Eigentlich müsste man schon jetzt von einem sensationellen Erfolg sprechen. Michael Moores Agitprop-Meisterstreich "Fahrenheit 9/11" hat in den letzten Wochen nicht nur heiße Diskussionen ausgelöst, sondern auch kräftig abgeräumt: In Cannes gab es bei der Filmpremiere 20 Minuten lang Applaus - und die Goldene Palme als Zuckerl obendrauf. Am Startwochenende spielte "Fahrenheit 9/11" in den USA mehr Geld ein als sein Vorgänger "Bowling for Columbine" in seiner gesamten Laufzeit. Trotzdem: Ob der Film seinen Zweck erfüllt, wird sich erst an jenem ersten Dienstag im November zeigen, wenn in den USA der Präsident gewählt wird.
Der Film zur Präsidentschaftswahl
Moore hat keinen Zweifel daran gelassen, welches Ziel er anstrebt. Vor vier Jahren hätten es die unfähigen Demokraten unter Al Gore verbockt, George W. Bush vom Amt des Präsidenten fern zu halten. Diesmal werde man nicht zulassen, dass die Demokraten erneut an sich selbst scheitern. "Fahrenheit 9/11" propagiert unmissverständlich die Abwahl des gegenwärtigen Amtsinhabers. Nicht mehr, nicht weniger.
Angesichts dieser politischen Motivation passt es ganz gut, dass Moores Dokumentarfilm nicht so sehr von tiefsinnigen Aussagen lebt als von den gewohnt locker-flockigen Mooreschen Parolen, die oft süffisant-polemisch, aber auch mal sentimental-patriotisch formuliert sind. Im politischen Geschäft zählt das Drumherum eben oft mehr als der Inhalt. Und so bekommt man in "Fahrenheit 9/11" nur relativ wenig von den vollmundig angekündigten Enthüllungen über die Beziehung zwischen dem Bush-Clan und den Saudis zu sehen. So zum Beispiel, wenn man erfährt, dass die quer über die USA verteilt lebenden Mitglieder der Bin-Laden-Familie am 13. September 2001 unbehelligt per Flugzeug das Land verlassen durften – obwohl doch eigentlich der gesamte Luftverkehr über den USA eingestellt worden war.
Moore öffnet mit seinem politischen Rundumschlag ein Fass ohne Boden. Augenzwinkernd resümiert er die turbulente Präsidentschaftswahl des Jahres 2000 und handelt den 11. September ebenso ab wie die Afghanistan- und Irak-Politik der USA. Dabei schießt er sich auf die Panikmache der Regierung ein, die ständig vor neuen Anschlägen und Gefahren warnt, um ihre Entscheidungen zu rechtfertigen. Die amerikanische Bevölkerung sei so verunsichert worden, dass sie ihre bürgerlichen Freiheiten zugunsten eines falschen Sicherheitsgefühls aufgegeben habe, urteilt Moore – und die Regierungsmitglieder würden dies ständig zu ihrem persönlichen Vorteil ausnutzen.
Bush ist zweifellos der Hauptdarsteller in "Fahrenheit 9/11", aber Moore lässt es sich natürlich nicht nehmen, in seiner unnachahmlichen Art vor laufender Kamera die oberen Zehntausend aus Politik und Wirtschaft zu düpieren, wie man es schon aus den Konfrontationsszenen seiner anderen Filme kennt. Diesmal tritt er an ein paar Kongress-Abgeordnete heran, die zwar bereit waren, die US-Soldaten in den Irak-Krieg zu entsenden - aber ihre eigenen Söhne vor eben diesem Schicksal bewahrten. Moore blüht förmlich auf, wenn er den Rächer der (Kriegs-)Witwen und Waisen geben darf und die Abgeordneten bittet, ihre Kinder doch auch zum Wohle der USA in den Irak zu schicken.
Allerdings setzt er sich in "Fahrenheit 9/11" seltener selbst in Szene als in seinen früheren Filmen. Lieber lässt er eine trauernde Mutter aus seiner Heimatstadt Flint, Michigan, zu Wort kommen, die ihren Sohn im Irak-Krieg verloren hat und an Bushs Kriegsmotiven zweifelt. Eine starke und bewegende Sequenz, die aber einiges von ihrer Kraft verliert, weil Moore ansonsten oft nur auf den schnellen und platten Witz aus ist. Wie ein amerikanischer Stefan Raab präsentiert er ein paar peinliche Auftritte von US-Regierungsmitgliedern, die er, wie so vieles, aus dem schier unerschöpflichen Fernseh-Archivmaterial ausgegraben hat. Da fährt sich beispielsweise der stellvertretende Verteidigungsminister und Oberfalke Paul Wolfowitz vor einem TV-Interview schnell noch mit Spucke durchs Haar, um seine Frisur in Ordnung zu bringen.
Solche Momente sind bezeichnend für einen Film, dem Stammtischparolen näher stehen als solide Argumentation. Mit den Bildern spielen, sie ganz in seinem Sinne beißend satirisch aneinander fügen, das kann Moore meisterhaft. Und doch wünscht man sich, sein unterhaltsamer dokumentarischer Wahlwerbefilm hätte etwas mehr Tiefgang. Seine Botschaft ist letztlich (zu) simpel: Wer Lachnummern wie Bush & Co. ins Amt wählt und sich von ihnen auch noch regieren lässt, hat es nicht anders verdient. Aber an jenem Dienstag im November ließe sich das ja ändern.
Fahrenheit 9/11, Dokumentarfilm, USA 2004, Regie und Buch: Michael Moore, mit Michael Moore, OmU, Kinostart: 29. Juli 2004 bei Falcom
Foto: Verleih
Frank Geissler arbeitet als Filmjournalist und studiert Filmproduktion.
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