Cloud Atlas

Katzensprünge

Kinostart: 15.11.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Tom Tykwer und Lana und Andy Wachowski ist derzeit sehr daran gelegen, schon die Entstehungsgeschichte von "Cloud Atlas" zum Mysterium zu verklären. Von David Mitchells Weltbestseller "Der Wolkenatlas" sei demnach ein magischer Funke übergesprungen, an den verschiedensten Ecken der Welt wurden der deutsche Autorenfilmer und die Neuerfinder der Hollywood-Matrix gleichermaßen inspiriert: Dieses Buch mussten sie einfach verfilmen. Dabei ist das Konzept, der Kalauer muss sein, ziemlich wolkig: Sechs ineinander verschachtelte Erzählungen aus verschiedenen Orten und Zeiten der Menschheitsgeschichte, von der Vergangenheit bis in die fernste Zukunft, finden zusammen in einem Film. Aber sie sind eben auf geheimnisvolle Weise verbunden, gleich jenen großen Geistern beziehungsweise Filmemachern, die sich vom magischen Mythos einer allumfassenden Menschlichkeit seit jeher faszinieren lassen. Wer fest daran glaubt, hat am Ende einen Film mit 100 Millionen Dollar Produktionskosten und der Aussicht auf das ganz große Ding.

Sechs kleine Geschichten der Menschheit

Nach dem Grundgedanken, dass sich die Menschheit entwickelt, ergibt eine chronologische Auflistung durchaus Sinn: Ein Kolonialabenteuer des Jahres 1849 zeigt einen jungen amerikanischen Anwalt, der sich auf einer Pazifikreise mit dem widerlichen Zustand der Sklaverei konfrontiert sieht. Im Jahr 1936 verlässt ein englischer Komponist seinen Liebhaber, um bei einer großen Koryphäe seiner Zunft die Ausbildung abzuschließen. Fast vierzig Jahre später, nämlich 1973, kommt eine idealistische Journalistin einem Atomskandal auf die Spur, und zwar durch einen Hinweis des damaligen Liebhabers. In einer gegenwärtigen Episode von 2012 landet ein nervlich geplagter Verleger einen großen Buchhit, nur um von seinem rachsüchtigen Bruder in ein Sanatorium gesperrt zu werden. Die zukünftigen Erzählungen schließlich zeigen das asiatische Seoul des Jahres 2024 als cyber-futuristischen Kapitalismusalptraum sowie ein postapokalyptisches Hawaii, 106 Jahre nach dem Untergang – die Menschen leben wieder in Höhlen, Entwicklung bedeutet nicht automatisch die Entwicklung zum Besseren.

Nach den Verbindungen zu suchen, ist in "Cloud Atlas" so unterhaltsam wie müßig: Diverse Schriftstücke wandern durch die Jahrhunderte, die Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) findet zum Beispiel 1973 eine Partitur des "Wolkenatlas-Sextetts", verfasst von dem Komponisten Robert Frobisher (Ben Whishaw). Der kauzige Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent) liest 2012 ein Buch über Luisa Rey und wird durch einen Film zum Vorbild für die Replikantin Somni-451 (Bae Doo-na) im Jahr 2024. Entscheidend ist eher, dass es in allen sechs Episoden im weitesten und vor allem emphatischen Sinne um die Freiheit geht. Und dass fast sämtliche Figuren von einer Handvoll anglo-amerikanischer Megastars gespielt werden: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Sturgess, Jim Broadbent und Ben Whishaw stecken hinter so vielen Masken, dass man sie teilweise nicht wieder erkennt. Wer am Ende alle Nebenrollen von Hugh Grant aufzählen kann, ist offenkundig Fan und mag eine ganz andere Sorte von Film.

