Stille Seelen

Zwei Männer, eine Frau und der Tod

Kinostart: 15.11.2012 | Melanie Dorda | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Aist arbeitet in der Papiermühle von Miron. Als dessen Frau Tanja stirbt, bittet er Aist um einen Freundschaftsdienst. Er soll ihm helfen, Tanja nach alter Tradition der Merja für die Bestattung herzurichten und zu dem weit entfernten Fluss zu bringen, wo er einst mit ihr auf Hochzeitsreise eine glückliche Zeit verbracht hat. Dort will er sie einäschern und dem Wasser übergeben. Die Merja waren einst ein finno-ugrisches Volk, das von den Slawen assimiliert worden ist, erzählt Aist. Ihre Traditionen und Riten werden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Aist und Miron betrachten sich als Nachfahren der Merja. Also waschen sie Tanjas Körper, schmücken ihn wie eine Merja-Braut, legen ihn behutsam in Decken gehüllt auf den Rücksitz von Mirons Auto und starten ihre Reise, die auch eine in die Vergangenheit ist.

Während sie durch eine scheinbar endlose, unaufdringlich schön gefilmte russische Landschaft fahren, lässt Miron in detaillierten sexuellen Erzählungen sein Leben mit Tanja Revue passieren. Und auch Aist denkt an seine sehr spezielle Beziehung zu der Toten zurück, die nicht zuletzt der Grund war, warum Miron ihn für diese Fahrt ausgewählt hat. Aber auch lebhafte Erinnerungen an seinen Vater, einen Dichter, der nach dem Selbstmord der Mutter seine Schreibmaschine in einem Eisloch versenkte, überkommen Aist. So wird die Reise zu einer Meditation über die Vergänglichkeit von Liebe, Leben und der alten Merja-Kultur und zur Suche nach einem größeren Sinnzusammenhang.

Aleksei Fedorchenko erzählt ein poetisches Märchen über eine seltsam entspannte Männerfreundschaft, die nur über die Liebe zur selben Frau besteht. Frauen kommen im Film vornehmlich in ihrer Körperlichkeit als Objekte der Begierde vor, deren eigene Bedürfnisse und Gefühle rätselhaft und unbestimmt bleiben. Originell erzählt bleiben vor allem die Bilder von dem in Venedig ausgezeichneten Kameramann Mikhail Krichman lange in Erinnerung.
Melanie Dorda

(Ovsyanki) Russland 2010, Regie: Aleksei Fedorchenko, Buch: Denis Osokin, mit Yuliya Aug, Igor Sergeyev, Viktor Sukhorukov, Yuriy Tsurilo, Larisa Damaskina u.a., OmU, ab 12, 77 min, Kinostart: 15. November 2012 bei Film Kino Text

Foto: © Film Kino Text



Mehr Infos zu "Stille Seelen"

"Ovsyanki" – die offizielle Filmwebseite (russisch)
"Stille Seelen" – Filminfos vom deutschen Verleih
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