Staudamm

Der Weg ins Licht

Kinostart: 30.1.2014 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein Wanderweg führt hinunter zum Fluss: Allgäuer Idyll mit reißendem Wildbach und Alpenpanorama. Schweigend folgen Roman (Friedrich Mücke) und Laura (Liv Lisa Fries) dem Lauf des Flusses durch den Wald. Sie wissen, was sie am Ende des Weges erwartet. Was sie hingegen zu finden hoffen, ist eine Erklärung für eine Tat, die in einer Kleinstadt den Lauf der Zeit jäh unterbrochen hat. Dann liegt ihr Ziel friedlich vor ihnen zwischen den Bäumen: ein Stauwerk, das die emotionalen Kräfte, die für Laura an diesem Ort zusammenlaufen, nicht kanalisieren kann. Hier endete eine Geschichte, die Thomas Sieben in seinem zweiten Spielfilm "Staudamm" vorsichtig zu rekonstruieren versucht – die für die Betroffenen allerdings noch lange nicht abgeschlossen ist.

Darum sind Roman und Laura hier. Um diesem Ort vielleicht doch noch einen tieferen Sinn zu entnehmen. Ein Jahr zuvor wurde hier der achtzehnjährige Peter Wagner von der Polizei gestellt und erschossen, nachdem er an seiner Schule einen Amoklauf verübt hatte. 17 Schüler kamen ums Leben. An dem Staudamm endete die Flucht Peters, die in ihrer tödlichen Konsequenz einen unwiderruflichen Bruch mit der Gesellschaft darstellt. Was hat den Schüler, ein Junge aus gutem Elternhaus, zu seiner Tat bewogen? In Thomas Siebens Films dient der Staudamm als symbolischer Ausgangspunkt einer Erkenntnissuche, die keine letztgültige Antwort zu finden vorgibt, sondern lediglich einen Bewältigungsprozess begleitet.

Auseinandersetzung mit dem Trauma

Orte sind ein Medium der Trauer- und Bewältigungsarbeit. Der französische Regisseur Claude Lanzmann hat dies in seiner Dokumentation "Shoah" (1985) über die Vernichtung der europäischen Juden eindrucksvoll demonstriert. Am Tatort eines Verbrechens manifestiert sich etwas Unaussprechliches: Er zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Trauma. Die Kraft der Projektion treibt auch Laura an die Stellen zurück, die mit dem Amoklauf ihres Freundes in Beziehung stehen. "Paradoxe Intervention" heißt dieser Schritt in der Psychologie.

Der Titel gebende Staudamm ist dabei der einzige Ort, der gemäß seinem ursprünglichen Zweck noch "funktioniert". Alle anderen Orte sind verlassen. Wie klaffende Wunden liegen sie offen und erinnern die Gemeinschaft an die Vergangenheit. Die Schule blieb nach dem Massaker geschlossen. Die Schüler werden nun in Containern unterrichtet. Auch das Haus, in dem die Wagners lebten, steht leer: Die Eltern flohen aus der Kleinstadt, weil sie dem Hass und den Drohungen der Nachbarn ausgesetzt waren. "Die haben jetzt eine neue Identität", erklärt Laura, als sie mit Roman das Haus der Wagners erkundet. "Sie müssen komplett von vorne anfangen und so tun, als wären sie jemand anderes. Und selbst wenn sie das schaffen, ist ihr Kind immer noch ein Amokläufer".

Die Toten und die Überlebenden

Roman ist der Außenstehende in diesem Verarbeitungsprozess. Für einen Staatsanwalt spricht er die Aussagen der Überlebenden und Sachverständigen aus den Polizeiakten aufs Band – für ihn bloß ein Gelegenheitsjob und und sein einziger Bezug zum Thema Amoklauf. "Was halten sie eigentlich von der Sache?", fragt ihn der Jurist einmal. "Ganz schön krank irgendwie", lautet Romans lapidare Antwort. Weil noch einige wichtige Akten bei der zuständigen Polizeibehörde liegen, schickt ihn sein Chef an den Ort des Geschehens. Keine große Sache, eine Übernachtung höchstens. Doch dann verzögert sich die Übergabe der Dokumente und Roman muss länger als geplant in der bayrischen Kleinstadt bleiben. Die zufällige Bekanntschaft mit Laura zwingt ihn, sich mit dem Amoklauf und seinen Folgen zu beschäftigen. "Warum lebst Du eigentlich noch?", fragt er das Mädchen. Auch so eine Frage, auf die es keine rationale Antwort gibt. Langsam wird für Roman hinter den zu Protokoll gegebenden Aussagen, die er mit unbeteiligter Stimme eingesprochen hat, ein menschliches Schicksal erkennbar.

Das Gefühl von Verlust

Sie wollten um jeden Preis "Gewalt- und Trauerpornografie" vermeiden, so Regisseur Sieben und sein Drehbuchautor Christian Lyra im Presseheft. Der Amoklauf selbst wird darum auch nicht gezeigt. Der Tathergang wird durch Auszüge aus den Vernehmungsprotokollen ersichtlich. Aber auch der Schmerz bleibt diffus, mittelbar allenfalls in Spuren: das verlassene Wohnhaus, Lauras Fotos von leeren Schulkorridoren, die Angriffe auf Roman, der von den Einheimischen als äußere Bedrohung der Schmerzensgemeinschaft identifiziert wird.

Trauer dient in "Staudamm" nicht der Katharsis, sie muss aus dramaturgischen Gründen auch nicht zwangsläufig auf eine Erlösung hinauslaufen. Im Mittelpunkt steht die Beschäftigung mit dem Gefühl von Verlust. So beiläufig und distanziert, wie Sieben die Begegnungen und Gespräche zwischen Roman und Laura filmt – in langen, ruhigen Einstellungen und knappen Dialogen ohne störende musikalische Untermalung–, registriert seine Kamera den Grad der Entfremdung.

Siebens diskrete Inszenierung lässt dabei viel Raum für Interpretationen. Schritt für Schritt erschließen sich die unterschiedlichen Perspektiven auf die Tat zu einem Vexierbild von traumatischen Erfahrungen und Verletzungen, das sogar die Gedanken des Täters einschließt. Peters Tagebucheinträge (eine Collage aus den Abschiedsbriefen realer Amokläufer) verstärken noch die Ambivalenz gegenüber der Tat, weil seine klaren, desillusionierten Beobachtungen zunächst gar nicht ungewöhnlich für einen Heranwachsenden klingen. Die Konsequenz aber, dass sein Widerstand gegen die Welt der Eltern in einer so extremen Tat kulminieren würde, hinterlässt eine beunruhigende Schlussnote. Regisseur Sieben verweigert dem Zuschauer am Ende die Gewissheit moralischer Überlegenheit. Auch die Erlösung kann in "Staudamm" nur symbolische Form annehmen. Laura fährt ins Licht.

Staudamm, Deutschland 2012, Regie: Thomas Sieben, Buch: Thomas Sieben, Christian Lyra, mit Friedrich Mücke, Liv Lisa Fries, Dominic Raacke, Arnd Schimkat, Lucy Wirth u.a., ab 12, 89 min, Kinostart: 30. Januar 2014 bei mixtvision Filmverleih



Mehr Infos zu "Staudamm"

"Staudamm" - die offizielle Filmwebseite
"Staudamm" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database


Andreas Busche ist Filmjournalist und -restaurator in Berlin.

Foto: © milkfilm 2012




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