Ken Park

Die Hölle überleben

Kinostart: 22.7.2004 | Annette Kilzer | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Am Anfang steht der unkommentierte Selbstmord eines einzelnen Skaters, eben jenes titelgebenden Jungen Ken Park. Doch nicht nur er, sondern die meisten Teenager im kleinbürgerlich-spießigen Visalia/Kalifornien erleben ihr Heranwachsen als einen Ritt durch die Hölle. Denn sie werden missbraucht und verführt, erniedrigt und enttäuscht.

Einmal mehr beobachtet der ebenso umstrittene wie gefeierte Regisseur Larry Clark in seinem aktuellen Film eine Clique Jugendlicher zwischen Sex, Liebe und Rock'n'Roll, zwischen Drogen und Gewalt, wobei all diese Ingredienzen eines delinquenten Lifestyles zugleich als unendlich verführerisch und erbarmungslos tödlich erscheinen. Und wieder einmal rückt Clark mit der Kamera dabei ganz nah an seine Protagonisten heran, erkundet die feinsten Poren ihres Körpers und die tiefsten Abgründe ihrer Seele. Manche verteufeln dies als Voyeurismus, tatsächlich aber offenbart Clark eine distanzlose, manchmal schier unerträglich traurige Empathie mit den Teenagern, von denen er erzählt.

Ungeheuer Familie

"Ken Park", Abschluss der Trilogie mit "Kids" (1995) und "Bully" (2001), ist expliziter, krasser, brutaler, eindeutiger, grenzüberschreitender als seine gesamten Filme zuvor - und dennoch der zärtlichste Film, den man von ihm bislang gesehen hat. Vielleicht ist der Film sogar generell das Mitfühlendste, was man im Kino seit langem erleben konnte. In "Kids" durchstreifen Teenager wie in einem familiären Rudel das sommerlich-heiße New York, "Another Day in Paradise", Clarks bislang einziger Hollywood-Studio-Film, erzählt von der unstillbaren und brennenden Sehnsucht nach einer Ersatzfamilie. Anders als diese beiden Filme blendet "Ken Park" die leiblichen Eltern nicht aus - und entlarvt sie dabei als die wahren Monster. "Wir sind dazu verdammt, mit unserer Familie zu leben und sie zu überleben. Es gibt gute und schlechte Familien. Wir können sie uns nicht aussuchen", sagt dazu der Regisseur im Interview auf dem Filmfest Oldenburg und beteuert, alle Geschichten beruhten auf wahren Erlebnissen.

In "Kids" und "Bully" taten sich die Teenager gegenseitig Gewalt an, nun sind sie in "Ken Park" Opfer derer, die sie eigentlich beschützen sollten: der Erwachsenen. Da ist der sensible Claude, der von seinem Redneck-Daddy stets malträtiert und gehänselt wird - bis dieser eines nachts besoffen zu seinem Sohn ins Bett steigt. Da ist die verführerisch-unschuldige Peaches, die von ihrem bigotten, ständig betenden Vater zur Ersatzfrau funktionalisiert wird. Und Shawn, der von der Mutter seiner Freundin verführt wird. Nur wenn die Jugendlichen unter sich sind, herrscht Frieden und bedingungsloses Vertrauen.

Sex ist diesmal für sie keine Waffe, sondern Trost. Einen der optimistischsten Ausblicke beschwört denn auch ein zärtlich-verspielter Dreier der Halbwüchsigen, ein zärtliches Liebesspiel, das wie die märchenhafte Erfüllung aller Träume wirkt. Es gibt keine Tabus und keine Angst. "Die Erwachsenen in diesem Film benutzen Sex repressiv, um ihre eigenen emotionalen Mankos zu füllen, und missbrauchen dazu die Kids", erläutert Clark diese fast märchenhafte Utopie. "Normalerweise haben Kinder, die so behandelt werden, am Ende keine Hoffnung und keine Zukunft. Aber ich wollte von Kids erzählen, die diese Hölle überstehen und zwar ausgerechnet durch Sex."
Voyeur, Ausbeuter, unbeugsamer Künstler?

