Die Stimme meines Vaters

Eine Familiengeschichte

Kinostart: 15.11.2012 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Basê ist schon lang allein. Zu lang, würden die meisten sagen. Ihr Mann Mustafa ging in den 1970er-Jahren in die Fremde, um Geld zu verdienen. Dann verschwand ihr ältester Sohn Hasan und schloss sich vermutlich der PKK an. Der jüngere, Mehmet, zog in eine nahe Stadt und gründet gerade eine Familie. Nun steht Basê einmal mehr verloren auf einer Bergkuppe, spricht mit Gott oder den Verschollenen, schichtet dabei Stein auf Stein und schaut in eine menschenleere Weite, wie sie einen in der Türkei jenseits der Städte empfängt. Felsig und karg, windig und kühl. Basê trotzt allem, schwarz und schweigend.

Bis zum ersten Dialog dauert es und dann ist es nicht einmal ein echter: Ein Telefon läutet, doch der Anrufer bleibt stumm. Wiederholt wird Basê fragen, ob wohl Hasan am anderen Ende sei, um dann ein, zwei Sätze loszuwerden, die davon künden, wie einsam sie sich fühlt. Kurdische Begriffe fallen, und langsam fügt sich die Tragödie der Familie Dogan wie ein Puzzle zusammen: Sie sind nicht "nur" Kurden, sie sind auch Aleviten, eine diskriminierte Glaubensgemeinschaft, da sie nicht richtig muslimisch ist.

Zögernd erzählt "Die Stimme meines Vaters" davon, wie schwierig das Leben der Dogans unter den Türken war und heute noch ist. Aus der Vergangenheit drängt die Stimme Mustafas in den Alltag von Basê und Mehmet. Mustafa hat einst Tonbänder besprochen, um aus der Ferne von seiner Arbeit und den Strapazen zu berichten und Erziehungsratschläge zu geben, denn Basê ist Analphabetin, hatte kein Telefon und die Kinder gingen noch nicht zur Schule. Als Mehmet seine Mutter besucht, nutzt er die Chance, Vergangenes zu verstehen, und dann wird aus ihren spröden Gesprächen eine Art Trauerarbeit, die beiden hilft.

"Die Stimme meines Vaters" basiert auf der Familiengeschichte von Regisseur Zeynel Dogan, der auch den Mehmet spielt und dabei wohl als erster kurdischer Sean-Penn-Look-Alike auffällt; in der Rolle der Basê ist übrigens seine Mutter zu sehen. Zuerst sollte "Die Stimme meines Vaters" ein Dokumentarfilm werden, dann fand sich Orhan Eskiköy als Co-Regisseur. Er bemäntelte die harten Fakten mit Fiktion, ohne dabei der Geschichte ihre Authentizität und Tragik zu nehmen, die prototypisch sein dürfte für den Alltag vieler kurdische Aleviten in der Türkei: das Überleben von Diskriminierung, Verfolgung und Massakern, von erzwungener Glaubens- und Identitätsleugnung.

Mustafa und Mehmet, um die hier alles kreist, bleiben während des Films unsichtbar. Dadurch werden ihre Schicksale noch gewichtiger. Umso verblüffender, wie subtil die komplexe Erzählweise in diesem Film Gegenwart mit Vergangenheit und Erinnerungen verknüpft und der Geschichte eine selten packende Aktualität verleiht.
Cristina Moles Kaupp

(Babamin Sesi) Türkei, Deutschland, Frankreich 2011, Regie: Orhan Eskiköy, Zeynel Dogan, Buch: Orhan Eskiköy, mit Basê Dogan, Gulizar Dogan, Zeynel Doganr u.a., OmU, o.A., 88 min, Kinostart: 15. November 2012 bei Aries Images

Foto: © Aries Images



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