Der Vater von Holger Meins hatte über den Sarg seines Sohnes eine breite Betondecke ziehen lassen, um zu verhindern, dass rachelüsterne Bürger ihre Drohung wahrmachten und den Toten aus seinem Grab holten, um ihn noch einmal aufzuhängen. Zwar war die Friedhofsruhe damit gewährleistet, doch die heftige Erregung gegen einen Angehörigen der "Roten Armee Fraktion", wie sie durch jenen exzessiven Rachewunsch zum Ausdruck kam, ist bis heute zu spüren; wenn nicht beim einzelnen Bürger, so doch bei der bundesrepublikanischen Justiz, die mit Urteilen wie "5-mal lebenslänglich" und Isolationshaft die RAF-Gefangenen strenger bestraft hat als jeden anderen Kapitalverbrecher.
Die RAF ist zum Mythos der Bundesrepublik Deutschland geworden. Nicht nur, weil mehrere Taten und Tragödien ihrer nahezu 30-jährigen Geschichte immer noch ungeklärt sind, sondern weil die Vehemenz und Hartnäckigkeit jenes bewaffneten Protestkampfes im krassen Gegensatz stand zum Kleinmut und zur Zögerlichkeit, die sonst dem Widerstand hierzulande, selbst gegenüber schrecklichsten Formen von staatlichem Machtmissbrauch, eigen war.
Das gesellschaftliche Umfeld
Als in den 60er-Jahren die erste Nachkriegsgeneration mündig wurde, während ihre teils noch mit Nazi-Schuld belasteten Väter schon wieder daran gingen, die soeben im Grundgesetz verankerte Demokratie aufzuweichen, erwachte, insbesondere an den Universitäten, die Einsicht, dass der Widerstand dagegen radikaler werden musste. Ein breites Bündnis zwischen Studenten, Professoren, Intellektuellen, Künstlern und Gewerkschaftlern protestierte gegen die atomare Aufrüstung, gegen die Verabschiedung von Notstandsgesetzen (d. h. die Einschränkung von Grundrechten in Krisenzeiten), gegen die Gleichschaltung der Medien, gegen die Einschränkung politischer Versammlungsfreiheit, gegen den USA-Krieg in Vietnam oder auch gegen die deutsche Unterstützung gewalttätiger Diktaturen im Ausland wie etwa derjenigen des Schah-Regimes im Iran. Und da die friedlichen Demonstrationen und Einsprüche ohnmächtig blieben, griffen die Protestierer zu drastischen Provokationen, zur Sitzblockade oder zur Brandstiftung durch Molotow-Cocktails. Um solchen massiven Protest zu unterbinden, war die Polizei hinsichtlich der Wahl ihrer Waffen den Protestierern schnell wieder voraus: ob mit Wasserwerfern, mit Schlagstöcken oder schließlich durch den Gebrauch der Schusswaffe.
Nachdem ein Berliner Polizist bei der Demonstration am 2. Juni 1967, gegen den Besuch des iranischen Schahs, den Studenten Benno Ohnesorg hinterrücks erschossen hatte, eskalierte die Gewalt. Einzelne Gruppen der Revolte kamen zur Auffassung, man müsse der Härte des Staates nun ebenfalls bewaffnet entgegentreten; ähnlich wie dies auch revolutionäre Guerillakämpfer in den Ländern der so genannten Dritten Welt machten. Und nicht nur in Deutschland gründeten sich also militante Widerstandsgruppen wie die "Rote Armee Fraktion, die "Revolutionären Zellen" oder die "Bewegung 2. Juni", auch in Italien organisierten sich die "Brigate Rosso" oder in Frankreich die "Action directe".