Entscheidungen und ihre Folgen

Vor allem mit dieser neuartigen Besetzungsmatrix nutzen die drei Regisseure die Möglichkeiten des eigenen Mediums: Im rasenden Wechsel von Zeit und Raum sorgen die bekannten Gesichter für Konsistenz. Eine fulminante Halle Berry verkörpert den Idealtypus der engagierten Aufklärerin; wann immer der alte Jim Broadbent auftritt, wird es lustig. Ganz und gar erstaunlich sind hingegen die Wandlungen von Tom Hanks, der vom höchst amüsanten Kotzbrocken – so wie hier als fiesen Rockliteraten mit Schlägerbärtchen und mörderischem Geltungswahn hat man ihn noch nie gesehen – bis zum Menschheitsretter einfach alles spielt. Im Zweifel setzen Tykwer und die Wachowskis auf ein identitäres Konzept. Doch der schauspielernde Star verkörpert im Kino stets zwei Illusionen: die der Identität und die des möglichen Wandels. Wir wollen immer alles sein können, von heute auf morgen unser Leben ändern und doch dabei ganz wir selbst bleiben – uns quasi selbst gegen den Strich besetzen. Und darum geht es in "Cloud Atlas". Mit jeder Entscheidung bestimmen wir unser eigenes Leben, und natürlich das der ganzen Menschheit.

Für solche allzu großen Erzählungen hatte Tom Tykwer immer eine Schwäche. Ob "Lola rennt" (1998) oder "Der Krieger und die Kaiserin" (2000): Tiefenpsychologische Erörterungen etwa über Zufall und Schicksal, in Tykwers Verständnis von Kinomagie immer irgendwie dasselbe, machten die großartigsten Bilder kaputt. Die eigentliche Sensation von "Cloud Atlas" ist wohl, dass er diesmal die Bilder für sich sprechen lässt und sich mit Welterklärungen angenehm zurückhält.

Visuelles Spektakel

Dabei liefert Mitchells Riesenroman mit seinen buddhistisch angehauchten Thesen von Wiedergeburt und Bestimmung einen mächtig ideologischen Überbau. Doch Tykwer und die Wachowskis, die das Jahr 1849 und natürlich die Zukunftsepisoden inszenierten, interessieren vor allem Strukturen. Auf der Oberfläche ist der Roman "Der Wolkenatlas" ein Paradebeispiel postmoderner Science-Fiction, die sich wie in den stilbildenden Werken Thomas Pynchons nicht mehr auf die Zukunft beschränkt. In unserem Internet-Zeitalter passiert alles gleichzeitig; zeitliche und räumliche Grenzen wirken aufgehoben, fließen mühelos ineinander. Das heißt gerade nicht, dass "Cloud Atlas" in seinem strukturierten Durcheinander einen Sinn ergibt. Manche Episoden sind gelungener als andere, viele Szenen könnte man weglassen. Und doch sieht man – nach einem katastrophal verworrenen Beginn – jederzeit gerne zu. Denn die drei Filmemacher inszenieren weniger ein intellektuelles Vergnügen als ein visuelles Spektakel. Und das ist gelungen: durch szenische Verknüpfungen, aber vor allem mithilfe einer exzellenten Kameraarbeit, toller Schauspieler und damit optischer Konsistenz halten sie den Laden zusammen. Vom New York der Disco- und Blaxploitation-Ära bis in die finsterste Zukunft ist es wirklich nur ein Katzensprung.

Letztlich, und das wirkt sehr sympathisch bei aller Megalomanie, zeigen die drei ungleichen Filmemacher, dass sich alle Filmstorys gleichen. Das mag mit unserer Sehnsucht nach Freiheit zu tun haben, oder zumindest nach Erzählungen von ihr: Schwache besiegen die Starken, es geht um Leid und Hoffnung, Gewalt und Liebe, und dazu noch braucht der Mensch ein bisschen Geschwindigkeit, also Action. Wenn man dazu sechs Filme auf einmal sehen muss, geht das zur Not auch. In der schönen neuen Welt des Kinos ist alles möglich. Tykwer und die "Matrix"-Regisseure drehen zusammen einen Film, in Potsdam-Babelsberg? Wer hätte das gedacht! Die Entwicklung der Menschheit geht tatsächlich unaufhaltsam weiter.

Cloud Atlas, USA, Deutschland 2011, Buch & Regie: Lana Wachowski, Andy Wachowski, Tom Tykwer nach dem Roman "Der Wolkenatlas" von David Mitchell, mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Ben Whishaw u.a., ab 12, 172 min, Kinostart: 15. November 2012 bei X Verleih

Fotos: © X Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "Cloud Atlas"

"Cloud Atlas" – die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite: "Cloud Atlas"
"Cloud Atlas" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Cloud Atlas" auf filmz.de




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