Starlet

Einsam im Valley

Kinostart: 9.5.2013 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Im San Fernando Valley bei Los Angeles fallen die Träume vom Ruhm etwas bescheidener aus als zwanzig Kilometer südlich in der Traumfabrik Hollywood. Das "Valley" ist das Zentrum der kalifornischen Porno-Industrie. Wer es hierher schafft, hat zwar keine Karriere in Aussicht, aber der Verdienst ist immer noch besser als im Supermarkt oder in einer Bar. Hier lebt auch die 21-jährige Jane mit ihrer Freundin Melissa und Mikey, der offenbar Melissas Freund ist, aber wie ihr Manager redet und sich wie ein Zuhälter aufführt. Die meiste Zeit verbringt er zugekifft vor Videospielen. Die Ambitionen der drei sind überschaubar, aber große Hoffnungen machen sie sich ohnehin nicht. Sean Baxter trifft mit seinem dritten Spielfilm "Starlet" diese Stimmung zwischen Lakonie und Stagnation sehr genau. Der lapidare Ton scheint dem Leben im "Valley" irgendwie angemessen zu sein. Ein warmes, ausgewaschenes Licht durchfließt seinen Film, als würden die Sonnenstrahlen die Beiläufigkeit des Slacker-Daseins umschmeicheln.

Dieses Leben ist für große Überraschungen kaum prädestiniert, aber eine kleine Veränderung genügt schon, um Jane auf andere Gedanken zu bringen. Auf einem Flohmarkt ersteht sie von einer alten Frau eine Thermoskanne, die sich als Hauptgewinn entpuppt: In der Kanne befinden sich Geldrollen, insgesamt etwa 10.000 Dollar. Völlig entgeistert versteckt Jane das Geld zunächst, aber ihr schlechtes Gewissen führt sie zurück zu dem verfallenen Haus. Die alte Sadie knallt dem Mädchen die Tür vor der Nase zu, ohne es überhaupt anzuhören. Damit könnte das Thema für Jane erledigt sein, aber irgendetwas zieht sie zu der alten Frau zurück. Beim Einkaufen fängt sie Sadie ab und bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren, platzt danach förmlich in das Leben der alten Frau – und bleibt einfach. Sadie misstraut der aufdringlichen Freundlichkeit Janes zusehends, lässt eine Annäherung dann aber schließlich doch zu.

Geld als Triebfeder

"Starlet" fühlt sich anfänglich wie ein modernes Märchen an, was auch an den diffusen Lichtverhältnissen liegen mag, die den Bildern ihre harten Konturen nehmen. Das US-amerikanische Independentkino hatte schon immer eine Schwäche für rührige Außenseiter-Geschichten, die mehr mäandern als stringent auf eine erzählerische Klimax zuzusteuern. Problematisch wurde es meist dann, wenn die Eigenarten der Charaktere das Geschehen zu stark dominierten. Baxters Film hebt sich von dieser Formel wohltuend ab, weil seine Inszenierung in vielen liebevoll beobachteten Details auf eine soziale Wirklichkeit verweist, die seine Figuren beschränkt. Geld ist zunächst die Triebfeder der intimen Konstellationen in "Starlet" (so der Name von Janes Chihuahua – einem Rüden). Die Arbeitsverhältnisse in der Porno-Industrie, in der auch Jane arbeitet und die auf eine andere Art als der "konventionelle" Niedriglohnsektor prekär ist, beschreibt Baxter mit trockener Distanz.

Aber genauso wie irgendwann die 10.000 Dollar zwischen Jane und Sadie keine Rolle mehr spielen, ordnen sich auch die ökonomischen Verhältnisse schließlich den zwischenmenschlichen Beziehungen unter. Die Lebensbedingungen sind eben doch mehr als eine Kulisse oder bloße Behauptung des Drehbuchs – auf ihnen fußen in "Starlet" ganze Lebensläufe (gescheiterte wie auch nicht ganz ausgereifte), die Baxter Stück für Stück aufdeckt. Wenn Sadie Jane fragt, ob sie einen Freund hat, antwortet die, dass sich das mit ihrem Job wohl nicht vereinbaren lässt. Sadie wiederum entgegnet ahnungslos, dass Jane gar nicht so wirke, als nehme ihr Job so viel Zeit in Anspruch.

