Fremd

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Kinostart: 25.4.2013 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Einen gescheiterten Versuch, nach Europa zu gelangen, hat der junge Malier Mohammed bereits hinter sich. Und wieder ist er in Gao gelandet, einer Stadt im Norden des Landes, Knotenpunkt für Migranten aus Zentral- und Westafrika und meist die erste Station auf einer der ältesten Migrationsrouten der Welt. 2850 Kilometer sind es von hier aus über Algerien und Marokko bis ans Mittelmeer; die große Barriere, hinter der Europa liegt, wo Glück und Wohlstand verheißen sind.

Eigentlich wäre Mohammed gerne zu Hause geblieben und hätte den Hof des verstorbenen Vaters weitergeführt. Aber er ist der Mutter Gehorsam schuldig: Er ist der Älteste von sieben Geschwistern und ist für die Familie verantwortlich. Also hat sich Mohammed vor über zwei Jahren auf den beschwerlichen Weg gemacht. An der algerisch-marokkanischen Grenze trifft er auf Jerry, der es als Musiker und Künstler zu etwas bringen will. In Europa erhofft er sich jene Freiheiten und Perspektiven, die ihm in seinem Heimatland Kamerun fehlen. Alles müsse man dort kaufen, klagt er, selbst die Aufmerksamkeit der Leute. Auch Jerry ist schon länger unterwegs. Drei Jahre, vier Jahre, was spielt das noch für eine Rolle? Daheim warten sie darauf, dass er ihnen Geld schickt, er ruft dort schon gar nicht mehr an.

Zwei von vielen

Für ihren ersten langen Dokumentarfilm "Fremd" hat die ausgebildete Kamerafrau Miriam Faßbender Mohammed und Jerry über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren begleitet. Mit den Schicksalen der beiden jungen Männer hebt sie zwei aus der anonymen Masse heraus, die wie sie in der Fremde unterwegs sind: Immer auf dem Sprung, immer auf der Hut, ständig bedroht von Entdeckung und Rückschub, Geldmangel und Gewalt. Laut dem UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) waren 2011 weltweit insgesamt 42,5 Millionen Menschen auf der Flucht.

Zwar beschäftigen sich viele Dokumentarfilme mit den Migrationsströmen, die an der Festung Europa anbranden und abprallen. Wenigen aber gelingt eine solche Nähe zu den Migranten selbst, den einzelnen Menschen, aus denen sich diese Ströme zusammensetzen. Wenige auch haben die Geduld – sowie die produktionstechnischen Voraussetzungen Zeit und Geld –, den von Hetze und Warten, harter Arbeit und armseligen Lebensumständen geprägten Alltag dieser Menschen umfänglich abzubilden. Ohne um Mitleid zu heischen, lassen Mohammed und Jerry die Filmemacherin an ihrem Leben teilhaben. Und Faßbender reicht mit ihrem Film eine wertvolle Erfahrung an uns weiter: die des Kennenlernens.

Mohammed und Jerry erzählen und machen, Miriam Faßbender hört und schaut zu. Währenddessen bewegt man sich unmerklich durch den Raum. Unmerklich, weil man nur so langsam vorankommt. Es geht unspektakulär zu in "Fremd". Genau deswegen sind die Einblicke und Aufschlüsse, die der Film bietet, das Beobachten und Weiterdenken, das er ermöglicht, ungeheuer gewinnbringend. In einer Szene beispielsweise sitzen Männer in einem Unterschlupf in Algerien und fürchten sich vor einer gerüchteweise bevorstehenden Polizeirazzia. Einer telefoniert gerade mit daheim: Ja, er säße bereits im Bus. Ja, Europa wäre in Sichtweite. Ja, er sei schon fast da. Alles laufe wunderbar. Dass es kein Vor und kein Zurück gibt, ist die eigentliche Tragödie zahlloser Migranten. Umzukehren und wieder nach Hause zu gehen, käme einer Niederlage gleich; der vergebens Aufgebrochene enttäuscht nicht nur die Hoffnungen seiner Angehörigen daheim, er setzt sich zugleich dem Risiko aus, gesellschaftlich als Versager zu gelten, eine Schande, die auf seine Familie abfärbt.

