Schimpansen

Affentheater

Kinostart: 9.5.2013 | Christian Horn | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es war einmal im Südwesten der afrikanischen Republik Elfenbeinküste: Unter der Führung des Alphamännchens Freddy lebt dort eine Gruppe Schimpansen, die sich gegen die regelmäßigen Angriffe der zwielichtigen Artgenossen rund um Scar behaupten muss. In dieser gefährlichen Umgebung wächst der kleine Oskar auf, der stets auf die Hilfe seiner Mutter bauen kann und durch das kluge Imitieren der anderen Affen täglich etwas Neues über das Schimpansen-Dasein lernt. Doch als Oskars Mutter eines Tages spurlos im Dschungel verschwindet, muss der Kleine um sein Überleben bangen, bis Freddy ihn adoptiert.

Über mehrere Jahre hinweg filmten Alastair Fothergill und Mark Linfield die Primatengruppe, in der Oskar aufwächst, und zimmerten auf der Basis der wahren Ereignisse das eingangs skizzierte Drama. Dass der Anführer der "bösen" Schimpansen im Film in Anlehnung an den Bösewicht aus "Der König der Löwen" Scar heißt, ist daher kein Zufall. Durch die Musikauswahl und die Wertungen im Off-Kommentar etablieren die Filmemacher die in der Wildnis unbekannten, für ein Märchen aber relevanten Kategorien "gut" und "böse", wobei die Hauptfigur Oskar gemeinsam mit dem Publikum vieles über die Sozialstruktur einer Affengemeinschaft, die Widrigkeiten der Nahrungssuche oder den richtigen Gebrauch von Werkzeugen lernt.

Es ist egal, ob es sich um einen dokumentarischen oder fiktiven Stoff handelt: Sobald eine Filmkamera im Spiel ist, entsteht eine konstruierte Realität. So kann auch ein Dokumentarfilm, wenngleich die bewegten Bilder des Kinos einen Eindruck von Realität erzeugen, nie eine reine Abbildung der Wirklichkeit sein. Schon der Standpunkt der Kamera und die Auswahl bestimmter Szenen im Schneideraum behindern diesen idealtypischen Anspruch. Vor diesem Hintergrund ist es keine große Überraschung, dass "Schimpansen" – wie der Primatologe und wissenschaftliche Hauptberater dieses Disney-Films Christophe Boesch unlängst im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erklärte – eine dramaturgisch umgearbeitete Geschichte erzählt, die in dieser Form nur ansatzweise der Wahrheit entspricht. So lebt die Schimpansengruppe von Scar beispielsweise in Uganda und nicht in der Republik Elfenbeinküste und somit haben ihre Revierkämpfe real nie stattgefunden. Dem einigermaßen mündigen Zuschauer dürfte ohnehin bereits nach wenigen Minuten Spielzeit klar sein, dass es sich bei "Schimpansen" um ein Doku-Märchen handelt. Einen wahren Kern besitzt der unterhaltsame Film trotzdem, denn immerhin sind die Schimpansen keine Computeranimationen, und dass die Tiere beispielsweise Ameisen mit Stöcken aus einem Erdloch pulen, Nüsse knacken oder gelegentlich Revierkämpfe austragen, beruht ebenfalls auf Fakten.
Christian Horn

Chimpanzee (Doku-Fiction), USA 2012, Buch & Regie: Alastair Fothergill, Mark Linfield, o.A., 78 min, Kinostart: 9. Mai 2013 bei Disney

Foto: © Frame Grab/Disney



Mehr Infos zu "Schimpansen"

"Chimpanzee" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite: "Schimpansen"
Max-Planck-Gesellschaft: Schimpansen – Der Film. Die Forschung hinter den Kulissen
Filminfos in der Internet Movie Database
FilmTipp von Vision Kino




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