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Doku: Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin

Später Abschied vom "Ersatzvater"

1.5.2002 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Adolf Hitler ist der Nachwelt als größenwahnsinniger Diktator bekannt, als "Führer", der die größte menschliche Katastrophe des 20. Jahrhunderts - und eine der schwerwiegendsten in der Menschheitsgeschichte - verursacht hat. Traudl Junge hat den Initiator des Zweiten Weltkriegs und Hauptverantwortlichen für den Mord an 6 Millionen Juden und anderen, die sich nicht in das Bild des sauberen, reinrassigen Ariers fügten, von einer ganz anderen Seite kennen gelernt.


Als Hitlers Privatsekretärin befand sich Traudl Junge von Dezember 1942 bis zum Ende des Nazi-Regimes im April 1945 in Hitlers engstem Umfeld. Sie arbeitete und wohnte mit ihm im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen, im Berghof am Obersalzberg und zuletzt im Führerbunker in Berlin. Sie begleitete ihn auf Reisen und war vor Ort, als am 20. Juli 1944 Graf von Stauffenberg das Attentat auf ihn verübte. Auch Hitlers Suizid am 30. April 1945 erlebte sie mit, ein paar Tage zuvor hatte er ihr sowohl sein privates als auch sein politisches Testament diktiert.

"Wahnsinnig angepasst"

In dem Dokumentarfilm "Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin" erzählt Traudl Junge von dieser Zeit: Belanglose Anekdoten genauso wie historisch gewichtige Ereignisse. Und sie schildert die Lebensumstände, die sie in diese privilegierte Position manövrierten: Als Gertraud Humps am 16. März 1920 in München zur Welt gekommen, wuchsen Traudl und ihre jüngere Schwester bei der Mutter und den Großeltern auf; der Vater hatte die Familie frühzeitig verlassen. Junge wollte eigentlich Tänzerin werden, ließ sich aber zuerst zur Sekretärin ausbilden, um die Familie finanziell unterstützen zu können. 1941 akzeptierte ihr damaliger Arbeitgeber in Berufung auf ein Kriegsnotgesetz ihre Kündigung nach bestandener Tanzprüfung nicht. Aus Trotz ließ sich Junge über einen Kontakt ihrer Schwester in die Reichskanzlei nach Berlin "dienstverpflichten". Und eines Tages bat der "Führer" auf der Suche nach einer Privatsekretärin die besten Nachwuchsschreibkräfte in die "Wolfsschanze" zum Probe-Diktat...

Junge sagt rückblickend über sich: "Ich war ein kindisches, junges Ding, das nicht durchschaut hat, wo es reingeraten ist." Sie war keine begeisterte Nationalsozialistin und zu keinem Zeitpunkt NSDAP-Mitglied. Unpolitisch und "wahnsinnig angepasst" sei sie gewesen. Hitler, den sie als "gemütlichen, älteren Herren mit leiser Stimme" und als "sehr fürsorglich" wahrnahm, wurde eine Art Ersatzvater für sie. Daraus, dass ihr die Arbeit beim "Führer" gefallen und sie mit Stolz erfüllt hat, macht sie keinen Hehl.

Überreste der Faszination

90 Minuten lang erzählt Traudl Junge größtenteils von Adolf Hitler. Dennoch geht es in dem Film primär um sie, als Repräsentantin der breiten Masse, die das Nazi-Regime passiv unterstützt und getragen hat. Und es geht darum, wie sie, im Gegensatz zu vielen anderen dieser Generation, ihr Fehlverhalten erkannt und bis zuletzt - Traudl Junge ist inzwischen verstorben - versucht hat, zu korrigieren, ohne die Tatsache zu verleugnen, dass sie Mitläuferin war. Das ist eine Leistung, auch wenn es Junge nicht gelang, in alle "toten Winkel" ihrer Persönlichkeit durchzudringen.

In den Sequenzen, in denen sie besonders starke Auftritte Adolf Hitlers - sein Vorgehen gegen die Verschwörer vom 20. Juli 1944 beispielsweise - beschreibt, fängt sie, die sonst sehr sachlich und nüchtern, klar und wohl geordnet erzählt, von innen an zu leuchten. Es sind ihre vitalsten Momente: Überreste der Faszination, die von Hitler ausgegangen ist, oder ihrer persönlichen Zuneigung zu ihm? Sie selbst bezeichnet die Situation, in der sie sich als Hitlers Privatsekretärin befand, als "toten Winkel". Er verbot, bei Tisch - Hitler nahm seine Mahlzeiten mit seinen Sekretärinnen ein - über Politik zu sprechen. Und das Wort "Jude" fiel in der Zeit kein einziges Mal. Junge habe auch nie Politisches oder Militärisches für ihn schreiben müssen, nur Reden und Privatkorrespondenzen. Deswegen habe sie nichts von den Gräueltaten der Nazis mitbekommen.