Larry Clark, 1943 in Tulsa, Oklahoma, geboren, ist ein Bilderstürmer und eine absolute Coolness-Ikone dank der Skater-, Musik- und Clubkultur-Zitate in seinen Arbeiten, die ein Spannungsfeld aus Lust, Pornografie, Voyeurismus, Unschuld und Ausbeutung zelebrieren. Vor allem aber geht es ihm um Wahrhaftigkeit: Ob die Laiendarsteller in seinem Teen-Movie-Tryptichon oder die Schauspielprofis aus seinem Outlaw-Streifen "Another Day in Paradise", stets wirken die Figuren authentisch - auch, weil Clark oft Dialoge und Szenen mit seinen Schauspielern entwickelt. Die Sexszenen in "Ken Park" inszenierten Clark und sein Co-Regisseur Ed Lachman souverän und mit unleugbarer Lust an Ästhetisierung und Grenzüberschreitungen. "Ich habe sieben Jahre gebraucht, den Film zu machen, weil niemand ihn finanzieren wollte", erzählt Clark. "Anfangs waren immer alle begeistert, um dann doch Cuts von mir zu verlangen. Aber ich lasse mich nicht zensieren."

Diese Konsequenz des Künstlers hat einen wunderbar aufrichtigen, mit nicht mal zwei Millionen Dollar Budget fast unanständig preiswerten Film hervorgebracht, der beim Filmfest in Venedig 2002 gefeiert wurde. Manchem Zuschauer und Kritiker stößt diese so distanzlos mitfühlende, so spürbar mitleidende Darstellung indes ab. So zeigt Clark etwa in aller Konsequenz und mit ultimativer Offenheit die autoerotische Strangulation des Jungen Tate, der den Bademantelgürtel seiner Oma um die Türklinke knotet, den Kopf in die Schlinge steckt und zum Hintergrundstöhnen von Tennis-Beauty Anna Kurnikowa onaniert. Dabei scheint Clark nicht bewusst gewesen zu sein, dass er ausgerechnet damit aber auch ein wichtiges Zielpublikum abschrecken könnte. Denn welcher Teenie - möglicherweise noch ohne Erfahrungen in Sachen Sex - versteht überhaupt, was in dieser Szene passiert? Und wichtiger: Welches Mädchen findet es dann nicht eklig, wirklich jeden Moment bis zur Ejakulation mitzuerleben, quasi live und ungeschnitten? Clark will die Unschuld einer angeblich verdorbenen Jugend zeigen, aber er kalkuliert sie bei seinen Zuschauern nicht mit ein.

Insbesondere das Argument, er beute seine Darsteller aus, will Clark, der selbst zweifacher Vater ist, nicht gelten lassen: "Ich denke, dass Teenager dies alles erleben. Deswegen will ich es zeigen. Ich entwickle und diskutiere lange mit den Kids, lasse sie improvisieren. Ich bin eher Künstler als hierarchischer Regisseur. James, der Darsteller von Tate, wollte eben jene Szene unbedingt spielen und wusste, was auf ihn zukam. Letztendlich haben wir sie sogar in einem einzigen Take gedreht. Er ist ein mutiger und außergewöhnlicher junger Schauspieler." Und er ist nicht der Einzige in dem großartigen Ensemble. "Seit 'Kids' wissen alle, was auf sie zukommt, wenn sie in meinen Filmen mitspielen." Und auch, dass sich ihnen damit großartige Chancen im Filmgeschäft ergeben - man denke nur an die Geburt der Indie-Queen Chloe Sevigny in "Kids". So leistet der grandiose und störrische Regierebell Larry Clark mit dem Aufspüren junger Talente letztendlich auch einen Beitrag zum Mainstream-Kino.

Ken Park, USA, Niederlande, Frankreich 2002, Regie: Larry Clark, Edward Lachman, Buch: Harmony Korine, Larry Clark, mit James Ransone, Tiffany Limos, Stephen Jasso, James Bullard, Mike Apaletegui, Adam Chubbuck, ab 18, Kinostart: 22. Juli 2004 bei Independent Partners/ Neue Visionen

Foto: Verleih

Annette Kilzer lebt in London. Sie schreibt als Filmkritikerin und Restauranttesterin für verschiedene Zeitungen und Magazine und hat Bücher über die Filme von Joel und Ethan Coen, Bruce Willis und Til Schweiger geschrieben.


www.kenpark.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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