Im Nebel

Ein guter Mensch

Kinostart: 15.11.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Blass und grau wabert der Nebel durch den dichten Wald. Freiwillig ist hier niemand unterwegs. Es ist das Jahr 1942, irgendwo im von den Deutschen besetzten westlichen Belorussland. Partisanen und Wehrmacht liefern sich in den Wäldern erbitterte Kämpfe. Ein paar von ihnen werden nach einem Sabotageakt gefangen genommen und gehängt. Nur der junge Shushenja wird freigelassen. Seine Kameraden glauben, er hätte die Gehängten verraten. Aber nur er und sein perfider Verhörer wissen, dass er unschuldig ist. So werden die Partisanen Burov und Voitik ausgesandt, um Shushenya im Wald standrechtlich zu erschießen. Bevor sie das Urteil aber vollstrecken können, werden sie von Nazi-Kollaborateuren schwer verwundet. Shushenya ist nun der Einzige, der sie retten kann.

Bereits in seinem Kinodebüt "Mein Glück" stellte Regisseur Sergej Loznitsa die ganz großen Fragen nach Schuld und Vergebung und lotete die Grenzen der Leidensfähigkeit eines Menschen aus. Sein neuer, bereits preisgekrönter Film "Im Nebel" geht noch weiter, indem er die Protagonisten der Extremsituation Krieg aussetzt. Der Plot basiert dabei auf einer Erzählung des belorussischen Autors Vassili Bykov, die 1977 schon einmal von Larissa Schepitko mit dem Titel "Aufstieg" verfilmt wurde. Während ihre Version aber ein großes Kriegspanorama malt, beschränkt sich Loznitsa auf die Dynamik zwischen den drei Hauptfiguren. Rückblenden erzählen ihre Vorgeschichte und machen ihre Motivationen nachvollziehbar. Vom großen Kriegsgeschehen ist nichts zu sehen, ebenso wenig von den ewig bösen Deutschen. Die eigenen kollaborierenden Landsleute sind Feinde genug.

Ähnlich wie in den großen russischen Filmklassikern ist die Kamera nah an den Figuren, die auf sich gestellt durch den nebligen Wald stapfen. In ihrer Ruhe haben die Bilder eine hypnotische Kraft, die die Agonie der Figuren fast physisch spüren lässt. Sie sind eigentlich keine Menschen mehr, sondern folgen nur noch der einfachen Logik des Krieges: Es gibt nur Freund oder Feind, Mitkämpfer oder Verräter. Für Zwischentöne ist kein Platz. Erst in ihrer Schwäche als Verwundete werden Burov und Voitik wieder zu individuellen Personen mit einer Geschichte und können auch Shushenya Gehör schenken, der eigentlich nur ein Opfer seiner Integrität ist. Aber die bedeutet in diesen Zeiten nichts, und am Ende bleibt nur der graue Nebel.
Ingrid Beerbaum

(V Tumane) Deutschland, Lettland, Niederlande, Russland, Weißrussland 2012, Buch & Regie: Sergei Loznitsa nach dem gleichnamigen Roman von Vassili Bykov, mit Vladimir Svirski, Vlad Abashin, Sergei Kolesov, Nikita Peremotovs u.a., ab 12, 127 min, Kinostart: 15. November 2012 bei Neue Visionen

Foto: © Neue Visionen



Mehr Infos zu "Im Nebel"

"V Tumane" – die offizielle Filmwebseite (englisch, russisch)
"Im Nebel" – Infos vom deutschen Verleih
"Im Nebel" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
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