Eine tschechische Kleinstadt im Sommer 1943. Die Deutschen beherrschen das Straßenbild, und die allgegenwärtigen Fahnen verhängen die Sicht. Ansonsten scheint alles ruhig: Kinder spielen auf dem Trottoir, und die Juden stehen mit ihren Koffern auf der sonnigen Straße. Vor ihren Häusern warten sie wie verabredet auf den Abtransport. Alles geht seinen scheinbar normalen, grausamen Gang. So auch bei den Wieners, der jüdischen Fabrikantenfamilie. Ihr Hab und Gut wird verladen, und ihr ehemaliger Fahrer Horst Prochaska, der sich zum sudetendeutschen Nazifreund gewandelt hat, kontrolliert akribisch den Vorgang.
Josef Cicek, leitender Angestellter des Industriellen Wiener, steht die hoffnungslose Hilflosigkeit angesichts der schwer zu fassenden Ungerechtigkeit ins Gesicht geschrieben. Der junge David Wiener verabschiedet sich von Marie Cicek: In Theresienstadt soll es ja sogar ein Orchester geben, schreibt seine Tante von dort, und der Onkel, der habe leider diesen Husten. Nur, sagt David mit einem traurigen Blick auf die erschreckte Marie, ist sein Onkel doch schon seit fünfzehn Jahren tot ...
"Wir müssen zusammenhalten!"
Die Erinnerung an die Juden verschwindet mit der Zeit. Der halbinvalide Josef lungert auf dem Sofa, Marie putzt das darüber hängende Bildnis der Heiligen Jungfrau und wünscht sich nichts so sehr als ein Kind. "Hände hoch!" - Blitzkriegartig überfällt Horst, genannt "Wurst", das kinderlose Ehepaar, das seine Besuche wie einen dröhnenden Gefechtsdonner über sich ergehen lässt. Solange er solch ersehnte Dinge wie echten Kaffee aus seiner deutschen Aktentasche zaubert oder mit einem Wurstkranz den siegreichen deutschen Truppenverlauf erklärt, erträgt Marie auch seine plumpen Annäherungsversuche. "Wir müssen zusammenhalten!", donnert die plumpe Hitlerkarikatur ihr ins Gesicht und tätschelt ihr das Knie. Die Ciceks ziehen den Kopf ein und warten, dass der Spuk vorbei sei.
Ihr Leben verläuft in normalen Bahnen bis eines Nachts, von keuchenden Hustenstößen vorangetrieben, der junge David durch die Straße der Ciceks taumelt. Ein Nachbar entdeckt den vom Grauen des KZs Gezeichneten. David muss wieder einmal erfahren, wie der Naziterror vermeintlich harmlose Menschen zu Denunzianten macht. Die Situation ist ausweglos. Er versteckt sich in seinem ehemaligen Elternhaus, wo er von Josef entdeckt wird. Obwohl sich Josef vor Schreck in die Hose macht, entschließt er sich, David über Nacht bei sich aufzunehmen. Hin- und hergerissen zwischen der Angst vor Entdeckung und dem Wunsch zu helfen, entwickelt die eher schüchtern-verträumte Marie im Gegensatz zu ihrem Mann eine ungeahnte Resolutheit. David wird in der begehbaren Speisekammer versteckt und das darin hängende verbotene Schwein kurzerhand in einer Fressorgie aufgegessen.
Das Private wird politisch und das Politische privat
Der junge Jude wird für das Paar nicht nur zu einem logistischen Problem sondern zu einer nervenaufreibenden Belastungsprobe. Das Private wird politisch und das Politische zugleich privat. Denn die Anwesenheit des überall herumschnüffelnden Horst wird zu einer zunehmenden Bedrohung. Um jeden Verdacht abzuwenden, beginnt Josef für die verhassten Besatzer zu arbeiten. Doch seine Gefühle kann er nicht verbergen. Bloß keine Regung zeigen! Schon trägt Josef den gleichen tumben Ausdruck im Gesicht wie der mit einer ehrgeizigen Deutschen verheirateten Horst. Als ein Nazi bei ihnen einquartiert werden soll, behauptet Marie geistesgegenwärtig, sie sei schwanger - obwohl Josef zeugungsunfähig ist. Aber da ist ja noch ein Mann im Haus ... Und David wird für Marie und Josef die einzige Rettung in einer ausweglosen Situation zwischen Tränen und Lachen.
"Wir müssen zusammenhalten" - oder "Sich gegenseitig helfen", wie der tschechische Originaltitel eigentlich meint - zeigt detailgenau die Ambivalenz zwischen persönlichem Mut und tödlicher Angst unter dem Druck der Ereignisse. In der Gefahr, das eigene Leben zu verlieren, handeln die mit subtilem Humor gezeichneten Figuren, wo es eigentlich keinen Handlungsspielraum mehr zu geben scheint. Am Ende des Films wünscht man sich, dass es solche Menschen wie das Ehepaar Cicek gegeben hat. Die beiden sind wahrlich keine überzeugten Helden - doch sie handeln menschlich in einer unmenschlichen Zeit, in der keiner keinem trauen kann. Der Fähigkeit zu gegenseitiger Hilfe wird mit den Schlussbildern dieses überzeugend inszenierten Films ein Fanal der Humanität gesetzt: Von Bachchorälen begleitet schiebt der mit Vaterfreuden gesegnete Josef den Kinderwagen durch eine erlöste Trümmerlandschaft des Kriegsendes.
(Musíme Si Pomáhat) Tschechien 2000, Regie: Jan Hrebejk, Buch: Jan Hrebejk, Petr Jarchovský, mit Bolek Polívka, Csongor Kassai, Jaroslav Dusek, Anna Sisková, Jirí Pecha, Kinostart: 21. März 2002 bei Movienet
Foto: Verleih
Silke Kettelhake ist fluter-Redakteurin.
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