlichkeit entschieden. Aber wer weiß? "Blow up" entlässt einen mit mehr Fragen als Antworten - und nicht nur deshalb lohnt es sich, diesen Film mehr als einmal anzusehen.
Kirsten Schulz

(Blow-Up) Großbritannien 1966, Regie: Michelangelo Antonioni, Buch: Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra, Edward Bond nach der Erzählung "Teufelsgeifer" von Julio Cortázar, mit David Hemmings, Vanessa Redgrave, Peter Bowles, Sarah Miles, Veruschka von Lehndorff, Jane Birkin, ab 16, DVD bei Warner Home Video

Fotos: © Warner Home Video


www.vogue.de
Hier stellt die Vogue die britische Designerin Mary Quant vor: die Erfinderin des Minirocks
www.twiggylawson.co.uk
Die Website von Twiggy, eines der berühmtesten Models der Sechziger
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)