The End of Time

Schauen und Denken

Kinostart: 9.5.2013 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Begann die Zeit mit dem Urknall? Endet sie mit der Explosion der Sonne? Menschen haben die Zeit erfunden, seitdem ist sie ein unerschöpfliches Thema für Philosophen, Künstler, Religions- und Naturwissenschaftler geblieben. Nun beschäftigt sich auch ein Dokumentarfilm mit dem Thema – allerdings auf essayistische und assoziative Weise. Denn so nähert sich der Schweiz-Kanadier Peter Mettler seinen Themen am liebsten, wie zuvor in seinen Filmen "Picture of Light" (1994) und "Gambling, Gods and LSD" (2002).

Mit dem legendären Sprung des Astronauten Joe Kittinger beginnt "The End of Time". Kittinger segelte 1960 vom Rand des Weltraums mit einem Heißluftballon ins Nichts. Für einige Momente stand die Zeit für ihn still, trotz der Schallgeschwindigkeit, mit der er durch den Raum flog. Erst als er sich wieder mit der Erde in Relation setzt, vertickt seine Zeitempfindung wie gehabt. Man könnte sich jetzt mit Newtons und Einsteins Theorien befassen, und folgerichtig haben im Film auch Physiker das erste Wort. Jene, die in Genf am CERN-Institut den Urknall simulieren und im High-Tech-Teilchenbeschleuniger die Protone aufeinander jagen. Stolz präsentieren die Physiker ihren Arbeitsplatz, doch statt spannender Theorie bleiben ausgerechnet Plattheiten hängen wie: "Physik erklärt alles!"

Doch eine genauere Untersuchung des Phänomens Zeit strebte Mettler in "The End of Time" auch gar nicht an. Eher Vergänglichkeit, die Zyklen des Wiedererstehens – auch in philosophischer Hinsicht. Und so führen Szenenwechsel zunächst nach Hawaii zur anschaulichsten Darstellung der geologischen Zeit. Lavaströme schieben sich einen Hang hinunter, die erstarrende Melasse formt die skurrilsten Gebilde und begräbt das letzte Grün. Ein US-amerikanischer Aussteiger hat dort lange ausgeharrt, weil er seine Lebenszeit freier bestimmen wollte. Und in Detroit, wo Henry Ford einst das Fließband erfand, um die Produktionszeit seiner Autos zu verkürzen, steht längst einiges still. Wie Prunk-Theater zu Parkhäuser verkommen und sich die Vegetation partiell die verwaiste Innenstadt zurückerobert – anschaulicher lässt sich die Zerfallszeit unserer Zivilisation nicht messen. Irgendwann kommt der Film auch nach Indien, zu jenem Baum der Erkenntnis, unter dem Buddha meditiert haben soll, wo sich Vergangenheit und Zukunft anscheinend stimmiger zur Gegenwart verweben. Der filmische Bogen wäre damit wieder bei Einstein angelangt. Unterwegs begegnete Mettler Überlebenskünstlern und Denkern, war bei einer indischen Begräbniszeremonie dabei, filmte jede Menge Natur und gibt aus dem Off packende Denkanstöße. Unterlegt von ausgetüftelter Filmmusik bewegt sich der Film in einem eigenen Fluss. Nicht alles scheint schlüssig, manches fordert Geduld, über manche Schnitte und Sequenzen mag man sich sogar ärgern. Doch die langen Kameraeinstellungen laden dazu ein über Lebenszeit nachzusinnen und welche Auswirkungen das eigene Handeln hat.
Cristina Moles Kaupp

The End of Time (Dokumentarfilm), Kanada, Schweiz 2012, Regie: Peter Mettler, Buch: Alexandra Gill, Peter Mettler, OmU, o.A., 109 min, Kinostart: 9. Mai 2013 bei Real Fiction

Foto: © Grimthorpe Film



Mehr Infos zu "The End of Time"

"The End of Time" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Filminfos in der Internet Movie Database




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