Das Weiterleben der Ruth Klüger

Der Unterschied zwischen Opfersein und Freisein

Kinostart: 9.5.2013 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ruth Klüger bezeichnet sich als Auslaufmodell, denn sie gehört zu den wenigen, die heute noch über den Holocaust berichten können. Sie war elf Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter Alma eine grausame Odyssee durch die Lager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt, einem Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen, erleben musste. "Was für einen Zweck kann es für irgendjemanden gehabt haben, mich in diesen Lagern herumzuzerren, anstatt in die Schule zu gehen?"

Die aus Wien stammende amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger beschäftigt Zeit ihres Lebens nicht die Frage, wer Täter war, wer ist Opfer. Vielmehr interessiert die Überlebende die Differenzierung zwischen dem Opfersein und dem Freisein, das Weiterleben – ein roter Faden, der sich durch ihr Leben zieht. Ihr Weiterleben, das Danach mit den traumatischen Erlebnissen in der Kindheit beschrieb Ruth Klüger in ihrer packenden Autobiografie "weiter leben". Sie erzählt darin auch von der Verzweiflung der Erwachsenen, der Ohnmacht und dem Schweigen. Ein Opfer zu sein, das ist eine Stigmatisierung, der sie sich gleich nach Kriegsende zu entziehen versucht: Die 13-Jährige schickt zwei Gedichte an die Tageszeitung Hessische Post und betont in einem Begleitschreiben, wie sie diese Gedichte anwenden konnte. Wie sie mit diesen Gedichten anderen helfen konnte, als nirgendwo Hilfe zu erwarten war und Erlösung der Sprung in den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun bedeutete. Ruth Klüger sah sich nicht als ein "verschrecktes Opfer", sondern als "eine, die man ernst nehmen sollte".

Ernst genommen wird sie schon lange. Ruth Klüger war die erste Professorin für Germanistik an der University of California. Doch der Weg dorthin war und ist lang, wenn der verlorene Vater in den Träumen und in der Erinnerung auftritt. Viktor Klüger war ein bekannter jüdischer Wiener Frauenarzt, dem die Approbation entzogen wurde. Eines Abends stand er am Bett seiner Tochter. Es wurde ein Abschied für immer. Viktor Klüger flüchtete über Italien nach Südfrankreich, wurde 1944 in Nizza verhaftet und vom Lager Drancy bei Paris ins Baltikum abtransportiert und ermordet.

Eigentlich war Ruth Klüger zu jung, um Auschwitz zu überleben. Denn bei der gefürchteten Selektion log sie endlich nach der verzweifelten Aufforderung der Mutter und ging als 15-Jährige durch, konnte als arbeitsfähig gelten wie alle Frauen zwischen 15 und 45 Jahren. Jahrzehnte später ließ Ruth Klüger ihre "Hundemarke", die Lagernummer, entfernen. Es war ihr unangenehm, dass sie insbesondere in Deutschland und in Österreich als eine Person angesehen wurde, die auf die Verbrechen der Nazis und auf die Schuld aufmerksam machen will.

Die österreichische Journalistin Renata Schmidtkunz hat facettenreich und umsichtig "Das Weiterleben der Ruth Klüger" in ruhigen Bildern montiert. Die Tatsachen, so Ruth Klüger, seien verbrieft, sie betrachte Zeitgeschichte durch einen persönlichen Filter. Eine Sichtweise, die dieser leise und freundschaftliche Dokumentarfilm erfüllt.
Silke Kettelhake

Das Weiterleben der Ruth Klüger (Dokumentarfilm), Österreich, Deutschland 2011, Buch & Regie: Renata Schmidtkunz, mit Ruth Klüger, Percy Angress, Dan Angress, Laurie Angress, Gail Hart u.a., 85 min, Kinostart: 9. Mai 2013 bei Kairos

Foto: © Kairos Film



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