Alles wird gut

Die Bühne des Lebens

Kinostart: 1.11.2012 | Tim Slagman | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der Regisseur Niko von Glasow hat schon mit Rainer Werner Fassbinder gearbeitet und mit Tom Tykwer. Er hat die Tibetan Film School in Lhasa gegründet. Und er ist mit einer Conterganschädigung auf die Welt gekommen. Das Sommerblut Kulturfestival in Köln bat ihn im vergangenen Jahr, ein Theaterstück mit "möglichst vielen Behinderten" zu machen. Wer, um Himmels willen, denkt sich so was aus – und formuliert es dann auch noch so?

Die Grundidee zu dem Stück, die der Regisseur im Kopf hatte, klingt denn auch furchtbar gut gemeint: Bei einer Casting-Show werden die behinderten Teilnehmer in einen abgelegenen Raum abgeschoben und dann dort vergessen. Diese Prämisse hat von Glasow mit "Alles wird gut" jedoch in eine hochintelligente Reflexion münden lassen. Der Film, der die Proben und die Entwicklung der Inszenierung begleitet hat, berührt, irritiert und fasziniert zugleich. Wie viel Fiktion steckt im Dokumentarischen? Wie viel echtes Leben steht auf der Bühne?

"Alle Schauspieler sind behindert, besonders die guten", sagt von Glasow. Er zwingt seine Darsteller zum Seelenstriptease, was ihre Behinderung denn sei, hat er sie gefragt, und tatsächlich, jeder scheint eine zu haben. "Konfliktunfähigkeit", meint etwa Annika Reinicke, und sie ist so ziemlich die Einzige, die nicht irgendwann in dem nervenaufreibenden Prozess der Proben und Improvisationen mit von Glasow aneinandergerät.

Die blinde Darstellerin Leslie Ann Mader etwa reagiert auf Geräusche in ihrer Umgebung, sie wendet dann den Kopf. Von Glasow meint, das sehe aus, als sei sie gar nicht blind. Ein phänomenaler Wutausbruch folgt. Oliver soll sich, im Stück natürlich nur, in Jana verlieben. Doch als Jana Oliver einen Zettel mit einem Liebesgedicht entreißt, flippt er aus, wirft Stühle durcheinander, rauft sich die Haare, beginnt zu weinen. Die Kamera hält, selbst überrascht und gleichzeitig respektvoll, Distanz, signalisiert: Das ist echt. Diese Szene findet Eingang ins Stück, oder war sie von vornherein so geschrieben, nur Olivers Reaktion echt – oder noch nicht einmal diese?

Von Glasow gelingt, bei aller guten Laune und bei aller tiefen Traurigkeit, die manchmal durchdringt, eine echte Verstörung mit dieser Methodik, bei Schauspielern wie Kinozuschauern zugleich. Seine Arbeit erzählt vom Theater, vom künstlerischen Schaffensprozess und von der Reibung zwischen Bühne und Film mindestens so viel wie von vielen der unzähligen Behinderungen, die es so gibt in Kopf, Armen und Beinen.
Tim Slagman

Niko von Glasows Alles wird gut, Dokumentarfilm mit Spielszenen, Deutschland 2012, Regie: Niko von Glasow, Buch: Niko von Glasow, Kirstin von Glasow, mit Jana Zöll, Nico Randel, Mirco Monshausen, Manon Wetzel, Oliver Grice, Christina Zajber u.a., o.A., 96 min, Kinostart: 1. November 2012 bei NFP

Foto: © 2012 Palladio Film/Werner Meyer



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