Gated Communities

Kritische Reflexionen

10.5.2013 | Christopher Diekhaus | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Gated Communities sind längst keine amerikanische Eigenheit mehr. Auch wenn das Konzept privatisierter und abgeriegelter Wohnanlagen für besser gestellte Bürger seinen Siegeszug in den Marketingkampagnen der US-Immobilienbranche zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm, ist es mittlerweile ein weltweites Phänomen: Von "Oasen", "Paradiesen" oder "Inseln der Ruhe" ist dort die Rede. Wunschbilder, die einen kritisch-prüfenden Blick unweigerlich herausfordern und im fiktionalen Bereich einen "Diskurs über urbane Angst und urbane Trennung" nach sich zogen, wie es der Geograf Renaud Le Goix formuliert. Ob in Mexiko, Argentinien, Südafrika, Indien oder Europa, überall entstanden in den letzten Jahrzehnten von Mauern umgebene Luxussiedlungen als Rückzugsort für Mitglieder oberer Schichten.

Filmische Aufarbeitungen

Der auf dem gleichnamigen Roman basierende Spielfilm "Die Frauen von Stepford" (1975) unterstreicht die dystopische Haltung, die letztlich alle filmischen Annäherungen an das Phänomen der Gated Communities prägt. Der Umzug einer Familie in eine idyllische und friedliche Landgemeinde entpuppt sich hier als Weg ins Herz einer gleichgeschalteten, patriarchalen Gemeinschaft, die Frauen nur als gehorsame Hüterinnen des Haushalts duldet. Der anfängliche Naturalismus und das schleichende Grauen münden in ein beängstigendes Sci-Fi-Finale, in dem die renitente Protagonistin, wie die anderen Frauen auch, durch einen willenlosen Roboter ersetzt wird, der das Gleichgewicht der Gemeinde nicht gefährden kann. Die 2004 erschienene Neuauflage des Stoffes entledigt sich der zumeist subtilen Inszenierung des Originals und zeigt die Gated Community Stepford als eine knallbunte Retortenwelt, deren Künstlichkeit keinen Platz für leise Zwischentöne lässt. Wes Cravens kruder Sci-Fi-Horror "Exit - Ausgang ins Nichts" (1984) weitet die Vorbehalte gegen das Leben in Luxuswohnanlagen ins Dämonische aus, indem er den exklusiven Country Club der dargestellten Community buchstäblich als Tor zur Hölle inszeniert, durch das jeder Bewohner schreiten muss, um anschließend seine Seele zu verlieren. Deutlich gemäßigter präsentiert sich der märchenhafte Ansatz der Tragikomödie "Lawn Dogs - Heimliche Freunde" (1997). Der prominent ins Bild gerückte sattgrüne Rasen symbolisiert das auf Schein und Wirkung ausgerichtete Leben in der Luxussiedlung "Camelot Gardens", aus dem lediglich ein von Neugier getriebenes Kind ausbrechen kann.

La zona - Betreten verboten

Während die genannten Filme eindeutig fiktional sind, setzt Rodrigo Plá in seinem Thriller "La zona - Betreten verboten" (2007) dokumentarisch inszenierte Bilder ein, die dem Geschehen eine authentische Aura verleihen. Die titelgebende Gated Community erscheint inmitten des von Armut geprägten Großstadtchaos wie eine Oase des Friedens. Der Regisseur hat in Interviews betont, dass die Geschichte eine klare Verortung bewusst vermeidet, da sie in gewisser Weise einen allgemeingültigen Anspruch haben soll. Als das vermeintliche Gleichgewicht hinter den Mauern jedoch durch einen Einbruch mit Todesfolge gestört wird, tritt die monströse Haltung der wohlhabenden Bewohner hervor. Da sie glauben, an die Regeln der Welt außerhalb der Siedlung nicht mehr gebunden zu sein, machen sie unverzüglich Jagd auf den jugendlichen Einbrecher, der sich in der Wohnanlage versteckt hält. Die Paranoia, allein durch die Bilder der Überwachungskameras omnipräsent, führt zu totalitärem Denken. Für die Meinung Einzelner ist hier kein Platz. Der Community-Sprössling Alejandro, mit dem der Zuschauer durch den Film geht, entwickelt zwar ein Bewusstsein für die Grausamkeit seines goldenen Käfigs, kann sich am Ende, nachdem der junge Einbrecher vom Mob getötet wird, aber nicht aus ihm befreien. Rodrigo Plá streift im Verlauf seines spannenden Thrillers zwar viele kritische Aspekte, kann letztlich aber keinen so differenzierten Blick liefern wie etwa die Dokumentation "Auf der sicheren Seite" (2010). Der Dokumentarfilm von Corinna Wichmann und Lukas Schmid zeigt Innenansichten von drei Gated Communities auf drei Kontinenten. Die Auflösung der städtischen und sozialen Gemeinschaft schreitet voran: hohe Mauern, Elektrozäune, Videoüberwachung und bewaffnete Sicherheitskräfte sollen die Ängste der höheren Einkommensklassen dämmen. Aber ein Leben auf der sicheren Seite kann, wie versprochen, nicht garantiert werden. Nirgendwo.

Christopher Diekhaus, 28, ist Filmjournalist und Drehbuchautor in Köln.
Fotos: "Auf der sicheren Seite" | © Real Fiction Filmverleih; "La Zona" | © Cine Global



Links

Mehr über den Film "Auf der sicheren Seite" auf den Seiten des Filmverleihs Realfiction

Die Website zum Film "La zona"

Mehr über Filme aus Lateinamerika und Spanien auf den Seiten des Filmverleihs Cineglobal.de

 





Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Was bisher geschah...

SOO schlimm isses auch nicht

Auch wir wohnen in einer Gated Community, zwar mit Zäunen, Kameras und Doorman, aber natürlich ohne Elektrozaun und Waffen. Wo? Berlin Prenzlauer Berg. Der Vorteil: Es klingelt nicht permanent ein Paketbote oder Prospektverteiler, man muss sein Fahrrad nur ganz normal anketten und nicht "einbetonieren", Einbrüche in die Kellerräume kennen wir nicht. Dazu kommt: Hausmeisterservice, Gärtner, Putzkolonne etc. Wir fühlen uns hier wohl und halbwegs beschützt, und das ist uns auch was wert.

Tobias | 10. Mai 2013   11:58

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)