Eine Weg voller Gefahren

Die Schwierigkeiten der Reise gen Norden sind nicht geringer: Die Preise der Schlepper sind exorbitant. Arbeit ist rar und schlecht bezahlt. Und am Ende wartet die Todesdrohung, der sich aussetzt, wer ein Boot in Richtung Spanien besteigt: Im Meer sind bereits Tausende gestorben. Die meisten wissen das und haben Angst. Also bleibt man fern und unterwegs. Und läuft als Illegaler ohne Rechte zudem immer Gefahr, Opfer von Anfeindungen und gewalttätigen Übergriffen zu werden. Auch Mohammed und Jerry.

Als Mohammed eines Abends zu seinem improvisierten, wie eine Wabe an einen Baumstamm geklebten Unterschlupf zurückkehrt, findet er ihn niedergebrannt vor. Okay, sagt er zu dem verantwortlichen Bauern, er habe verstanden, er werde hier nicht mehr übernachten. Warum aber mussten sie ihm auch noch die Decke verbrennen? Die wenigstens sollten sie ihm ersetzen. Der Bauer ignoriert ihn einfach, wendet sich ab, mitleidlos. Mitunter bleibt ihnen nur das Betteln. Manchmal auch halten sie sich als Erntehelfer über Wasser. Wenn Mohammed dann in einer Pause im Schatten sitzt und davon erzählt, wie viel Freude ihm die Landwirtschaft bereitet und dass er hofft, die in der Fremde erworbenen Kenntnisse einst auch wieder daheim anwenden zu können, dann ist das schrecklich und rührend zugleich. Rührend, weil da einer eine Aufgabe für sich in seinem Leben gefunden hat, schrecklich, weil ihre Verwirklichung ihm verwehrt bleibt. Weil er festhängt und eben dieses sein Leben derweil vergeht. Ungenutzt und sinnlos.

Ein Weg ins Nirgendwo

Fremdsein und Abgelehntwerden, Flucht und erzwungene Untätigkeit als jahrelang andauernder Daseinszustand, während zugleich in der Heimat eine Familie auf baldige Unterstützung wartet. Hoffnung gegen alle Widrigkeiten: auf das Weiterkommen, auf das Ankommen, darauf, dass es dann aber endlich richtig losgeht, Pläne umgesetzt, Träume verwirklicht werden können. Je länger man dem zusieht, diesem unaufgeregt wie beiläufig dokumentierten Stop-and-Go, das nirgendwo hinführt außer in ein neues provisorisches Versteck, wo die Zeit vom Stillstand gemordet wird, desto größer wird der Schrecken. "Die besondere Zeitlichkeit des Lebens auf Europa hin", hat der Filmkritiker Bert Rebhandl das genannt, "eine Bewegung aus Stillständen; zu warten nämlich ist das eigentliche Schicksal der Migranten."

Es ist die große Qualität von "Fremd", dass er dem Publikum einen Zugang zur existenzvernichtenden Dimension dieses Wartens vermittelt. Keinen intellektuell rationalisierenden Zugang, vielmehr einen, der unmittelbar trifft und etwas wach ruft, das im Kontext weltweiter Migrationsbewegung bitter fehlt: Mitgefühl.

Fremd (Dokumentarfilm), Deutschland, Mali, Algerien, Marokko 2011, Buch & Regie: Miriam Faßbender, OmU, ab 6, 92 min, Kinostart: 25. April 2013 bei Peripher Filmverleih

Fotos: Fremd | © Peripher Filmverleih

Alexandra Seitz ist Filmkritikerin und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "Fremd"

"Fremd" - die offizielle Filmwebseite (deutsch, englisch)
"Fremd" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Filmbesprechung auf kinofenster.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)