Der Aufsteiger

Zum Wohle des Volkes

Kinostart: 22.11.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Bertrand Saint-Jean ist Verkehrsminister der Republik Frankreich und hat es, wie alle Politiker, nicht leicht. Ständig ist er unterwegs, immer ist er in Eile, eine Krise jagt die nächste, dauernd muss gehandelt und bewältigt werden. Eines Nachts wird Saint-Jean aus unruhigen Träumen gerissen und an den Ort eines schrecklichen Busunglücks mit zahlreichen getöteten Schulkindern gerufen. Noch im Halbschlaf und der eisigen Kälte zum Trotz spult er vor den Fernsehkameras die routinemäßigen Mitleids- und Betroffenheitsbekundungen ab, die von seinesgleichen erwartet werden. Anderntags allerdings muss Saint-Jean feststellen, dass ein Vertreter der Oppositionspartei die Abwesenheit des Ministers aus Paris dazu genutzt hat, dessen Position zur Privatisierung der Bahnhöfe in Zweifel zu ziehen. Bertrand Saint-Jean, auf den in dieser Frage Druck von verschiedenen Seiten ausgeübt wird, hat über Nacht die Initiative verloren. Den Rest der Laufzeit von Pierre Schoellers rasantem Politdrama "Der Aufsteiger" hechelt er ihr hinterher und versucht, sie zurückzugewinnen. Der kleine Mann – der sich aus vergleichsweise bescheidenen Verhältnissen in die Kaste der Spitzenpolitiker hochgearbeitet hat und der "dem Volk" daher als Hoffnungsträger gilt – gerät in hektische, ja geradezu panische Bewegung. Nicht nur, weil er seine Pfründe sichern will, vor allem, weil er bemerkt, dass er, wenn er in der gegebenen Situation seine Karten richtig ausspielt, noch mehr herausholen kann. Macht korrumpiert.

Schoeller, der bereits 2008 in seinem Regiedebüt "Versailles" den engagierten Blick eines kritisch reflektierenden, selbstbewussten Staatsbürgers auf gesellschaftliche Verwerfungen richtete, zeigt in "Der Aufsteiger" das Berufsfeld des Politikers als Schlachtfeld. Als Circus Maximus, in dem rücksichtslose Adrenalinjunkies ohne Moral und bis an die Zähne mit Standesdünkeln bewaffnet, einander sabotieren, während die Manager-Konkurrenten aus der freien Wirtschaft von den Rängen Beifall klatschen. "Der Aufsteiger" ist ein zugleich undurchsichtiger und glasklarer Film über Politik. Über die französische Politik mit ihrer quasi-aristokratischen Klassenstruktur im Besonderen ebenso wie über Politik mit ihren gnadenlosen Machtkämpfen, wechselnden Allianzen und gnadenlosen Intrigen im Allgemeinen.
Alexandra Seitz

(L'exercice de l'état) Frankreich, Belgien 2011, Buch & Regie: Pierre Schoeller, mit Olivier Gourmet, Michel Blanc, Zabou Breitman, Laurent Stocker, Sylvain Deblé, Didier Bezace u.a., ab 12, 115 min, Kinostart: 22. November 2012 bei Kool Filmdistribution

Foto: © Kool Filmdistribution



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