Lore

Der Krieg ist aus

Kinostart: 1.11.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Er kommt, oder? Der Endsieg?" Als Lore (Saskia Rosendahl) das fragt, hat sie schon leichte Zweifel. Der Vater ist nach Hause gekommen in stockfinsterer Nacht, hat seine Uniform verbrannt und eine Menge Akten mit Hakenkreuzemblemen. Das Feuer war warm. Warum er das getan hat, weiß sie nicht. Die Mutter spricht nicht mehr viel, seit jeder weiß, dass der Krieg verloren ist. Nur Lore glaubt noch an den Endsieg. Sie hat nichts anderes gelernt. Sie hat keine Ahnung, was Krieg ist, was die Deutschen den Juden angetan haben oder wie ein amerikanischer Jeep aussieht, obwohl sie das alles bald lernen wird. Lore, 15-jährige Tochter eines hohen SS-Offiziers, muss fliehen, allein mit den jüngeren Geschwistern. Auf dem Weg vom Schwarzwald zur Großmutter in den hohen Norden, im schönsten Frühlingslicht und doch voller Angst, erfährt sie alles über das Leben, oft brutal und viel zu schnell.

Cate Shortlands Erzählung vom Kriegsende 1945 hat eine starke Handlung, aber gebaut ist sie aus den Elementen: Feuer, Wasser, Licht, Wärme – die Flucht ist eine körperliche Erfahrung, die die Sinne verwirrt und zugleich schärft. In der lyrischen Verfremdung des Geschehens, bekannt aus Shortlands Debüt "Somersault", drängen das Unbewusste, die Scham, die erwachende Sexualität nach außen. Die Konfrontation mit der äußeren Realität hingegen wird zum bösen Traum: Lore sieht Blut, vergewaltigte Frauenleichen, von den Alliierten ausgehängte Bilder aus den Vernichtungslagern. Die Gier nach Nahrung treibt die Menschen in die Barbarei – oder wird nur die Zivilisation neu verhandelt? Lore trifft Thomas (Kai Malina), einen jungen Mann mit jüdischem Pass, der ihr hilft. Doch sie bleibt misstrauisch: Ist er nicht, wie es immer hieß von den Juden, undurchschaubar und auf den eigenen Vorteil bedacht? Das BDM-Mädel, ein perfektes Produkt nationalsozialistischer Erziehung, muss lernen, dass die wahre Barbarei hinter ihr liegt. Und dass ein neues Leben beginnt.

Wie "Lore" hat noch kein Film von den Deutschen und ihrer Geschichte erzählt. So rücksichtslos sinnlich und zugleich ungeschönt versuchte das nur Marianne Rosenbaums "Peppermint Frieden" (1983). Darin ging es um die Freundschaft eines kleinen Mädchens zu einem Kaugummi verteilenden US-GI, gespielt von Peter Fonda. Es ist durchaus ein weiblicher Blick, den die Australierin auf dieses fremde Deutschland wirft, dessen Bildtraditionen sie völlig ignoriert. Die Wälder sind grün, die Farben hell und nirgendwo sieht man das Sepiabraun, das man seit Bernd Eichinger und Volker Schlöndorff für die damalige deutsche Wirklichkeit hält. Es wird wenig erklärt, nicht belehrt und nie beurteilt, und das ist ein großes Geschenk. Dabei ist Lores Figur, mit stahlblauen Augen und fast ohne Worte gespielt von einer beängstigend guten Saskia Rosendahl, nicht leicht zu begreifen. Man muss spüren, was in ihr vorgeht, so wie Cate Shortland es macht in ihrem preisgekrönten Film.
Philipp Bühler

Lore, Australien, Deutschland, Großbritannien 2012, Regie: Cate Shortland, Buch: Robin Mukherjee, Cate Shortland  nach dem Roman "Die dunkle Kammer" von Rachel Seiffert, mit Saskia Rosendahl, Nele Trebs, André Frid, Mika Seidel, Kai Malina, Nick Holaschke u.a., ab 16, 109 min, Kinostart: 1. November 2012 bei Piffl Medien

Foto: © Adam Arkapaw



Mehr Infos zu "Lore"

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