No Place on Earth

Geschichte als Event

Kinostart: 9.5.2013 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Während einer Expedition in ein weitverzweigtes Höhlensystem in der westlichen Ukraine 1993 entdeckt der Forscher Christopher Nicola zahlreiche verwitterte Gegenstände – Schuhe, Besteck, Knöpfe und dergleichen –, die auf die vormalige Anwesenheit von Menschen hindeuten. Nicola macht sich auf die Suche nach der Geschichte hinter den gefundenen Dingen und stößt auf das Schicksal der Jüdin Esther Stermer und ihrer vielköpfigen Familie.

Die Stermers lebten in dem kleinen ukrainischen Ort Korolowka und sie unterschätzten die Gefahr, die von den deutschen Nationalsozialisten ausging, nicht. Bereits im September 1939 begannen sie, Pläne für eine Auswanderung nach Kanada zu schmieden. Schließlich hatten sie Haus und Hof verkauft und standen kurz vor der Abreise ins rettende Ausland, als ihnen der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges den Fluchtweg versperrte. Im Oktober 1942 schließlich gehen 28 Menschen buchstäblich in den Untergrund: Sie fliehen in die Verteba-Höhle im Tal von Bilche Zlota, die zuvor mit dem Lebensnotwendigsten und allerlei Vorräten ausgestattet worden war. Im April 1943 werden sie dort von der Gestapo aufgespürt. Fünf werden verhaftet, der Rest kann fliehen und rettet sich in die wenige Kilometer entfernte Priestergrotte nahe des Dorfes Strilkivtsi, in der es nun allerdings an jedem Komfort fehlt. Bis April 1944 harren nunmehr 38 Mitglieder von insgesamt fünf jüdischen Großfamilien in dieser Höhle aus. Zusammengerechnet 511 Tage leben die Stermers unter der Erde. Eineinhalb Jahre Finsternis und Felsenkälte. Eineinhalb Jahre ohne Sonne oder Tageslicht.

Dieses Schicksal, von dem Janet Tobias in der Dokumentation "No Place On Earth" erzählt, ist tragisch und bewegend. Umso bedauerlicher ist, dass die filmische Umsetzung derart bieder und öde ausfällt. Im braven Wechsel von Zeitzeugen-Interviews, Spiel- und Dokumentarfilmsequenzen werden die Ereignisse nachvollzogen und von pathetischer Musik begleitet. Am Ende werden, weil sich das inzwischen so gehört, einige der Überlebenden an den damaligen Ort des Geschehens geschleppt, um die aus der Konfrontation mit der aufsteigenden Erinnerung entstehende Ergriffenheit abfilmen zu können. Einer der widerlichsten Topoi der modernen Betroffenheitsdokus.

Eine "Abenteuer-Überlebens-Geschichte" habe sie erzählen wollen, sagt Regisseurin Tobias, "etwas Neues, weil die Messlatte auf dem Gebiet der Holocaust-Dramen derart hoch liegt". Die Holocaust-Überlebensgeschichte als Erzählstoff, der möglichst spannend aufbereitet werden muss, weil sonst eh keiner mehr hinhört oder -schaut? Das gibt zu denken. Hier spricht sich eine konsumistische Haltung gegenüber dem historischen Faktum aus, die in allem immer nur den Event zu erkennen vermag. Tatsächliche Nähe zum Gegenstand geht in Kulissenschieberei verloren, Erfahrungsmöglichkeiten werden verhindert, Erkenntnis bleibt aus. Im vorliegenden Kontext ist dies Versagen schmählich.
Alexandra Seitz

No Place on Earth (Dokumentarfilm), USA, Deutschland, Großbritannien 2012, Regie: Janet Tobias, Buch: Paul Laikin, mit Chris Nicola, Saul Stermer, Sam Stermer, Sonia Dodyk, Sima Dodyk u.a., ab 12, 86 min, Kinostart: 9. Mai 2013 bei Senator Film Verleih

Foto: © Senator Film Verleih



Mehr Infos zu "No Place on Earth"

"No Place on Earth" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite: "No Place on Earth"
"No Place on Earth" auf filmportal.de
Filminfos
in der Internet Movie Database




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