Winterdieb

Zwischen oben und unten

Kinostart: 8.11.2012 | Jörn Hetebrügge | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein Skigebiet in den Schweizer Alpen. Zwischen Liftanlagen und Hütten tummeln sich die Urlauber, mitten unter ihnen Simon, ein 12-jähriger Dieb, der seinem Metier mit verblüffender Kaltschnäuzigkeit nachgeht. Seine Beute sind Skier, Winterjacken, Sonnenbrillen – alles was die arglosen Touristen für einen Augenblick unbeaufsichtigt lassen und was sich unten im Tal verkaufen lässt. Denn unten ist Simon zu Hause. Dort bewohnt er ein Apartment in einem Sozialbau mit Louise, seiner älteren Schwester, die sich von Tag zu Tag, von Mann zu Mann treiben lässt. Jobs macht sie nur gelegentlich. Obwohl sie den kleinen Bruder oft tagelang allein lässt, ist Louise doch Simons einziger Fixpunkt. Und so schlüpft der junge Dieb für beide in die Rolle des Ernährers.

Ihren wunderbaren zweiten Kinofilm "Winterdieb" nennt die französisch-schweizerische Regisseurin Ursula Meier einen "vertikalen Film". Die Handlung, von der agilen Kamera Agnès Godards mit dokumentarischer Intensität eingefangen, pendelt dabei nicht nur geografisch zwischen oben und unten. Skigebiet und Tal markieren auch zwei gesellschaftliche Pole. Wenn Simon im Lift den Berg hinauffährt, dann verlässt er die graue Sphäre der Unterschicht und betritt die unbeschwerte Winterwelt der Reichen. Dass er sich dort weitgehend unbehelligt bewegt, liegt allein an seiner Tarnung: Skibrille und Helm verbergen seine Identität. Ohne sie droht er aufzufliegen wie ein Hochstapler. Dass Simon indes nicht allein die finanzielle Not zu seinen Beutezügen motiviert, ist augenscheinlich. Mehr noch als am materiellen Elend leidet er an mangelnder Zuwendung. So dient das Geld, das er sich durch seine kriminellen Touren verschafft, vor allem einem Zweck: Louise an sich zu binden.

"Winterdieb" besticht durch eine poetische Bildsprache, die eine große Sensibilität für Schauplätze und soziale Realitäten offenbart. Nicht nur darin erinnert Ursula Meiers Film an die der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne ("Der Junge mit dem Fahrrad", "L'enfant"). Auch ihr zärtlicher, doch unsentimentaler Blick auf gesellschaftliche Außenseiter ähnelt dem der belgischen Altmeister. Denn bei aller Sympathie beschönigt Ursula Meier die Handlungen ihres Protagonisten keineswegs. Simon ist ebenso wenig ein Engel wie Louise. Die Mechanismen der Konsumgesellschaft haben ihn geprägt und entsprechend verhält er sich auch. Dass Geld Macht bedeutet, weiß er nur zu genau – und das lässt er Louise auch spüren. An seiner Tragik mindert das nichts. Im Gegenteil, denn was Simon nicht erkennt: Emotionale Nähe lässt sich nicht einfach kaufen.
Jörn Hetebrügge

(L'enfant d'en haut) Schweiz, Frankreich 2012, Regie: Ursula Meier, Buch: Antoine Jaccoud, Ursula Meier, mit Léa Seydoux, Kacey Mottet Klein, Martin Compston, Gillian Anderson, Jean-François Stévenin u.a., o.A., 97 min, Kinostart: 8. November 2012 bei Arsenal

Foto: © Arsenal Filmverleih



Mehr Infos zu "Winterdieb"

"Winterdieb" - Informationen vom deutschen Verleih
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Winterdieb" auf filmz.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)