Saiten des Lebens

Disharmonien im Quartett

Kinostart: 2.5.2013 | Jörn Hetebrügge | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Seit 25 Jahren sind Peter, Juliette, Robert und Daniel unzertrennlich: Als Fugue String Quartet genießen die vier Streichmusiker Weltruhm. Doch als Peter (Christopher Walken), der Cellist, erfährt, dass er an Parkinson erkrankt ist, droht dem Ensemble das Aus – und zwar weniger, weil der Senior des Quartetts kaum zu ersetzen ist, als vielmehr, weil die Zäsur, die sein bevorstehendes Ausscheiden bedeutet, lange im Zaum gehaltene Emotionen unversehens hochkochen lässt. So besteht Robert (Philip Semour Hoffman), der sich in seiner Position als zweiter Geiger verkannt sieht, plötzlich darauf, sich mit Daniel (Mark Ivanir) als Führungsviolinist abzuwechseln. Eine Forderung, für die jedoch weder seine Ehefrau Juliette (Catherine Keener), die Bratschistin, noch Daniel Verständnis aufbringen. In seiner Eitelkeit gekränkt und im Glauben, Juliette würde aus alter Verbundenheit zu Daniel Partei gegen ihn ergreifen, stürzt sich Robert daraufhin in eine Affäre mit einer Flamenco-Tänzerin. Und als sich dann auch noch Daniel, der seine Gefühle stets ängstlich verbirgt, in Roberts und Juliettes Tochter Alexandra (Imogen Poots) verliebt, scheint das Quartett endgültig auseinanderzubrechen.

Unter den klassischen Musikensembles gilt das Streichquartett als das spannungsreichste. Dass diese Feststellung nicht nur für das musikalische Arrangement gilt, sondern durchaus auch das Verhältnis der Musiker untereinander mit einschließt, zeigt Zilbermans "Saiten des Lebens" auf sehr vergnügliche Weise. Das Musizieren selbst nimmt dabei im Spielfilmdebüt des israelisch-amerikanischen Regisseurs erstaunlich wenig Raum ein. Zwar steht Beethovens Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131 im Zentrum des Geschehens, doch liegt seine Bedeutung eher auf der sinnbildlichen Ebene, als dass die Komposition den Film musikalisch prägen würde. So doziert Peter anfangs, dass eine Besonderheit des Quartetts in seiner außergewöhnlichen Länge liege. Dies führe dazu, dass das Zusammenspiel mit fortschreitender Dauer des Konzerts durch die Erschöpfung der Musiker und die zunehmend verstimmten Instrumente nur schwer zu kalkulieren sei, was dem Stück seinen spezifischen Reiz verleihe – ganz so, wie auch die Ensemblemitglieder des Fugue String Quartets mit den Jahren zusehends individuelle Tendenzen zeigen, wodurch ihr Spiel vielleicht weniger harmonisch, aber dafür umso facettenreicher klingt. Dass diese Parallelisierung zwischen Musikern und Musik wunderbar aufgeht und der Film nie Gefahr läuft, ins Klischee abzugleiten, ist nicht zuletzt das Verdienst des fabelhaften Darstellerensembles. "Saiten des Lebens" funktioniert so nicht nur als kurzweiliger Einblick in das komplexe Innenleben eines Streichquartetts, sondern auch als amüsanter Gefühlsreigen im hübsch anzusehenden, tief winterlichen New York.
Jörn Hetebrügge

(A Late Quartet) USA 2012, Regie: Yaron Zilberman, Buch: Seth Grossman, Yaron Zilberman, mit Christopher Walken, Philip Seymour Hoffman, Imogen Poots, Catherine Keener, Mark Ivanir u.a., ab 6, 105 min, Kinostart: 2. Mai 2013 bei Senator

Foto: © Senator Film Verleih



Mehr Infos zu "Saiten des Lebens"

"A Late Quartet" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite: "Saiten des Lebens"
Filminfos in der Internet Movie Database




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)