Dicke Mädchen

Wo ist Edeltraut?

Kinostart: 15.11.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wer zur Realisierung seines Diplomfilms eigens eine Produktionsfirma gründet und sie dann auch noch unbescheiden "Sehr gute Filme" nennt, sollte auch Entsprechendes liefern. Sieht man sich die Liste der Preise an, die Axel Ranisch für sein Debüt "Dicke Mädchen" bisher auf Filmfestivals eingeheimst hat, hat er sein vollmundiges Versprechen auch irgendwie eingelöst. Dabei ist sein Film alles andere als gefällig und schert sich weder ästhetisch noch erzählerisch um Konventionen.

Hauptfigur ist Sven Ritter (Heiko Pinkowski), ein übergewichtiger Bankangestellter mittleren Alters, der mit Mutti Edeltraut (Ruth Bickelhaupt) nicht nur die Neubauwohnung, sondern sogar das Bett teilt. Die ist an Demenz erkrankt und braucht, wenn Sven arbeitet, tagsüber Pflege. Die erledigt der ebenso mittelalte wie übergewichtige Daniel (Peter Trabert), der Edeltraut mit viel Feingefühl beaufsichtigt, mit ihr zum Friseur geht und auch schon mal als jugendlicher Tanzpartner herhält. Irgendwann macht sich Edeltraut mal wieder allein auf die Socken und sperrt Daniel auf dem Balkon aus. Bei der späteren gemeinsamen Suche nach Mutti kommen sich die beiden Herren unerwartet nahe, was deren bisheriges Leben ziemlich auf den Kopf stellt.

Dicke Männer und eine halbverrückte Oma, so ein Stoff lässt Filmproduzenten nicht gerade in Schwärmerei verfallen. So war die Eigeninitiative die beste Entscheidung, zumal Ranisch nicht der erste junge Regisseur ist, der seinen Film auf eigene Faust umsetzte. Bei Kurzfilmen ist das Gang und Gäbe. Besonders ist allerdings die mit extrem viel Selbstbewusstsein radikal zur Schau getragene sympathische Do-It-Yourself-Mentalität. Denn Ranisch hat gemeinsam mit Hauptdarsteller Heiko Pinkowski nicht nur das Treatment geschrieben, den Film produziert und Regie geführt. Er hat zudem seine talentierte 89-jährige Oma eine der Hauptrollen spielen lassen und mit einem Budget von 517,32 Euro in elf Tagen auf Mini-DV in ihrer Wohnung gedreht. Auch wenn manche Einstellungen dilettantisch wirken und die improvisierten Szenen und Dialoge nicht unbedingt dem Kinostandard entsprechen, merkt man dem Film in jeder Sekunde das Herzblut an, mit dem er gemacht ist, und kann nicht anders, als ihn und die Figuren zu mögen. Ein formal "sehr guter Film" ist "Dicke Mädchen" dennoch nicht, aber ein sehr herzerwärmend schöner. Und was das alles mit Mädchen zu tun hat, sollte jeder selber versuchen herauszufinden.
Ingrid Beerbaum

Dicke Mädchen, Deutschland 2011, Regie: Axel Ranisch, Buch: Axel Ranisch, Peter Trabner, Heiko Pinkowski, mit Heiko Pinkowski, Peter Trabner, Ruth Bickelhaupt, Paul Pinkowski u.a., ab 12, 76 min, Kinostart: 15. November 2012 bei missingFILMs

Foto: © missingFILMs



Mehr Infos zu "Dicke Mädchen"

"Dicke Mädchen" – die offizielle Filmwebseite (deutsch, englisch)
"Dicke Mädchen" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Dicke Mädchen" auf filmz.de




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