Detlef - 60 Jahre schwul

Ein Mann der ersten Stunde

Kinostart: 1.11.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn heute Zehntausende unbeschwert beim Christopher Street Day feiern, sind sich die meisten nicht mehr darüber bewusst, dass das noch vor vierzig Jahren kaum jemandem gefallen hätte. Einer, der mit den Grundstein für die Akzeptanz Homosexueller in der Bundesrepublik legte, ist Detlef Stoffel, Protagonist der Dokumentation "Detlef - 60 Jahre schwul" von Stefan Westerwelle und Jan Rothstein. Man mag kaum glauben, dass dieser stille Mann einst einer der führenden Köpfe der frühen Homosexuellenbewegung in Westdeutschland war. Anfang der 1970er-Jahre gründete er eine der ersten schwulen Aktionsgruppen im westfälischen Bielefeld und lebte in der ersten offen homosexuellen WG der Stadt. Er trat offiziell als Sprecher der Schwulenbewegung auf und drehte Dokumentarfilme. Später eröffnete er den ersten Naturkostladen der Stadt mit offen schwulem Personal, aus dem der wichtigste regionale Großhandel für Bioprodukte hervorging.

Alles Dinge, auf die Stoffel stolz ist. Sein 60. Geburtstag ist jedoch wenig Grund zum Feiern. Ein bisschen Sekt mit der Mutter; die eigentliche Feier gibt es später mit Freunden in Berlin. "Mit 60 ist man alt – als Schwuler allemal", sagt er einmal mehr nachdenklich als verbittert. Er, der als Aktivist und Unternehmer immer unterwegs war, pflegt nun in Bielefeld seine 91-jährige Mutter und sucht erneut seinen Platz. Offen und schonungslos lässt er den Zuschauer an seinem aktuellen und für ihn sichtbar frustrierenden Leben teilhaben. Die Kamera ist dabei, wenn er sich wieder mit seiner Mutter streitet oder im Internet nach potenziellen Sexpartnern sucht. Kernstück der Dokumentation ist allerdings das Privatarchiv im Keller. Akribisch hat Stoffel nicht nur sein Leben, sondern auch die Essenz der frühen Schwulenbewegung archiviert: Flugblätter, Filmschnipsel, Liebesbriefe stehen gleichberechtigt nebeneinander und ergeben ein ebenso detailliertes wie farbenfrohes Abbild der Zeit, das auch die Zerwürfnisse und Schwierigkeiten nicht ausspart. Fernseharchivbilder und Erinnerungen alter Bekannter wie Gustav Peter Wöhler, Corny Littmann vom Hamburger Schmidt Theater oder Lilo Wanders ergänzen dieses wunderbare Porträt eines reichen Lebens. "Detlef - 60 Jahre schwul" ist Biografie, Zeitgeschichte und unsentimentales Nachdenken über das Alter gleichermaßen. Ein seltenes Kleinod.
Ingrid Beerbaum

Detlef - 60 Jahre schwul (Dokumentarfilm), Deutschland 2012, Buch & Regie: Stefan Westerwelle, Jan Rothstein, mit Detlef Stoffel, Lilo Wanders, Corny Littmann, Anneliese Stoffel, Gustav-Peter Wöhler u.a., ab 16, 90 min, Kinostart: 1. November 2012 bei Pro-Fun

Foto: © Pro-Fun



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