Komplexe Lebenswelten

Die Einsamkeit hat die Menschen zu dem gemacht, was sie sind. Sadie lebt seit vielen Jahren allein. Ihr Mann, ein professioneller Spieler, hat ihr genug Geld hinterlassen, aber glücklich ist sie nach seinem Tod nie wieder geworden. Mit ihrer unwirschen Art hält sie sich die Welt vom Leib, aber ein Blick in ihr verwildertes Haus offenbart auch eine erschöpfte Leere hinter dem Missmut der alten Frau. Erst spät liefert "Starlet" Hinweise, warum Sadie Jane überhaupt in ihr Leben lässt. Doch diese Informationen sind nur Mosaiksteinchen einer komplexen Lebenswelt, die Baxter nie als Ganzes erzählt, sondern anhand der Beschreibung von Wirklichkeitsfragmenten zusammenzusetzen versucht.

Zu diesen Fragmenten gehört auch die Arbeit im Porno-Business, die Baxter so pragmatisch wie einen gewöhnlichen Angestelltenjob beschreibt. Man geht zur Arbeit, hat Sex und plaudert in den Pausen mit dem Drehpartner. Alles ganz entspannt. In der Wohngemeinschaft, die der Produzent seinen Mädchen anbietet, befindet sich auch ein Raum mit Webcam – falls sie sich etwas Geld dazuverdienen wollen. Wie "flexibilisiert" die Verhältnisse tatsächlich sind, muss Melissa erfahren, als sie sich den Anweisungen des Regisseurs widersetzt. Sie wird für einen Monat "auf Eis gelegt" – auch Angebote anderer Produzenten darf sie in der Zeit nicht annehmen. Ein Besuch auf einer Erotik-Messe gewährt dann Einblicke in einen ganz anderen Lebensbereich der Porno-Industrie: wo die Fantasien und Wünsche plötzlich mit der Realität in Kontakt kommen. Janes Begegnungen mit ihren Fans, die ihr für ihre Vagina Komplimente machen, vergegenwärtigen noch einmal den Dienstleistungscharakter von Pornografie. Es geht um Kundenbindung.

Für Baxters Wirklichkeitsbegriff ist es durchaus schlüssig, dass auch die Besetzung von "Starlet" für die verschiedenen Grade von Professionalität und Repräsentanz durchlässig ist. Dree Hemingway, die Jane spielt, ist im richtigen Leben Model und Schauspielerin (außerdem ist sie die Urenkelin von Ernest), Stella Maeve (Melissa) und James Ransome (Mikey) sind ebenfalls professionelle Schauspieler. Und auch die Porno-Akteure sind Profis. (Hemingway bekam für ihre Hardcore-Szene ein Körperdouble.) Sadie-Darstellerin Besedka Johnson dagegen debütierte im Alter von 86 Jahren vor der Kamera. Dass sie letzten Monat verstarb, verleiht "Starlet" eine weitere, traurige Nuance. So offen und transparent, wie der Film erzählt ist, könnte man meinen, dass er eigentlich nur im wahren Leben einen Schlusspunkt finden kann.

Starlet, USA 2012, Regie: Sean Baker, Buch: Sean Baker, Chris Bergoch, mit Dree Hemingway, Besedka Johnson, James Ransone, Dave Bean, Liz Beebe u.a., OmU, ab 16, 104 min, Kinostart: 9. Mai 2013 bei Rapid Eyes Movies

Fotos: "Starlet" | © Rapid Eye Movies HE GmbH

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -journalist.



Mehr Infos zu "Starlet"

"Starlet" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Filminfos in der Internet Movie Database




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