Der Hobbit

Abenteurer wider Willen

Kinostart: 13.12.2012 | Sascha Rettig | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Alles begann mit einem kurzen Satz, der J.R.R. Tolkien irgendwann nebenbei in den Sinn gekommen sein soll. "In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit", schrieb der Autor damals auf ein leer gebliebenes Blatt, als er Essays von Studenten korrigierte. Es sollten eines Tages die ersten Worte seines Kinderbuchs "Der kleine Hobbit" und der Auftakt eines mächtigen Fantasy-Epos werden, das er viele Jahre später mit "Der Herr der Ringe" fortschrieb. Von diesem ersten Satz des über 100 Millionen Male verkauften und in mehr als 50 Sprachen übersetzten Romans bis zu Peter Jacksons Kinoadaption musste der großfüßige Auenlandbewohner aber eine ziemlich lange Reise hinter sich bringen.

Zurück zu den Anfängen

In den vergangenen Jahrzehnten gab es wiederholt Anläufe, Tolkiens Fantasy-Stoff zu verfilmen. Immer wieder scheiterten sie aus unterschiedlichsten Gründen. Auch bei "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" kam es wiederholt zu Komplikationen, bis endlich die erste Klappe fallen konnte. Weil sich der Dreh aufgrund finanzieller Schwierigkeiten der MGM-Studios immer weiter verzögerte, stieg der erste Regisseur, der spanische Kinofantast Guillermo del Toro ("Pans Labyrinth"), schweren Herzens aus. Über diesen Umweg landete die Regie schließlich doch bei Peter Jackson, der eigentlich nur am Drehbuch mitschreiben und produzieren wollte – und damit bei dem Mann, der nach seiner Erfolgs-Trilogie "Der Herr der Ringe" im Filmbusiness wohl die größte Expertise für Orks, Elben, langhaarige Schwertkämpfer, den Gollum und das ganze Mittelerde-Fantasy-Universum haben dürfte. Die ohnehin immense Erwartungshaltung an das Werk hat das sicherlich noch einmal gesteigert. Doch kann es Jackson tatsächlich ein zweites Mal gelingen, ein mehrteiliges Blockbusterevent zu stemmen und womöglich den hysterischen Enthusiasmus um seine 17-fach Oscar®-prämierten "Herr der Ringe"-Filme erneut zu entfachen?

Neues Abenteuer in vertrauter Welt

Nachdem der Film zum Auftakt kurz den "Herr der Ringe"-Kosmos streift und Elijah Wood als Frodo lächelnd durch das Bild trottet, wird die Geschichte zur Erinnerung Bilbo Beutlins. Der alte Hobbit schreibt ein 60 Jahre zurückliegendes Abenteuer auf, bei dem es sich um die Vorgeschichte zu Frodos späterer Ring-Odyssee handelt. Ein kurzer Prolog erklärt, wie das Zwergenvolk einst aus dem Reich Erebor vertrieben wurde und seinen Goldschatz dem Drachen Smaug überlassen musste. Danach erst fädelt Jackson die eigentliche Mission ein, bei der Beutlin als Abenteurer wider Willen rekrutiert wird: Zauberer Gandalf und dreizehn Zwerge bedrängen ihn, damit er mit ihnen loszieht, um Erebor zurückzuerobern. Zwar gibt es mit dem vortrefflich besetzten Martin Freeman ein ganz neues Heldengesicht in einer ganz anderen Geschichte, den Mittelerde-Kosmos musste Jackson diesmal allerdings nicht von Grund auf neu entwerfen. Vieles auf dieser Reise wirkt entsprechend vertraut. Es gibt natürlich einige Querverweise auf "Der Herr der Ringe" und manch bekanntes Gesicht taucht ebenfalls auf – von Ian McKellen als Gandalf bis zu Cate Blanchetts Elbenherrscherin Galadriel. Technisch allerdings hat sich das Kino in den vergangenen zehn Jahren noch einmal deutlich weiterentwickelt und das macht "Der Hobbit" auf beeindruckende wie gewöhnungsbedürftige Weise deutlich.

