Tepenin ardi - Beyond the Hill

Der unsichtbare Feind

Kinostart: 15.11.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Emin Alper bedient sich für sein Regiedebüt "Beyond the Hill" beim klassischen Western, schon in der Art und Weise, wie er seine Figuren vor der wilden Berglandschaft der Türkei in Szene setzt. Drei Generationen Männer sitzen in der Wildnis um ein nächtliches Lagerfeuer. Der Bezug zum Western ist konsequent. Wenn John Wayne und Charlton Heston nicht gerade Indianer massakrierten, behandelte dieses uramerikanische Genre die grundsätzliche Frage, wie sich der Mensch mit dem gottgegebenen Land arrangieren kann und gleichzeitig als isolierte Gemeinschaft ein ziviles Selbstverständnis entwickelt. "Beyond the Hill" greift die Psychologie des Genres auf und entdeckt regelrecht pathologische Züge. Der Streit um das Land des Patriarchen Faik macht die verborgenen Konfliktlinien innerhalb der Familien sichtbar. Jenseits der Berge, die sein Land begrenzen, lebt eine Gruppe Nomaden, die seine Wiesen hin und wieder als Weideland für ihre Ziegen benutzen. Für den alten Mann ein ungeheuerlicher Affront.

Doch die Nomaden bleiben unsichtbar, ihre Bedrohung nimmt nur in den Erzählungen Faiks konkrete Formen an. Dafür rücken die familiären Konflikte stärker in den Vordergrund. Nusret, der zusammen mit seinen Söhnen den Vater und seinen einfältigen Bruder Mehmet für ein Wochenende auf dem Land besucht, ist ein selbstgefälliger Nichtsnutz, der mit dem rückständigen Landleben wenig anfangen kann. Dass er als Erbe nicht in Betracht kommt, enttäuscht Faik. Seine Enkel Zafer und Süleyman entsprechen wie die eigenen Söhne ebenfalls nicht seinem Männlichkeitsideal. Zafer leidet seit dem Krieg unter Wahnvorstellungen und der stille Süleyman zieht sich mit seinen Tieren lieber in die Berge zurück.

Der alte Mann sieht sein Lebenswerk bedroht. Als Sündenbock müssen die Nomaden herhalten, der unsichtbare Feind "hinter den Hügeln". Alper beobachtet die Dynamik der Männergruppe ohne Situationskomik, auch wenn die Verwechslungen und (Selbst-)Täuschungen der Männer Screwball-Comedy-Qualitäten besitzen. Stattdessen entladen sich die Frustrationen zusehends in – teilweise unfreiwilliger – Gewalt. Die verschworene Zweckgemeinschaft der Männer basiert auf Lügen, dazu liefert die archaische Berglandschaft ein schönes Paradox. In "Beyond the Hill" dient sie als Kulisse für eine Gesellschaftskonstellation, in der sich die Konflikte der gegenwärtigen Türkei (die kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen, die Differenzen mit Israel, der Streit um den EU-Beitritt) abzeichnen. Schon die besten Western waren immer auch gesellschaftliche Parabeln.
Andreas Busche

Tepenin ardi - Beyond the Hill, Türkei, Griechenland 2012, Buch & Regie: Emin Alper, mit Tamer Levent, Reha Özcan, Mehmet Özgür, Berk Hakman, Furkan Berk Kiran u.a., OmU, 94 min, Kinostart: 15. November 2012 bei arsenal distribution

Foto: © George Chiper-Lillemark



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