Master of the Universe

Ansichten eines Bankers

Kinostart: 7.11.2013 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Etwas von einer Geisterstadt hat die Börsenmetropole Frankfurt in diesem Film, als hätte der Finanzkollaps von 2008 das ganze Business hinweggefegt und nichts hinterlassen als einen gewaltigen Flurschaden. Die Räume einer ehemaligen Investmentfirma, in denen uns der Ex-Broker Rainer Voss dieses Geschäft erklärt wie der letzte Überlebende einer verlorenen Sache, stehen leer. Nichts erinnert mehr an die hektische Betriebsamkeit, die riesigen Summen, die hier einst gehandelt wurden. Doch Bilder und Räume können täuschen: Die Karawane ist lediglich weitergezogen, die Firma wurde von einer anderen geschluckt, andernorts läuft das Geschäft mit faulen Derivaten, Bonds und Hedgefonds unvermindert weiter, als wäre nichts passiert. Nur für Voss ist die Sache gelaufen, er ist raus, hat seine letzten Boni kassiert. Deshalb redet er.

Die Logik des Systems

Der Mann mit dem grauen Schal ist ein Kenner der Branche und ein guter Redner. Manchmal wird einem kalt dabei. Voss spricht von der bedingungslosen Loyalität, die den Mitarbeitern abverlangt werde, von durchgemachten Tagen und Nächten im Namen der Karriere. Er erklärt, warum beim Rennen um Profite der Privatanleger immer verliert. Dass die Privatverschuldung die Staatsverschuldung schon lange übertreffe. Und wie es kommt, dass erst der Nachzug von "Lemmingen" sinnvolle Finanzprodukte so vergifte, dass "die Dinger explodieren".

Voss, der Millionenmann, war nie ein Lemming. Doch, gesteht er, einmal hat er auch dabei mitgemacht. Am Anfang allerdings gehörte er zu den Pionieren. In den 1990ern gab es noch kein Internet mit starken Servern, die es ermöglichten, dass die durchschnittliche Besitzdauer einer Aktie heute bei 22 Sekunden liegt. Der schnelle Handel mit seinen Regeln musste erst erfunden werden, Voss zum Beispiel erfand die Hedgefonds-Wetten auf Öl. Als "Masters oft the Universe" sahen sich die jungen Broker damals, so nannte sie auch Tom Wolfe in seinem Epochenroman "Fegefeuer der Eitelkeiten". Mit der von Margaret Thatcher und Ronald Reagan seit 1986 betriebenen Deregulierung fing alles an. In ruhigen Worten erklärt Voss, warum das einmal eine gute Idee war: Die alte Finanzwirtschaft war ein lahmer Anachronismus, musste mit der Realwirtschaft erst auf Augenhöhe gebracht werden. Dass die Finanz- der Realwirtschaft dann "davonlief"? Dafür lieferte die Deregulierung die Voraussetzung, sagt Voss, sie war aber nicht dafür verantwortlich.

Rainer Voss, Protagonist und einziger Selling Point von "Masters of the Universe", ist auch nach seinem Ausscheiden kein Feind des Systems. Das unterscheidet Marc Bauders Film wohltuend von anderen Dokumentationen, die moralisch argumentieren, wo es um nichts als Zahlen geht. Manchmal müssen "Entscheidungen in Unsicherheit" getroffen werden, weil man noch nicht einmal die Zahlen kennt. So erklärt Voss die Logik des Systems. Er erklärt hingegen nicht, wie dieses System funktioniert, denn das weiß nach seinen Worten niemand. Und manchmal funktioniert es ja auch nicht. Die Folgen sieht man in Griechenland, Spanien und anderswo.

Ein Insider packt aus

Der Ex-Banker ist, das macht er mit Gesten und Blicken deutlich, auch Master dieses Interviews. Fragen nach allzu Privatem, etwa Familienproblemen durch seine Arbeit, blockt er ab. "Das ist menschlich", würde er sagen. Aber er reflektiert seine Position in diesem geschlossenen System, das durch menschliche, also entschuldbare Fehler immer wieder Krisen heraufbeschwört. "Wie ein Virus" sei die damalige Begeisterung gewesen, und er war "schwerstinfiziert". Dass er hier als Chefanalyst kein kritisches Gegenüber hat, begünstigt natürlich seine Selbstdarstellung. Auch ist nicht jede seiner Aussagen ("Das sind Summen, mit denen kann man mittlerweile Länder angreifen") umwerfend neu. Doch gerade seine nüchterne, kalte Art der Analyse gibt einen Eindruck davon, wie der Finanzmarkt tickt. Kategorien wie Reue und Verantwortung spielen darin keine Rolle, und sie scheinen Voss noch immer fremd. "Wie soll ich das meinem Sohn erklären?", fragt er einmal, offenbar ratlos. Und dann erklärt er es, ganz ungerührt.

Marc Bauder, der seinen Kronzeugen durch eine Zeitungsanzeige fand, hat seine filmisch schwierige Aufgabe bemerkenswert gut gelöst. Immer wieder fährt die Kamera an den verspiegelten Bankenfassaden hoch und hinunter, macht die Undurchschaubarkeit dieser Welt plastisch erfahrbar. In dem Raum hat er einen Flachbildschirm postiert, über den die Katastrophenmeldungen der letzten Jahre laufen wie Nachrichten aus einer fernen Galaxie. Vor allem aber lässt er Voss reden. Seine Stimme verhallt mitunter in den verlassenen Räumlichkeiten, wie auch die ohnehin nur angedeutete Mahnung zur Umkehr. Märkte lernen nicht, sagt er, Investoren auch nicht. "Das Denken in den Köpfen der Leute zu ändern", brauche Jahrzehnte. Dafür hat er immerhin einen kleinen Beitrag geleistet. 

Master of the Universe (Dokumentarfilm), Deutschland, Österreich 2013, Buch & Regie: Marc Bauder, mit Rainer Voss, o.A., 95 min, Kinostart: 7. November 2013 bei Arsenal Filmverleih



Mehr Infos zu "Master of the Universe"

"Master of the Universe" - die offizielle Filmwebseite
"Master of the Universe" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database

Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.

Fotos: © 2013 Arsenal Filmverleih GmbH




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