Mittelerde – voll scharf

Jackson hat diesmal nicht nur in 3D gedreht, sondern leistet auch filmtechnische Pionierarbeit: In einigen Kinos wird eine Filmversion gezeigt, die mit 48 Bildern pro Sekunde abläuft – also doppelt so vielen wie normalerweise üblich, was für eine ungeheuer scharfe Optik sorgt. Das sogenannte Higher-Frame-Rate-Verfahren hat zwar seinen Reiz bei der kleinteiligen Flut erkennbarer Details, feinen Animationen und sehr plastischen 3D-Eindrücken. Das Bild ist allerdings so scharf, dass es immer etwas artifiziell erscheint und bisweilen sogar an die Ästhetik eines Videogames erinnert. Das passt dann aber wiederum auch zu den Gut-gegen-Böse-Geschehnissen auf der Leinwand. Der Hobbit und die Zwerge rennen, springen, stürzen, taumeln und kämpfen sich tapfer durch die erhaben schönen Landschaften, die Jackson abermals in Neuseeland fand. Es kommt zu Begegnungen mit unterbelichteten Trollen, Scharen an Orks und mächtigen Steinkolossen. Bilbo trifft folgenreich auf den getriebenen Gollum, und der Showdown mit dem bleichen Ork-Widersacher Azog führt das Grüppchen sprichwörtlich an den Abgrund.

Fortsetzung folgt

Eigentlich war "Der Hobbit" nur als Zweiteiler vorgesehen. Doch dann verkündete Jackson überraschend, den schmalen Roman sogar zur Trilogie zu machen. Das ist ziemlich viel Film auf überschaubarer literarischer Grundlage und tatsächlich zieht sich "Der Hobbit" zunächst über ein paar Längen, wobei letztlich unklar bleibt, ob das an Jacksons detailverliebter Werktreue oder dem lukrativen Ausbau zur Trilogie liegt. Irgendwann nimmt das Abenteuer aber doch mehr und mehr Fahrt auf. Dabei gelingt es Jackson, die erwartete und erhoffte Monumentalfantasy zu kreieren, die mit mächtigem Effektaufwand, mitreißenden Schlachten und unzähligen spinnerten, liebenswürdigen, garstigen Gestalten vor allem ein erwachsenes Publikum hineinzieht. "Das Schlimmste liegt hinter uns", sagt Bilbo zum Schluss ahnungslos. Mit dem letzten Bild des Films unterstreicht Jackson aber die Gewissheit, dass das natürlich nicht der Fall ist – und hat nach diesem Auftakt erreicht, dass man Bilbo weiter auf seiner Reise folgen will.

(The Hobbit: An Unexpected Journey) USA, Neuseeland 2012, Regie: Peter Jackson, Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro nach dem Roman von J.R.R. Tolkien, mit Martin Freeman, Ian McKellen, Cate Blanchett, Ian Holm, Christopher Lee, Hugo Weaving, Elijah Wood u.a., ab 12, 169 min, Kinostart: 13. Dezember 2012 bei Warner Bros. 

Fotos: © 2012 Warner Bros. Entertainment Inc. and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.

Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.



"The Hobbit: An Unexpected Journey" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite: "Der Hobbit: Eine unerwartete Reise"
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Kommentare

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Der Hobbit

Toller Artikel! Hat einen sehr guten Eindruck über den Film gegeben und macht richtig (bzw. noch mehr) Lust ihn endlich zu sehen und ich hoffe, "The Hobbit: An Unexpected Journey" kann an meine begeisternden Kindheitserinnerungen an die "Herr der Ringe"-Triologie anknüpfen. Ich bin gespannt!

mademoiselle créative | 16. Dezember 2012   00:50

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