Stoker

Ein häusliches Drama

Kinostart: 9.5.2013 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

2013 wird für den koreanischen Regisseur Park Chan-wook ein gutes Jahr. Im Herbst darf man auf Spike Lees Remake des Rächerdramas "Oldboy" gespannt sein; diese Woche kommt seine erste Hollywood-Regiearbeit "Stoker" in die Kinos. Park gehört mit seiner Vorliebe für Pulp und Gewalt zu den eher schwer berechenbaren Filmemachern (Quentin Tarantino und Harmony Korine sind Fans), weswegen "Stoker" vorsichtshalber auf einem amerikanischen Skript basiert. Wer Parks letzten Film "Durst" über einen Priester, der sich nach einer missglückten Blutinfektion in einen Vampir verwandelt, gesehen hat, kann nachvollziehen, dass man das westliche Mainstream-Publikum behutsam an den sonderlichen Lyrismus eines Park Chan-wook, der auch schon mal Blutfontänen zu heißen Liebesschwüren arrangiert, heranführen muss. "Stoker" dürfte allein schon wegen der beiden Hauptdarstellerinnen mehr Menschen interessieren als seine bisherigen Filme. Für sein Hollywood-Debüt konnten Nicole Kidman und Mia Wasikowska gewonnen werden: zwei ätherische Schönheiten, deren weiße Alabasterhaut sich ganz hervorragend als Leinwand für Parks Blutfantasien eignet.

Leider ist "Stoker" etwas konventionell geraten, was vor allem am Drehbuch liegt, das sich unverhohlen bei Hitchcocks "Im Schatten des Zweifels" (1943) bedient. Um Blut geht es in "Stoker" nur noch in einem übertragenen Sinn: Park erzählt ein kleines, bösartiges Familiendrama als Schlüsselmoment eines sexuellen Coming-of-Age. Nach dem überraschenden Tod des Vaters bleiben Ehefrau Evelyn und die achtzehnjährige Tochter India allein mit dem Dienstpersonal in ihrem pompösen Herrenhaus zurück. Am Tag der Beerdigung steht unerwartet Onkel Charlie, der Bruder des Verstorbenen, den die Frauen nur vom Hörensagen kannten, vor der Tür. Der gut aussehende und geheimnisvolle Fremde nimmt die Einladung Evelyns, eine Weile zu bleiben, dankend an. India reagiert zunächst reserviert auf den Gast, doch je aufmerksamer Charlie sich ihrer Mutter zuwendet, desto mehr regt sich Indias Verlangen. Dass auch noch die Schwiegermutter unvermittelt im Haus auftaucht und wieder spurlos verschwindet, scheint niemanden zu wundern.

Visuelle Extravaganzen finden in diesem restriktiven Ambiente keinen Raum. Park verlegt sich stattdessen auf die stimmungsvolle Psychologie des häuslichen Dramas – mit einigen Anleihen beim klassischen Psycho-Thriller. Damit beweist er erneut ein gutes Händchen für Atmosphäre, doch ein bisschen mehr vom Irrsinn seiner koreanischen Filme hätte "Stoker" durchaus vertragen. Parks US-Debüt ist die Antithese zu seiner Rache-Trilogie und "Durst": humorlos, gefangen im Skript und kontrolliert bis zum Ersticken. Selbst die latenten Gewaltausbrüche besitzen keine kathartische Qualität mehr.

Andreas Busche

Stoker, USA, Großbritannien 2013, Regie: Park Chan-wook, Buch: Wentworth Miller, Erin Cressida Wilson, mit Nicole Kidman, Mia Wasikowska, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Lucas Till u.a., ab 16, 99 min, Kinostart: 9. Mai 2013 bei Twentieth Century Fox

Foto: © 2013 Twentieth Century Fox



Mehr Infos zu "Stoker"

"Stoker" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Filminfos in der Internet Movie Database




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