I, Anna

Einsam im Nebel

Kinostart: 2.5.2013 | Alexandra Seitz | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es sind ihre Beine, von denen er den Blick nicht wenden kann. Schöne, schlanke Beine in eleganten Schuhen mit hohen Absätzen. So steht sie da im Morgengrauen in der Telefonzelle und reibt sich mit dem einen Spann über die andere Wade, wie Frauen das manchmal selbstvergessen machen. Dann steigt sie in ihr Auto, fährt davon und hat ihren Schirm in der Zelle vergessen.

Eigentlich muss der melancholische Detective Bernie Reid in dem Mordfall ermitteln, der im nahegelegenen Hochhaus geschehen ist – ein Mann wurde erschlagen –, aber die Frau geht ihm, wie es sich für eine Femme fatale gehört, nicht mehr aus dem Kopf. Er nutzt seine Verbindungen, lässt über ihr Autokennzeichen ihre Adresse ermitteln und steigt ihr nach. Er nähert sich ihr bei einem exklusiven Single-Dating-Abend, wo sie den Namen Allegra trägt. Er lädt sie zum Abendessen ein. Und ehe er sich's versieht, steckt er bis zum Hals in Schwierigkeiten. Denn was Allegra umgibt, die in Wahrheit Anna heißt, ist nicht lediglich eine geheimnisvolle erotische Aura. Es ist dichter Nebel, weniger mysteriös als traumatisch. Und was sich in diesem verbirgt, birgt auch Gefahren. Für Bernie wie für Anna.

Man darf nicht zu viel über die Geschichte von "I, Anna", dem Spielfilmdebüt von Barnaby Southcombe, erzählen. Handelt es sich dabei doch um ein auf klassischen Film-noir-Mustern fußendes psychologisches Drama, das von seiner tranceartigen Atmosphäre ebenso lebt wie vom Wechsel zwischen Verwirrung und Klärung, Irreführung und Erkenntnis. Charlotte Rampling spielt die schöne, ein wenig geistesabwesend und deshalb unberechenbar wirkende Anna mit Konzentration und Kontrolle, dann wieder freizügig und anziehend. Es ist ein nuancenreiches Porträt, das Gabriel Byrne mit seinem ebenso vielschichtigen und empfindsamen Bernie spiegelt. Das Drehbuch schrieb Southcombe – im Übrigen Ramplings Sohn, dem seine Mutter hier ein großes Geschenk macht – nach dem gleichnamigen Roman von Elsa Lewin. Er schafft ein narrativ komplexes Gewebe, dessen zahlreiche Fäden er zum träumerischen Beginn an verschiedenen Stellen und auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen aufnimmt, um dann wie selbstverständlich, fast nachlässig, einfach loszuerzählen. Es gilt, sich dem Fluss des Geschehens anzuvertrauen. Zwar gerät Southcombe die Struktur seiner Geschichte mitunter etwas überfrachtet, dann holpert und stolpert "I, Anna" ein wenig. Aufgewogen wird die dramaturgische Überambitioniertheit aber durch die psychologisch sorgsame Zeichnung der Charaktere und die außerordentlich überzeugende Arbeit an der visuellen Oberfläche.
Alexandra Seitz

I, Anna, Großbritannien, Deutschland, Frankreich 2012, Buch & Regie: Barnaby Southcombe nach dem gleichnamigen Roman von Elsa Lewin, mit Charlotte Rampling, Gabriel Byrne, Hayley Atwell, Eddie Marsan, Jodhi May u.a., ab 16, 91 min, Kinostart: 2. Mai 2013 bei NFP

Foto: © NFP



Mehr Infos zu "I, Anna"

Die deutsche Webseite: "I, Anna"
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Kommentare

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Was bisher geschah...

Toller Film über die Suche nach Bindung und Identität

Ich habe sehr unterschiedliche Meinungen über diesen Film gesehen; mich persönlich hat er sehr angesprochen (mehr dazu hier: http://www.leselink.de/filme/krimis-filme/i-anna.html ) und vor allem die fantastischen Darsteller konnten überzeugen.

Yvonne | 2. Mai 2013   19:03

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