Pieta

Anfang und Ende von allem

Kinostart: 8.11.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Kim Ki-duk geht seit jeher nicht zimperlich vor. Der südkoreanische Filmemacher konfrontiert sein Publikum seit seinen frühen Filmen mit drastischen Gewaltdarstellungen und hat sich damit nicht nur einmal den Vorwurf der Gewalt-Effekthascherei anhören müssen. Wer aber allein einmal den zweckentfremdeten Einsatz von Angelhaken in "Die Insel" gesehen hat, wird den Film wohl kaum vergessen können. Auch sein aktuelles Werk "Pieta", das auf dem diesjährigen Festival in Venedig den Goldenen Löwen gewann, schaut in eine brutale Welt. Im Mittelpunkt steht der junge Lee Kang-do, der sich als Handlanger eines Kredithais verdingt. Der Einzelgänger streift Tag für Tag durch ein altes Viertel von Seoul, um Schulden einzutreiben. Da die einfachen Handwerker in den meisten Fällen ihre Kredite mit den wucherhohen Zinsen nicht zurückzahlen können, macht Lee Kang-do sie zu Krüppeln, damit sein Boss das Geld der Versicherung einstreichen kann.

Vor allem im ersten Drittel seines Films zeichnet Kim ein finsteres Gesellschaftsbild, das als Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus verstanden werden will. Das Geld hat hier vor allem eine destruktive Kraft, die bis in zwischenmenschliche Beziehungen reicht, die der Regisseur mit gewohnt extremen Mitteln erforscht. Doch nicht nur in der schwer erträglichen Drastik, mit der Lees Verstümmelungstouren illustriert werden, fügt sich "Pieta" problemlos in Kims bisherige Filmografie. Auch darüber hinaus wirkt vieles aus dem Kim-Kosmos vertraut: von der bildhaften Überhöhung in der Inszenierung bis zum deutlichen Einsatz christlicher Symbolik.

Die findet sich bereits im Titel wieder, hat Kim seinen Film doch nach Bildern benannt, die den toten Jesus in den Armen der Jungfrau Maria zeigen. Diese Darstellungen sind Ausdruck von Verlust, schmerzvoller Trauer und Mitleid. All diese Aspekte stellen auch in Kims "Pieta" wichtige Koordinaten dar und werden vor allem durch die ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung thematisiert. Denn eines Tages steht bei dem Einzelgänger eine Frau namens Jang Mi-sun vor der Tür, die behauptet, seine Mutter zu sein. Nachdem der misstrauische Kang-do sie mit drastischen Methoden geprüft hat, nähert er sich der Frau an, empfindet erstmals so etwas wie Nähe und erfährt Mutterliebe. Doch dieses ungewöhnliche Familienglück dauert nur kurz an, denn seine Mutter wird entführt – glaubt zumindest Lee, der alles daran setzt, sie zu befreien.

Immer wieder schlägt die Handlung von "Pieta" überraschende Haken. Nicht nur einmal wird der Plot unvorhersehbar umgelenkt. Der Film häutet sich dabei von der heftigen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen zum Familiendrama, zur bitteren Rachegeschichte, in der Kim mit aller Konsequenz Schuld, Sühne und Gnade verhandelt. Der Einsatz seiner extremen Mittel stößt sicher Teile des Publikums ab und vor den Kopf. Allerdings gelingt es dem Filmemacher damit auch, ein über weite Strecken äußerst wuchtiges Drama zu entwickeln und einige Bilder zu entwerfen, die auch lange nach Ende des Films in den Gedanken weiterarbeiten.
Sascha Rettig

Pieta, Südkorea 2012, Buch & Regie: Kim Ki-duk, mit Cho Min-soo, Lee Jeong-jin, Woo Gi-hong, Kang Eun-jin, Jo Jae-ryong, Lee Myung-ja u.a., ab 16, 104 min, Kinostart: 8. November 2012 bei MFA+

Foto: © MFA+ FilmDistribution e.K.



Mehr Infos zu "Pieta"

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