Fragwürdige Behauptung

Für uns Nachkommen ist die Behauptung, zu der Zeit von den Verbrechen der Nazis nichts mitbekommen zu haben, immer wieder fragwürdig. Der jüdische Teil der Bevölkerung wurde öffentlich systematisch schikaniert und boykottiert. 1935 wurden die Nürnberger Gesetze erlassen, die Reichspogromnacht am 9. November 1938 war für jeden erlebbar, die jüdischen Nachbarn, Mitschüler, Kollegen, Freunde emigrierten oder verschwanden plötzlich spurlos, und nicht nur die, sondern alle, die mit dem System nicht kompatibel waren. Das Zusammenleben wurde von Misstrauen und Angst bestimmt (der tschechische Film "Wir müssen zusammenhalten" hat das zuletzt sehr eindrucksvoll vermittelt) - um nur ein paar wenige Punkte zu nennen. Die Aussage, von den Nazi-Verbrechen nichts gewusst zu haben, korrigiert Traudl Junge übrigens selbst, indem sie zugibt, dass sie von dem Ganzen wohl eher nichts habe wissen wollen.

Ihre Selbstreflexion sieht man auch durch ein filmisches Stilmittel in dem sonst sehr kargen Film: Nach einer längeren Aufzählung von privaten Vorlieben und Marotten des "Führers" - diese Konfrontation mit Hitlers menschlicher Dimension ist fast unerträglich - sieht man Junge, wie sie das zuvor Aufgenommene selbst angestrengt beobachtet und anschließend die Banalität und Harmlosigkeit ihrer Schilderungen kritisiert. Nach Hitlers Selbstmord und dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft hasste sie ihren "Ersatzvater" in allererster Linie, weil er "uns im Stich gelassen hat". Mit der Ausrede, sie sei ja noch so jung gewesen, entzog sie sich der eigenen Verantwortung.

Die große Lawine ihrer persönlichen Auseinandersetzung kam erst einige Jahre später ins Rollen, als sie eines Tages in München an der Gedenktafel für Sophie Scholl, Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe "Die weiße Rose", bewusst wahrnahm, dass diese ein Jahr jünger war als sie - und zur selben Zeit, als Junge gerade angefangen hatte, für Hitler zu arbeiten, von den Nazis ermordet wurde. Da habe sie verstanden, dass auch sie hätte erkennen können und dass Jugend keine Ausrede ist...

Zur Entstehung des Films

Der Kontakt zwischen den Filmemachern - dem Wiener Tausendsassa André Heller und dem renommierten Dokumentarfilmer Othmar Schmiderer - und der Protagonistin kam durch die Vermittlung der Autorin Melissa Müller ("Das Mädchen Anne Frank") zustande, die mit Traudl Junge an der Herausgabe ihrer bereits 1947 niedergeschriebenen Erinnerungen an die Zeit mit Hitler arbeitete. Das Buch erschien Anfang des Jahres unter dem Titel "Bis zur letzten Stunde".

Die Filmaufnahmen fanden im Frühjahr 2001 in Junges Wohnung in München statt. Aus über 10 Stunden Filmmaterial wurde die Kinofassung von "Im toten Winkel" erstellt. Seine Uraufführung erlebte der Film auf der diesjährigen Berlinale, wo er mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Traudl Junge verstarb in der Nacht zum 11. Februar 2002, wenige Stunden nach der Premiere von "Im toten Winkel".

(Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin) Dokumentarfilm, Österreich 2001, Buch und Regie: André Heller, Othmar Schmiderer, mit Traudl Junge, Kinostart: 2. Mai 2002 bei Piffl Medien

Foto: Verleih

Stefanie Zobl lebt in Berlin. Sie hat Theater- und Filmwissenschaft studiert und ist ausgebildete Schauspielerin. Jahrelang hat das Theater ihr Leben bestimmt, zurzeit arbeitet sie hauptsächlich als freiberufliche Redakteurin und Autorin für Web und Fernsehen.



www.im-toten-winkel.de
Website zum Film - Hier gibt es auch ein Filmheft, sprich Hintergrundmaterial des Instituts für Kino und Filmkultur zum Downloaden!
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database
www.movieline.de
Mehr über den Film bei MovieLine
www.bpb.de
Informationen zur politischen Bildung: Nationalsozialismus I - Von den Anfängen bis zur Festigung der Macht
www.bpb.de
Informationen zur politischen Bildung: Nationalsozialismus II - Führerstaat und Vernichtungskrieg
www.fluter.de
"Wir müssen zusammenhalten": Wahre Helden wider Willen (20. März 2002)

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