Frohes Schaffen

Aufruf zum Müßiggang

Kinostart: 2.5.2013 | Melanie Dorda | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was waren das noch für Zeiten, als Menschen für eine Verkürzung der Arbeitszeit auf die Straße gingen! Heute ist Arbeit zur Sucht, zum Fetisch, ja Religionsersatz geworden, glaubt man Konstantin Faigles satirischer Doku-Fiktion "Frohes Schaffen". Bestätigen lässt er sich diese Meinung von Passanten, die sagen, was wohl viele denken und zum gesellschaftlichen Konsens gehört: Arbeit strukturiert ihren Tag und gibt ihrem Leben Sinn. Wie sehr sie vom Mittel – zur Herstellung von Waren oder Dienstleistungen etwa – zum Zweck geworden ist, zeigt eine absurde Einrichtung in Hamburg. In einem fiktiven Kaufhaus agieren Langzeitarbeitslose als Käufer und Verkäufer, räumen Regale ein und zählen Spielgeld in die Kasse, nur um beschäftigt zu sein, ohne dabei aber etwas zu verdienen oder Sinnvolles zu tun.

Faigle pilgert zu "Helden der Arbeit" wie den ehemaligen Bergarbeitern im Ruhrgebiet, vermeintlichen Aussteigern und verlassenen Arbeitsstätten wie dem Nokia-Werk in Bochum. Er befragt Philosophen, Ökonomen und Arbeitsexperten dazu, wie sich der Arbeitsbegriff über die Zeit verändert hat. Von den Einflüssen der industriellen Revolution über die des Protestantismus bis hin zur Banken- und Weltwirtschaftskrise spart er nichts aus. Und zur Auflockerung lässt er den britischen Autor und Müßiggang-Experten Tom Hodgkinson Lektionen erteilen, wie man Wolken betrachtet oder Gras mit einer Sense mäht. Herausgekommen ist ein interessantes und amüsantes Sammelsurium zum Thema, an dem nur die Schauspielszenen stören, weil sie aufgesetzt wirken und völlig unnötig sind.

Auch der naive Grundton mag manche Zuschauer stören. Dennoch ist Konstantin Faigle ein pfiffiger Propagandafilm "zur Senkung der Arbeitsmoral" gelungen. Gerade, weil er bewusst Stellung bezieht, lädt er dazu ein, angebliche Wahrheiten über Arbeit als Selbstbestätigung und Persönlichkeitsentfaltung, aber auch die eigene Einstellung zur Arbeit zu hinterfragen. Welche Ideologie steckt dahinter, wenn Arbeit als eine Art höchstes Gut betrachtet wird? Wem nützt, wem schadet das? Faigles Film regt zum Nachdenken an, echte Alternativen für ein Leben mit Auskommen, aber weniger Arbeit bietet er jedoch nicht. Es bleibt bei Beschreibungen einiger weniger Ansätze wie der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Einen Ausweg aus dem Dilemma müssen wir wohl selbst finden. Das könnte ganz schön in Arbeit ausarten.
Melanie Dorda

Frohes Schaffen - Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral (Doku-Fiktion), Deutschland 2012, Buch & Regie: Konstantin Faigle, mit Jeremy Rifkin, Benjamin Hunnicutt, Marianne Gronemeyer, Tom Hodgkinson u.a., OmU, o.A., 98 min, Kinostart: 2. Mai 2013 bei W-film

Foto: © W-film/Kerstin Stelter



Mehr Infos zu "Frohes Schaffen"

"Frohes Schaffen" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
"Frohes Schaffen" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database




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