So euphorisch war der Jubel, der "Die fabelhafte Welt der Amélie" vorab begleitete, dass er Skepsis weckte. Schließlich schießen die Franzosen, jene selbst ernannten Experten in Sachen l'amour, Charme und Charisma, in ihrer Verehrung manchmal auch gehörig übers Ziel hinaus. Inzwischen aber liegt fast die ganze Welt Amélie zu Füßen. Ganz klar, für viele ist sie die bezauberndste Kinoheldin seit langem. Weshalb der Verleih sich auch für eine rasche Wiederaufführung entschied, begleitet von einem internationalen Preisregen (unter anderem BAFTA, César und mehrere Oscar-Nominierungen).
Während ihre Nachbarn und Arbeitskollegen in ihr nur die schüchterne, einsame Kellnerin mit den verschreckten Rehaugen sehen, ist Amélie tatsächlich so etwas wie der heimliche Schutzengel des Montmartre. Ein Mädchen zum Niederknien. Verschmitzt und pfiffig arrangiert sie heimlich kleine Wunder: Sie verkuppelt einen griesgrämigen Gast mit der hypochondrischen Zigarettenverkäuferin, so dass die beiden vor lauter Glück das Bistro zum Beben bringen, sorgt sich um ihren Nachbarn mit den Glasknochen, schreibt ihrer Concierge einen Liebesbrief ihres verstorbenen Mannes und schützt den tumben Lehrjungen im Gemüseladen vor seinem tyrannischen Chef. Bloß das eigene Glück mit ihrem "Prince Charming" Nino scheint unerreichbar ...
Doch nicht nur Amélie fasziniert durch ihre Hingabe und Akribie. Auch der Film selbst ist mit solcher Hingabe gemacht: versponnen, liebenswert, voller aberwitziger Schnörkel und detailversessener Manierismen. Ein funkelndes Märchen. Nach seinem Ausflug nach Hollywood mit "Alien 4" ist Jean-Pierre Jeunet in seine Heimat zurückgekehrt und hat den existenziellen Pessimismus, der seine dunkle Space-Opera genau wie die früheren Filme mit Marc Caro ("Delicatessen", "Stadt der verlorenen Kinder") durchwehte, für diese skurrile comédie humaine abgelegt.
Annette Kilzer
(Le fabuleux destin d'Amélie Poulain) F 2001, Regie: Jean-Pierre Jeunet, Buch: Guillaume Laurant, Jean-Pierre Jeunet, mit Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Yolande Moreau, Artus de Penguern, Urbain Cancelier, Dominique Pinon, Wiederaufführung ab 28. März 2002 bei Prokino
Foto: Verleih
Kommentare
Dein Kommentar