Es begann im schönen Jahr 1986 mit einem Kurzfilm von Jim Jarmusch. Da saßen die Komiker Roberto Benigni und Steven Wright vor spärlicher Kulisse an einem Tischchen, kannten sich kaum, redeten konstant aneinander vorbei und tauschten unentwegt die Plätze. Alles war schwarzweiß, der Film, das Schachbrettmuster des Tisches, der Kaffee, die Zigaretten. Steve Wright erzählte, er trinke Kaffee vor dem Schlafengehen, um schneller zu träumen. Roberto Benigni hielt das für eine tolle Idee. Am Ende ging er für seinen neuen Kumpel zum Zahnarzt, weil er gerade nichts Besseres zu tun hatte.
Das Schimmern von Schwarzweiß
Jim Jarmusch, damals der unbestrittene König des Independent-Kinos, hielt an dieser Grundidee fest und drehte bis heute zehn weitere Episoden, allesamt Kaffeehausgespräche, die um wenig mehr kreisen als Kaffee und Zigaretten und die Frage, ob es sich dabei um ein gesundes Mittagessen handelt. Aufsehen erregte bislang nur der dritte Teil der Reihe: "Somewhere in California", mit den Musikern Tom Waits und Iggy Pop in den Hauptrollen, gewann 1993 in Cannes den Preis als bester Kurzfilm. Beide spielen mehr oder weniger sich selbst. Zuerst stecken sie sich jeder eine Zigarette an. Das Schöne am Aufhören sei schließlich, dass man nun ab und zu wieder eine rauchen könne. Auf den freundschaftlichen Pakt folgen kleine Beleidigungen und die befriedigende Erkenntnis, dass auch der andere keinen einzigen Titel in der Jukebox hat.
Nichts scheint sich seitdem verändert zu haben. Kaffee trinkende und Zigaretten haltende Menschen im lethargischen Gleichmut, bis ein unvorhergesehenes Ereignis alles durcheinander bringt. Die Stärkste der neuen Episoden von "Coffee und Cigarettes" bestreiten Alfred Molina und Steve Coogan. Beide sind Schauspieler, der eine ein wenig bekannter als der andere, wieder wie im richtigen Leben. Molina stellt sich mit Hilfe eines Stammbaums als entfernter Cousin vor, womit der blasierte Coogan nichts anzufangen weiß. Mit fadenscheinigen Ausreden verweigert er dem lieben Verwandten seine Telefonnummer, bis der einen ziemlich wichtigen Anruf erhält. Prominenz als fortgeschrittenes Trotteltum.
Um den Ruhm der anderen geht es auch in "Cousins". Hier spielt Cate Blanchett die erfolgreiche Filmdiva Cate, die sich auf einer Promotour fünf Minuten Zeit für ihre abgewrackte Cousine Shelley nimmt, ebenfalls gespielt von Cate Blanchett. Im cleanen Ambiente eines Hotelfoyers lässt sich Jarmusch zu einem seiner seltenen sozialkritischen Statements hinreißen. Die netten Gesten Cates wirken hilflos, die teuren Mitbringsel entpuppen sich als Werbegeschenke. Die sozialen Schranken sind unüberwindlich, denn wirkliche Kommunikation gibt es nur unter gleichen. Und auch wer im heutigen New York rauchen darf und wer nicht, wird bald auf ziemlich brutale Weise klargestellt.
Außerdem sieht man den skurrilen Auftritt des Pop-Duos White Stripes, lauscht Gesprächen über Elvis' bösen Zwilling und die Verwendbarkeit von Kaffee als Eis am Stiel. Der wunderbare Bill Murray unterhält sich mit den Wu-Tang-Clan-Meistern RZA und GZA über HipHop, raucht dabei Kette und trinkt den Kaffee gleich aus der Kanne. Auch wenn nicht jede Episode derart begeistern kann: "Coffee andCigarettes" liefert brillante Komik und tiefe Melancholie, lässige Typen und echte Spinner - im Grunde genommen die ganze Essenz eines beeindruckenden Werks. Einen neuen Jarmusch können die Kurzfilme allerdings kaum ersetzen. Wehmütig zählt man die vielen Verweise auf frühere Großtaten, vor allem auf den fabelhaften "Ghost Dog". Quentin Tarantino, der neue King of Cool, hat diesen irren Genremix als Rohmaterial für "Kill Bill" ausgeschlachtet, ohne dass es irgendjemand bemerkt hätte. Die Avantgarde stirbt nicht, sie ergibt sich nur. Vielleicht aber hat Jim Jarmusch der Welt auch einfach nichts Neues mehr zu sagen. Auf seine Weise ist das verdammt cool.
Coffee and Cigarettes, USA 2004, Buch und Regie: Jim Jarmusch, mit Roberto Benigni, Steven Wright, Steve Buscemi, Iggy Pop, Tom Waits, Cate Blanchett, Alfred Molina, Steve Coogan, Bill Murray, RZA, GZA, Jack White, Meg White, schwarzweiß, OmU, Kinostart: 19. August 2004 bei Pandora
Foto: Verleih
Philipp Bühler ist in den Achtzigern aufgewachsen, mag Jim Jarmusch und hält "I scream, you scream, we scream for ice cream" noch immer für einen großartigen Witz. Dagegen kann man gar nichts machen.
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