Die erste Generation
Am 2. April 1968 stecken Andreas Baader, Gudrun Ensslin und andere in Frankfurt am Main zwei Kaufhäuser in Brand. Im Mai 1970 schließt sich die Hamburger "konkret"-Journalistin Ulrike Meinhof aktiv dieser Gruppe an und beteiligt sich an der Befreiung des zwischenzeitlich verhafteten Baader. Dabei feuert jemand von ihnen auf eine dazwischen tretende Person einen lebensgefährlichen Schuss ab. Von da an verüben die in den Untergrund Flüchtenden, als "Rote Armee Fraktion", Sprengstoffanschläge auf US-Militär-Stützpunkte in Deutschland, und sie schrecken nun auch vor Todesopfern nicht mehr zurück. Die RAF-Mitglieder werden in kurzer Zeit zu erbitterten Staatsfeinden. Sie ziehen nicht nur den massiven Fahndungsapparat der Polizei (Rasterfahndung) auf sich, sondern lösen darüber hinaus eine diffamierende Hetzkampagne der Medien aus. In der Gesellschaft entwickelt sich ein Klima, wo bereits jemand, der die Methoden der Berichterstattung kritisiert, als Radikaler oder als Sympathisant des Terrorismus bezichtigt wird.
"Deutschland im Herbst"
Eine andere Seite jener großen Erregung gegen die RAF ist deren anhaltende Wiederkehr als Kino-Stoff. Ein frühes Beispiel war "Deutschland im Herbst", ein Kompilationsfilm mit Beiträgen von Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und anderen, entstanden unmittelbar nach dem Höhepunkt der terroristischen Auseinandersetzungen 1977. Ein Kommando der RAF hatte damals den amtierenden Präsidenten des Arbeitgeberverbandes und ehemaligen SS-Offizier der Nazis Hanns-Martin Schleyer entführt, um die Befreiung der inzwischen inhaftierten Terroristen zu erreichen. Und eine Flugzeug-Entführung durch ein palästinensisches Kommando unterstützte diese Erpressung. Nachdem die Flugzeugentführung von einem GSG-9-Kommando des Bundesgrenzschutzes in Mogadischu beendet wurde, die Geiseln befreit und die Entführer getötet waren, fand man einen Tag später auch Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe tot in ihren Zellen im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim. Nach offizieller Darstellung hatten sie Selbstmord begangen. Noch einen Tag später lag auch der entführte Schleyer ermordet im Kofferraum eines Autos. "Deutschland im Herbst" dokumentiert die Parallelität jener terroristischen und tragischen Ereignisse mit der allgemeinen zeitgenössischen Protestbewegung, erörtert die Frage des illegalen Ungehorsams und reflektiert die Hysterie, die der Staat und die Medien durch ihre Hetze ausgelöst hatten.
In den 80er-Jahren bezogen sich zwei weitere Filme, "Die bleierne Zeit" von Margarethe von Trotta und "Stammheim" von Reinhard Hauff, dezidiert auf die RAF-Geschichte und dramatisierten zum Beispiel die Haft- und Prozessbedingungen der Gefangenen. Dann verschwand das Thema im Laufe der Kohl-Ära aus dem größeren Kino-Betrieb. Erst seit wenigen Jahren mehren sich nun erneut filmische Auseinandersetzungen über dieses blutige Kapitel deutscher Widerstandsgeschichte.
Neue filmische Auseinandersetzung
Als erste große Produktion erschien Volker Schlöndorffs "Die Stille nach dem Schuss" (2000), der die Biografie einer ehemaligen RAF-Angehörigen kolportiert, die im Schutz der Stasi in der DDR Unterschlupf gefunden hatte. Ein Vorbild dafür war die Lebensgeschichte von Inge Viett, die sich allerdings energisch gegen die entpolitisierte Darstellung der ihr nachgezeichneten Figur verwehrte.
Schlöndorff ist nicht der einzige, der bei der Inszenierung heutiger RAF-Erinnerungen auf die spektakulären und knalligen Phänomene des damaligen Zeitgeistes setzt. Inzwischen entwickelt sich eine regelrechte Pop-Welle zum Thema, die mehr nach dem Potenzial der 70er-Jahre-Moden für heutigen Retro-Chic schielt, als dass sie Hintergründe vermittelt, warum Menschen jener Zeit sich zum radikalen und bewaffneten politischen Kampf entschieden hatten.
Auch Christian Petzold zitiert in seinem Film "Die innere Sicherheit" zwar verschiedene Namen und Handlungsmuster, die auf die authentische RAF-Geschichte anspielen, und arrangiert diese zu einem melodramatischen Roadmovie mit Krimianteilen, doch von einer Problematisierung der damaligen "inneren Sicherheit" des Staates bzw. dessen allgemeiner Verunsicherung ist sein Film weit entfernt. Zugute zu halten ist Petzold immerhin, dass er mit seiner coolen und minimalistischen Dramaturgie jene starke Erregung gegenüber den anvisierten Tragödien konterkariert.
"Black Box BRD" und "Starbuck Holger Meins"
Näher an die historischen Hintergründe hingegen tasten sich zwei dokumentarische Filme heran: "Black Box BRD" (2001) von Andres Veiel und "Starbuck Holger Meins" (2002) von Gerd Conradt. Beide Autoren porträtieren unterschiedliche Opfer jener Kämpfe, und sie versuchen dabei, das jeweilige Feind-Image dieser Opfer in Frage zu stellen. So wie Conradt die künstlerische Seite des Filmstudenten und RAF-Mitbegründers Holger Meins herausstellt, so unterstreicht Veiel die humanen Züge des späteren RAF-Mitgliedes Wolfgang Grams. Und auf der der anderen Seite würdigt Veiel auch das selbstkritische Anliegen des von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Direktors Alfred Herrhausen, den Ländern der so genannten Dritten Welt, einen Teil ihrer Schulden zu erlassen.
Beide Filmer nähern sich ihren Protagonisten durch die Befragung von deren Angehörigen und Weggefährten, und sie versetzen die Antworten in eine Collage von Zeitdokumenten: von privaten Super-8-Aufnahmen, historischen TV-Nachrichten, inszenierten Darstellungen, Sequenzen in Zeitlupe oder auch grafisch verfremdeten Bildern. Dabei steht die Vielfalt dieser Perspektiven wohl für den Wunsch, der Betroffenheit zu entkommen, die sowohl den Zeugen, wie auch den Autoren selbst angesichts des Themas anzumerken ist.
Dramaturgien der Spurensuche
Es sind Dramaturgien der Spurensuche, und als solche sind sie nicht davor gefeit, manche Spur zu hoch zu bewerten. Dass etwa Holger Meins im Untergrund den Decknamen "Starbuck" führte, also den Namen des Steuermannes aus Melvilles "Moby Dick", heißt nicht, dass Meins die Strategien der RAF steuerte. Und dass es einen Briefwechsel zwischen RAF-Häftlingen über die tödliche Konsequenz ihres Hungerstreiks gab, riskiert das Missverständnis, als seien die Häftlinge selbstmordwillig gewesen. Oder auch dass ein Bankdirektor über Hilfsmaßnahmen gegenüber Schuldnerländern nachdachte, spricht noch lange nicht für dessen tiefere Neigung zur Gerechtigkeit.
Doch selbst wenn Conradts und Veiels Filme nicht allein der politischen Analyse verpflichtet sind und wenn sie mitunter abdriften in psychologische Spekulation über ihre Protagonisten, so schaffen sie es dennoch und nicht zuletzt wegen ihrer experimentellen Formensuche, in jener heftigen Erregung über die Ungeheuerlichkeit der RAF eine Bahn zu brechen für eine Diskussion der dahinter liegenden Bedingtheiten von Macht und Widerstand.
Rainer Bellenbaum feiert den gleichen Geburtstag wie Marlene Dietrich und arbeitet in Berlin als Autor, Filmer und Filmkritiker.
www.baader-meinhof.com
Private, umfassende Website über das "westdeutsche Terror-Phänomen der 70er" mit kommentierten Links (englisch)
www.starbuck-holger-meins.de
Website zum Dokumentarfilm "Starbuck Holger Meins"
www.imdb.de
Mehr Infos über die genannten Filme gibt es in der Internet Movie Database
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